Wenn Volker Genenz auf die Linden bei der St. Pankratius Kirche im Öhninger Ortsteil Wangen blickt, weiß er, dass dort bald eine große Lücke klaffen wird. Einer der beiden Bäume ist aus seiner Sicht abgestorben und nicht mehr zu retten. Die Schuld dafür sieht er aber nicht im trockenen Sommer oder anderen natürlichen Gründen. Der Diplomforstwirt vertritt eine weniger prominente Meinung: Für ihn als öffentlich bestellter und vereidigte Sachverständiger ist die Strahlung eines nahe gelegenen Mobilfunkmasts die Ursache. Ihm gegenüber stehen der Pfarrer der Katholischen Kirchengemeinde auf der Höri sowie der Mobilfunkanbieter, die keinen Zusammenhang feststellen können.

Diplomforstwirt stellte nachforschungen an

Genenz selbst hat die Linden vor Jahren einmal behandelt und schaute, da er auf der Höri immer mal wieder tätig ist, regelmäßig nach den Linden. Als er diesen Frühsommer dann die Bäume begutachtete, war er geschockt: „Ich hab die rechte Linde gesehen und es war klar: Die ist hinüber.“ Aus Neugier machte sich Genenz auf die Suche nach dem Grund für das Absterben. „Beide Bäume haben die gleichen Bedingungen wie Wasser, Licht und Nährstoffe. Es ist also seltsam, warum nur einer von ihnen stirbt.“

Nahegelegener Mobilfunkmast soll Schuld am Absterben sein

Bei seinen Nachforschungen entdeckte er einen für ihn entscheidenden Unterschied.Die abgestorbene Linde liege direkt im Wirkungsbereich eines rund 300 Meter entfernten Mobilfunkmasten, der nach Angaben des Betreibers 2006 aufgestellt wurde.

Dieser Mobilfunkmast, so glaubt Volker Genenz, sei schuld an dem Absterben der Linde auf dem Grundstück der St. Pankratius Kirche im Öhninger Ortsteil Wangen. Bild: Maximilian Halter
Dieser Mobilfunkmast, so glaubt Volker Genenz, sei schuld an dem Absterben der Linde auf dem Grundstück der St. Pankratius Kirche im Öhninger Ortsteil Wangen. | Bild: Halter, Maximilian

Während die gesunde hinter dem Kirchturm der St. Pankratius Kirche steht. Für den Diplomforstwirt ist das der Grund, warum nur eine Linde beschädigt wird. „Der Kirchturm wird aufgrund seines Baumaterials die Strahlung verstreuen“, so die Theorie des Sachverständigen. Um diese zu untermauern, kletterte er in die Kronen beider Bäume, um die Strahlung zu messen. „Bei der abgestorbenen Linde war die gemessene Strahlung viermal so hoch wie bei der gesunden“, sagt Genenz. Warum der Baum erst jetzt abstirbt, kann er erklären: „Linden haben einen großen Puffer, reagieren auf die Strahlung jedoch mit Stress. So haben sie kontinuierlich weniger Energie.“ Über die Jahre hinweg habe dies den Baum derart geschädigt, dass er nun nicht mehr zu retten sei, so der Diplomforstwirt.

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Für Pfarrer Hutterer sterben beide Bäume aus Altersschwäche

Eine alternative Theorie für das Absterben der Bäume liefert Stefan Hutterer, Pfarrer und Leiter der Katholischen Kirchengemeinde auf der Höri, der sich mit den Bäumen beschäftigt hat. Anders als Genenz berichtet er, dass nicht nur eine, sondern beide Linden in absehbarer Zeit aus Sicherheitsgründen gefällt werden müssen.

Die Linden auf dem Grundstück der Kirchengemeinde.
Die Linden auf dem Grundstück der Kirchengemeinde. | Bild: Halter, Maximilian

„Es ist schade, da wir die das Ortsbild bestimmenden Bäume mit aufwendigen Eingriffen retten wollten“, sagt er betrübt. Für ihn ist es das Alter der Bäume, das für das Absterben verantwortlich ist. „Vor fünf Jahren hatten wir in Schienen eine große Linde, bei der auch irgendwann altersbedingt die Äste abfielen. Die Bäume kommen nun einmal ans Ende ihrer Lebenszeit."

Mobilfunkmastbetreiber sieht keinen Zusammenhang

Auch der Mobilfunkmastbetreiber Vodafone widerspricht der Theorie von Volker Genenz. „Wir nehmen jegliche Hinweise aus der Bevölkerung ernst, müssen jedoch deutlich die Vorwürfe zurückweisen, dass es einen negativen Einfluss unserer Mobilfunkstation auf einen Baum geben könne“, so der Vodafone-Konzernsprecher Volker Petendorf. Dabei verweist Petendorf auch auf das Bundesamt für Umwelt und Naturschutz. Dieses schreibt auf seiner Internetpräsenz, dass es nach derzeitigem Stand der Wissenschaft keine wissenschaftlich belastbaren Hinweise auf eine Gefährdung von Tieren und Pflanzen durch Mobilfunkstrahlung gebe.

Studie soll Schäden an Bäumen durch Strahlung belegen

Volker Genenz wiederum hält dem entgegen, dass negative Einflüsse von Mobilfunkstrahlung auf Bäume sehr wohl dokumentiert wurden. Dabei beruft er sich auf eine Studie von Cornelia Waldmann-Selsam aus dem Jahr 2016, die in Bamberg und Hallstadt Schäden an Bäumen auf die Strahlung von Mobilfunkanlagen zurückführte.

Professoren der Universität Freiburg sind skeptisch

Wie repräsentativ die von Genenz aufgeführte Studie jedoch ist, ist fraglich, sagt Hans-Peter Kahle. Kahle ist Professor für den Fachbereich Waldwachstum der Universität Freiburg. Die Studie, die Genenz anführt, erschien zwar in einer international angesehenen Fachzeitschrift. Aber, so Kahle, gibt es in dem Diskussionskapitel des Magazins auch Erklärungsansätze und Hinweise auf mögliche Schwächen der Studie. Auch stellt er fest, dass in dieser keine Jahrringuntersuchungen angewendet wurden. Diese wären aber genau wie eine langfristige Beobachtung wichtig, um solche Auswirkungen wissenschaftlich zu bestätigen.

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Auch Jürgen Bauhus, Professor für den Bereich Waldbau an der Universität Freiburg, ist skeptisch. „Mir ist keine Studie bekannt, die einen Zusammenhang zwischen der Vitalität von Bäumen und Mobilfunkstrahlung hergestellt hat.“ Außerdem, so Bauhus, müsste es dann im Umkreis aller Mobilfunkstationen, von denen auch viele im Wald stehen, viele abgestorbene Bäume geben. „Das habe ich bisher noch nicht wahrgenommen.“ Der Vodafone-Konzernsprecher Volker Petendorf sieht das ähnlich: „In der Nähe der 25 000 Vodafone-Mobilfunkstationen in Deutschland wachsen mehrere Millionen gesunder Bäume.“ Weshalb die Linden im Öhninger Ortsteil absterben, bleibt letztlich ungeklärt. Sicher ist nur, dass die Bäume nach dem Fällen eine große Lücke hinterlassen werden.

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