Gemeinderatssitzungen in Öhningen sind immer für eine Überraschung gut. Diesmal befasste sich der Rat nochmals mit einem Thema, über das er bereits am 15. Mai abschließend beraten hatte. Damals hatte er beschlossen, das geplante Nahwärmenetz in einer so genannten erweiterten kleinen Lösung umzusetzen.

Bei der Entscheidung im Mai stand im Wesentlichen die wirtschaftliche Betrachtung der Varianten im Vordergrund. Man war der Meinung, die große Lösung, die aus zwei Blockheizkraftwerken (BKHW) und einer Hackschnitzelheizung bestehen soll, sei zwar mit der größten CO2-Einsparung am ökologisch sinnvollsten, jedoch gleichzeitig auch am unwirtschaftlichsten.

Forderung nach mehr Ökologie

Ratsmitglied Stefan Singer (Netzwerk) hatte jetzt den Antrag gestellt, nochmals zu beraten, da sich in Anbetracht steigender Öl- und Gaspreise eine nochmalige Beratung aufdränge. Singer wies in seinem Antrag auf den Sonderbericht des Weltklimarates vom 8. Oktober hin, der die Folgen der globalen Erderwärmung aufzeigt. Es stelle sich somit auch die Frage, ob die ökologischen Vorteile der „Großen Lösung“ höher gewichtet werden sollten als deren wirtschaftlich schlechtere Bilanz.

Bruno Schnur (CDU) bezweifelte, dass die Große Lösung einen erheblichen ökologischen Vorteil hat. „Schließlich verbrennen wir mit der Hackschnitzelheizung wieder Holz und setzen somit CO2 frei.“

Weniger Abhängigkeit von russischem Gas

Ein Argument, das Stefan Singer so nicht gelten lassen wollte: „Wenn das Restholz, aus dem diese Hackschnitzel hergestellt werden, nicht verarbeitet wird und im gemeindeeigenen Wald einfach verrottet, wird genau dieselbe Menge CO2 freigesetzt.“ Man hätte das Holz dann aber nicht zur Energieerzeugung genutzt.

Für die Große Lösung spreche zudem: Die geplanten BHKWs würden mit Gas betrieben, das überwiegend aus Russland käme. Somit begäbe sich Öhningen in die Hand von internationalen Energiemärkten und sei Spielball weltweiter Politik. Mit der Abhängigkeit von internationalen Energiemärkten wandere auch die Wertschöpfung in diese Märkte. „Wenn wir aber unsere Entscheidung revidieren, bleibt die Wertschöpfung hier in der Region“, meinte Singer.

Staatliche Zuschüsse für die Große Lösung

Bruno Schnur argumentierte dagegen: „Es dauert wahrscheinlich nicht lange, dann kann vielleicht ein polnischer Holzverarbeitungsbetrieb Hackschnitzel günstiger anbieten als ein regionaler Anbieter.“

Zwar sehe die erweiterte kleine Lösung die Möglichkeit vor, das Nahwärmenetz zu erweitern, Singer befürchtete aber, dass ohne staatliche Zuschüsse eine spätere Erweiterung finanziell nicht möglich wäre. Für die große Lösung seien die Zuschüsse genehmigt. Also: wenn nicht jetzt, wann dann?

CDU-Rätin: Nachfolgende Generationen brauchen nicht nur Geld, sondern auch Ökologie

Christine Schäfer (CDU) wurde nachdenklich: „Wenn ich heute nochmals über das Nahwärmenetz entscheiden soll, muss ich meine Meinung ändern.“ Neben aller Wirtschaftlichkeit sei Geld letztlich nicht alles, wenn man an nachfolgende Generationen denke.

Entwicklungspotenzial bei Altbauten im Dorfkern

Wolfgang Menzer (CDU) blickte in die Zukunft: „Bei den Inhabern von Altbauten im Dorfkern sehe ich ein erhebliches Entwicklungspotential. Ich denke, dass die Immobilienbesitzer dies langfristig gesehen in der Zukunft auch nutzen werden.“ Die Nachfrage nach dem Nahwärmenetz werde steigen.

Mehrheitlich beschloss der Rat, seine Entscheidung vom Mai zu kippen und sprach sich für die große Lösung aus.

Kommentar des Bürgermeisters Andreas Schmid: „Wir haben heute eine richtungsweisende Entscheidung getroffen.“ Nun bleibe zu hoffen, dass die Anlieger, die bisher ein Interesse an einem Anschluss ans Nahwärmenetz bekundet hatten und bei der erweiterten kleinen Lösung nicht hätten versorgt werden können, bei der großen Lösung nun nach wie vor zu ihrem Wort stehen.