Herr Schmid, die Sanierungsarbeiten am Chorherrenstift haben vor Kurzem begonnen. Sind Sie nervös?

Nein, eigentlich nicht mehr. Die Baustelle ist auch nichts Neues. Die läuft jetzt seit vier Jahren immer in kleinen Schritten durch. Man sieht auch schon die ersten Veränderungen. Es war ein langer Kampf bis man die vertraglichen Regelungen mit der Kirche soweit hatte. Und jetzt geht's los. Aber nervös bin ich nicht. Ich freue mich einfach darauf. Die Baustelle ist auch schön für mich als Bürgermeister. Ich kann immer aus dem Fenster schauen und sehe, was passiert.

Sie haben immer gesagt, das ist eine Jahrhundertaufgabe und es ist vor allem finanziell eine große Herausforderung für einen so kleinen Ort wie Öhningen. Wie sieht denn die Finanzierung aus?

Es ist im Grunde eine recht einfache Finanzierung. Wir schauen immer, dass wir ein bisschen mehr Geld bekommen, als es eigentlich aus dem regulären Fördertopf gibt. Die Maßnahme ist über das Denkmalschutzprogramm West finanziert. Dieses Programm ist ein Städtebausanierungsprogramm, das es für Westdeutschland gibt. Bei uns liegt die Einschränkung einer Förderung von maximal 50 Prozent. Die eine Hälfte trägt die Kommune, die andere Hälfte kommt aus öffentlichen Fördergeldern. Von der Fördersumme her gehört das Öhninger Chorherrenstift zu den wohl größten Projekten in Baden-Württemberg in diesem Programm.

Die Idee, in dem Gebäude später eine Musikakademie unterzubringen, traf auf große Zustimmung. Würde das zu Öhningen passen?

Alles was mit Kultur zu tun hat, passt zu Öhningen. Wir haben lange ein passendes Nutzungskonzept überlegt. Wir waren anfangs bei einer musealen Nutzung. Auch die Nutzung als Gasthaus mit Gastronomie und Gästezimmern war schnell klar. Jedoch hat sich die Kirche mit diesem Punkt etwas schwer getan. Als der Gedanke einer Musikakademie aufkam, war ich gleich Feuer und Flamme. Musik hat unseren Ort auch schon durch die Höri Musiktage belebt. Es hat die Menschen zusammengebracht. Und auch im historischen Chorherrenstift spielte Musik eine wichtige Rolle. Hier lebten Chorherren aus besserem Hause, die sich der Musik verschrieben hatten, die Kirchenmusik gemacht haben und in den Pfarreien in der Umgebung Musik unterrichtet hatten. Inhaltlich passt es also sehr gut rein. Es wird sicher keine große Akademie, sondern etwas Kleines und Feines. Die einmaligen Kosten für die Sanierung sind weniger das Problem als die laufenden Kosten des Betriebes.

Ein kostendeckender Betrieb des Chorherrenstiftes wird also schwierig werden...

Es ist ein großes Gebäude, aber die Sanierung kostet viel mehr als ein Neubau. Ein Investor würde schauen, wie er die Sanierungskosten wieder reinholt. Wir als Kommune, die nicht nur gewinnorientiert denkt, haben die Chance, für den gastronomischen Teil einen guten Pächter zu gewinnen, der auch davon leben kann. Das ist uns ganz wichtig. Die Investition haben wir eigentlich bereits abgeschrieben. Es war wichtig, dass das Gebäude in der Hand der Gemeinde bleibt und wir es nach unseren Vorstellungen gestalten und für die Zukunft sichern können.

Nicht nur in Radolfzell ist bezahlbarer Wohnraum knapp, auch in Öhningen fehlt Wohnraum. Wie wollen Sie mehr Wohnraum schaffen?

Bezahlbarer Wohnraum ist für uns eigentlich Thema Nummer eins. In den letzten zwei Jahren sind auch einige Neubauten fertig geworden, neue Baugebiete wurden erschlossen. Für die Vergabe von Bauplätzen haben wir ein kompliziertes Punktesystem eingeführt. Früher war das einzige Kriterium, dass man eine gewisse Zeit im Ort gewohnt haben muss. Jetzt gibt es mehr Kriterien wie zum Beispiel der Arbeitsplatz oder Kinder. Darauf haben wir unseren Fokus gelegt. Je jünger die Kinder, umso höher die Punktezahl für einen Bauplatz. Es hatte mich selbst überrascht, wie groß die Nachfrage war. Wir haben jetzt noch zwei Bauplätze, 19 sind schon weg und die Häuser schießen wie die Pilze aus den Boden.

Nicht jeder kann sich ein Eigenheim leisten. Wie sieht es mit Mietwohnungen aus?

