Das barocke Ambiente in der Stiftskirche mit dem seitlichen Marienaltar und dem Pendant des Sebastianaltares passte hervorragend zum großen Konzert des Festivalorchesters im Rahmen der Höri-Musiktage. Dirigent Eckart Manke hatte zwar keine Barockmusik ausgewählt, doch festlich und überraschend war das Programm dennoch. Denn mit Joseph Haydns C-Dur-Sinfonie Nr. 48 von 1769 war ein gelungener Einstieg gefunden.

Das Festivalorchester aus jungen Musikstudenten fühlt sich im barocken Ambiente wohl.
Das Festivalorchester aus jungen Musikstudenten fühlt sich im barocken Ambiente wohl. | Bild: Veronika Pantel

Ihr Beiname „Maria Theresia“ ließ vermuten, dass Haydn sie anlässlich des Besuchs der Kaiserin 1773 in Esterhaza zu diesem Anlass wieder hervorholte. Betont feierlich ist daher ihr Charakter, den Pauken und Trompeten noch unterstreichen. Frisch und ambitioniert spielte sie das junge Orchester mit Musikstudenten aus ganz Europa. Dirigent Manke gelang es ausgezeichnet, die kontrastierende Dramaturgie anschaulich hervorzuheben: dem akkordisch geführten Hauptthema standen chromatisch geschärfte Streicherlinien gegenüber, lyrische Einwürfe trafen auf verdichtete Unisono-Passagen und abrupte Wechsel zwischen Forte und Piano sorgten für Spannung. Auch das ruhige Adagio mit harmonischen Trübungen und Schärfungen gelang den Musikern ausgezeichnet.

Das könnte Sie auch interessieren

Der Schock folgte „Attacca“, also sofort, ohne Pause: Johannes Schöllhorns „Dämmerung-Schmetterlinge“ von 2013 hat zwar durch Bezug auf den Dichter Jean Paul romantische Wurzeln, wie auch Haydns Werk schon fast in die Romantik zu weisen scheint. Aber das sind auch scheinbar die einzigen Bezugspunkte. Dennoch greift der Zeitgenosse auf die Musikgeschichte zurück: In seinen fünf Miniaturen verfremdet er Melodie, erprobt Klangstrukturen im Stil der klassischen Moderne, changiert zwischen Chaos und Ordnung oder lässt durch Bildung von Klangwolken, sirrenden Flächen und Einzeltönen jegliche Struktur vermissen.

Wer das Glück hatte, Schöllhorns Werk zum zweiten Mal zu hören – denn beim Eröffnungskonzert wurde es bereits vorgestellt – dem erschloss sich die Komposition nun bestens. Eingebettet in die Sätze der Haydn-Sinfonie wagte Eckart Manke den Schritt, einem Werk der Neuen Musik die gleiche Berechtigung zu zollen wie denen aus der Klassik – mit durchaus pädagogischem Geschick.

Der Kirchhof wird zur Pausenhalle während der Konzerte.
Der Kirchhof wird zur Pausenhalle während der Konzerte. | Bild: Veronika Pantel

Mit dieser Gegenüberstellung spielten auch die Werke, die das Programm nach der Pause auswies. Milena Wilke, Solistin an der Violine, hatte „Three curious loves“ der serbischen Komponistin Isidora Zebeljan von 2017 vorbereitet. Die Übersetzung des englischen „curious“ als „neugierig“ treffe den Charakter des Stückes und den serbischen Titel nicht ganz, erläuterte die Geigerin eingangs. Ihre Mutter sei Serbin und sie habe die Synonyme „komisch, merkwürdig, wundersam“ genannt.

Solistin Milena Wilke überzeugt mit innigem und leidenschaftlichem Spiel.
Solistin Milena Wilke überzeugt mit innigem und leidenschaftlichem Spiel. | Bild: Veronika Pantel

Tatsächlich mutete die Komposition an vielen Stellen merkwürdig an. Fast melodische Phrasen trafen auf wüste und laute, auch aggressiv rhythmisch gefärbte Passagen. Tänzerisches paarte sich mit angstvollen Schreien und wilden, von Unheil kündenden Ausbrüchen, Anklänge an Volksmusik des Balkan steigerten sich zu wilden Tutti-Clustern. Geigerin Wilke parierte ihre schwierige Rolle mit Bravour und auf das Orchester, das Dirigent Manke mit resoluter Hand führt, kann sie sich immer verlassen.

Wieder schloss Manke Mozarts A-Dur-Violinkonzert unvermittelt an. Das einleitende, frisch gespielte Allegro aperto mit schmachtender Solo-Violine ließ erst einmal aufatmen. Doch das langatmige Adagio mit seinen vielen Variationen und Wiederholungen ermüdete fast und man wünschte wieder ein wenig wüste Neue Musik her.

Erschöpft, aber glücklich sind Solistin Milena Wilke, Dirigent Eckart Manke und das junge Orchester am Ende des anspruchsvollen Programms.
Erschöpft, aber glücklich sind Solistin Milena Wilke, Dirigent Eckart Manke und das junge Orchester am Ende des anspruchsvollen Programms. | Bild: Veronika Pantel

Das Finale, ein Rondeau im Menuett-Tempo, versöhnte mit Mozart: Graziös und liedhaft baute sich die Musik auch in der Solostimme auf – von der Geigerin mit stets geschlossenen Augen technisch perfekt und verinnerlicht gespielt. Doch unvermutet überraschte ein türkischer Marsch im 2/4 Takt, der durchaus an das „Alla turca“ aus Mozarts Klaviersonate erinnerte. Hier also wieder die Verbindung zur serbischen Komponistin Zebeljan – von Solistin und Orchester meisterhaft interpretiert. Es gab stehende Ovationen, aber nach dem kräftezehrenden Programm war den Musikern keine Zugabe mehr möglich.