Bei seiner Führung durch Wangen, der letzten in diesem Jahr, versucht der Historiker Helmut Fidler das ehemalige, überwiegend friedliche Zusammenleben von jüdischen und christlichen Bewohnern deutlich zu machen: 1865, zur Blütezeit der jüdischen Gemeinde, zählte sie 233 Personen. Sie hatte eine Mikwe, ein rituelles Badhaus am Dorfbach, bis dieser für den Bau der Schiffslände verlegt wurde. Ein eigenes Schulhaus, 1852 gebaut. Und natürlich eine Synagoge: zunächst eine hölzerne, 1759 errichtet, dann ab 1826 eine größere aus Stein. Die badische Landeszeitung vermeldet am 1.September 1853, eine „schöne Synagoge, die dicht am Ufer des unteren Bodensees liegt, und (einen) erbaulichen Gottesdienst mit Sangchor, der darin ausgeübt wird."

Am Standort der früheren Synagoge hält die Gruppe um Fidler ein drittes Mal an: vor dem schmiedernen Tor, das 2009 als Symbol für das zerstörte Gotteshaus errichtet wurde. Die Torpfosten zeigen ein Foto sowie eine Zeittafel, beides ist kaum zu erkennen. Ein Teilnehmer des Rundgangs bemerkt, wie verblasst die Inschriften doch seien: „So, als wolle man nicht, dass sie jemand liest“, sagt er. Vielleicht soll die zarte Schrift ja das Verblassen der Erinnerung symbolisieren?, mutmaßt eine weitere Teilnehmerin. „Eher ein technisches Problem“, sagt Fiedler. Das Foto wurde schon verblasst angelegt und sei in der Sonne weiter ausgebleicht.

Doch die kaum zu entziffernden Tafeln sind das eine. Störender finden die Mitglieder des „Freundeskreises Jacob Picard“ – der jüdische Schriftsteller wuchs in Wangen auf und kehrte nach langem Exil in den sechziger Jahren zurück – die Situation des Tores. Im Winterhalbjahr geht es hinaus auf den leeren Platz, der Blick kann ungehindert über das ehemalige Synagogengrundstück bis hinunter zum See schweifen. Doch im Sommerhalbjahr wird es mit einer Kette verschlossen, dahinter stellt man eine Reihe von Oleandertöpfen, und die Dauercamper besiedeln den Platz. Das Grundstück ist sommers nicht begehbar, unten am See warnt ein rüdes Schild: „Durchgang nur für Camper. Der Aufenthalt im Gelände ist gebührenpflichtig. Kein Radweg, kein Spazierweg“, heißt es da.

Seit August 2017 gibt es nun wieder Anstöße, das Gelände aus der Campingplatznutzung herauszunehmen, zumal ein Pächterwechsel ansteht. Anne Overlack, Historikerin in Bankholzen und Sprecherin des Freundeskreises Jacob Picard, konnte einen Mäzen gewinnen, der den Einnahmeausfall der Gemeinde für fünf Jahre tragen würde. Damit wären die finanziellen Einbußen, die lange untragbar schienen, auszugleichen. Overlack hat zudem Stimmen zur Gedenkstelle und mögliche Gestaltung gesammelt.

Der Künstler Tom Leonhardt, dessen Kunstschule und Atelier in unmittelbarer Nachbarschaft liegt, schreibt: „Die Wohnwagen gehören nicht auf die Grundmauern der zerstörten Synagoge.“ Er schlug vor, wie bereits vor Jahren schon vergeblich im Gemeinderat eingebracht: „Auf den jeweiligen Gebäudeecken der ehemaligen Synagoge einen langlebigen Baum als lebendes und wachsendes Symbol dieses geschändeten Gotteshauses zu pflanzen. Vier Bäume, die jeden Sommer mit ihrem Blätterwerk ein „Dach über dem Kopf“ bilden.“

Auch die Öhninger Gemeinderätin Andrea Dix hat eine dezidierte Meinung zum Thema. Sie hält es für „beschämend, welchen Raum wir unseren jüdischen Brüdern und Schwestern, die am Ende geschlagen, verjagt, enteignet, gedemütigt und auch ermordet wurden, am Platz der Synagoge einräumen“. So schreibt sie in einer Stellungnahme fürs Forum. Doch der Platz ist kein Platz, sondern ein Tor. Ein potemkinsches Tor im Sommer. Eine Erinnerungsecke. Zur Wangener Kulturnacht am 23. September war sie immerhin beleuchtet. Ebenso wie die kleine Erinnerungsecke, die der früheren jüdischen Gemeinde im Rathaus eingeräumt wurde. Sie findet sich im hinteren Bereich des repräsentativen Amtzimmers von Ortsvorsteher Siegfried Schnur. Im Winterhalbjahr ist sie lediglich für zwei Mal zwei Stunden pro Woche zugänglich: Dienstag und Donnerstag von 10 bis 12 Uhr.

Ob das Gedenken angemessen ist und genügend Raum findet, möchte Ortsvorsteher Siegfried Schnur von Wangener Bürgern wissen. Er lud sie in der Höri-Woche vom 8. September ein, ihre Gedanken kundzutun: „Gerne können Sie mir auch schriftlich Ihre Meinung zukommen lassen“, heißt es darin. Ein Ergebnis konnte bislang nicht ergründet werden, der „ehrenamtliche“, wie er betonte, Ortsvorsteher war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Politischer Nachfolger der Gemeinde ist ohnehin Öhningen. Letztlich hat der Gemeinderat über die weitere Nutzung des Geländes zu entscheiden. Die Diskussion ist aktuell: Im nächsten November, 2018, jährt sich die Reichspogromnacht zum achtzigsten Mal.

Zeittafel der Erinnerung

10. November 1938

Die steinerne Wangener Synagoge, im Jahr 1826 errichtet, wurde von Radolfzeller SS-Mannschaften am Tag nach der Reichspogromnacht zerstört. Die jüdischen Männer des Dorfes, Nathan, Emil und Alfred Wolf, werden im Keller des Rathauses verprügelt und nach Dachau transportiert. Die gleiche Misshandlung erlebt auch Otto Blumenthal vom Oberbühlhof in Schienen. Emil Wolf stirbt im Juli 1939 an den Folgen der Haft. Alfred Wolf wurde 1940 nach Gurs verschleppt und später in Auschwitz ermordet.

1945

Nathan Wolf kehrt nach Wangen zurück. Er wird Bürgermeister, später Gemeinderat und stellvertretender Bürgermeister. Das Synagogengrundstück wird der Ortsgemeinde Wangen übereignet, mit der Bedingung, für den Erhalt des jüdischen Friedhofs zu sorgen.

1970/1971

Nathan und seine Schwester Selma Wolf werden als letzte Juden des Dorfes auf dem jüdischen Friedhof beerdigt.

2007

Der "Freundeskreis Jacob Picard" richtet gemeinsam mit der Ortsverwaltung und dem örtlichen Tourismusverein im Rathaus die Gedenkstätte Jacob Picard ein.

2009

Der Gäste-, Kultur und Dorfverein lässt das Zugangstor zum Platz der Synagoge neu errichten.

Quelle: Jacob Picard 1883-1967, Drey-Verlag Gutach