Beim Thema Bauplätze hatten wir den größten Druck. Dieses Thema haben wir abgehakt. Beim Geschosswohnungsbau haben wir noch Entwicklungspotenzial in der Gemeinde. Wir haben die alte Metzgerei im Dorf, eine alte Bushalle von der SBG sowie zwei kleinere Grundstücke im Ort, auf denen Mehrfamilienhäuser gebaut werden können. Hier muss der Gemeinderat entscheiden, wie diese Grundstücke vermarket werden sollen. Da haben wir noch ein bisschen ein Problem mit dem Bebauungsplan, der nicht viel zulässt. Dann gibt es noch die große Fläche mit 5000 Quadratmetern in der Poststraße, unterhalb des Vereinsheims des FC-Öhningen. Aktuell steht dort noch eine Flüchtlingsunterkunft. Da kommen viele Anfragen von Investoren. Möglich wäre sozialer Wohnungsbau oder auch gemischt mit seniorengerechtem Wohnen. Es liegen auch Anfragen für den Bau eines Pflegeheims vor. Ein Teil des Gemeinderates sträubt sich allerdings, noch mehr Fläche zu versiegeln. Mit dem Verkauf einzelner Grundstücke wird auch das Chorherrenstift finanziert. Ich gehe auch davon aus, dass wir nur an Investoren veräußern, die einen Sozialbindungscharakter haben. Wie weit das dann fruchtet, ist aber eine andere Geschichte.

Radolfzell hat damit bisher nicht sonderlich gute Erfahrungen gemacht.

In Öhningen gibt es weniger Fluktuation. Das Mietniveau ist allerdings nicht anders als in Radolfzell. Da werden wir einiges nachholen müssen. In den letzten 20 Jahren in denen ich hier Bürgermeister bin, kann ich mich an keine größere Geschossbaumaßnahme erinnern.

Es sind viele kleine Kinder in die Neubaugebiet gezogen. Wie steht es um die Kinderbetreuung in Öhningen?

Bis letztes Jahr war ich immer der Meinung, wir haben alle Notwendigkeiten soweit erfüllt. Wir haben in allen drei Ortsteilen Kindergärten. Es kam noch der Bauernhofkindergarten dazu. Und plötzlich hatten wir ein kleines Kapazitätsproblem. Wir konnten nicht mehr alle auf einem Schwung aufnehmen. Wir haben nun nochmal eine Krippe eingerichtet, das rettet uns über dieses Kindergartenjahr. Jetzt müssen wir konzeptionell überlegen. Brauchen wir noch eine zusätzliche Kindergartengruppe oder eine zusätzlich Krippengruppe? Räumliche Möglichkeiten haben wir, in den zwei leerstehenden Schulhäusern in Schienen und in Wangen. Eng wird es vor allem im Krippenbereich, hier ist allerdings auch die Berechnung etwas schwieriger. Anfangs ging man von 35 Prozent der Ein- bis Dreijährigen aus, die in der Krippe betreut werden. Mittlerweile sind es fast 50 Prozent. Und dann passieren noch ganz komische Dinge, die selbst einen Bürgermeister überraschen.

Was hat Sie denn überrascht?

Wir haben wegen zusätzlicher Anmeldungen eine weitere Krippengruppe eingerichtet. Da ist vor allem das Personal ein Problem. Händeringend haben wir also eine zusätzliche Gruppe zustande bekommen und diese in Wangen eingerichtet. Und auf einmal kommen Eltern aus Wangen, die sagen: Wenn es in Wangen eine Krippe gibt, dann brauchen wir auch einen Platz. Vorher hatten sie aber keinen Bedarf angemeldet, als es nur eine Gruppe im drei Kilometer entfernten Öhningen gab. Wenn das Angebot da ist, wird es angenommen. Nach Öhningen wollte diese Familien ihr Kind allerdings nicht bringen, da wurde die Betreuung wohl im Familienkreis organisiert. Wir müssen also genau schauen, was der wirkliche Bedarf ist und was wir leisten können.

Kommen wir wieder zum Thema Bauen. Auf der Höri sind ständig irgendwo Baustellen. Wie ist der aktuelle Stand in Öhningen?

Innerorts haben wir versucht, da wir noch Mittel auf der hohen Kante hatten, Straßen nicht nur notdürftig zu flicken, sondern grundlegend zu sanieren. Wenn das Chorherrenstift fertig ist, werden wir da weiter ansetzen. Viele weitere Baustellen sind auf den Landstraßen, da investiert das Land Baden-Württemberg.

Aber ein neues Schwimmbad kommt nicht in ihrer Aufzählung der zukünftigen Baustellen vor.

Ich bin gespannt, wie die Diskussion weiterläuft. Bisher ist sie nur in der Presse gelaufen. Ich war auch überrascht. Ich habe zu diesem Thema einen offenen Brief bekommen, der von Moos aus initiiert wurde. Auch meine Vereinsvorsitzende von DLRG haben dieses Problem nie persönlich bei mir angesprochen. Selbst bei den Generalversammlungen war das nie ein Hauptthema. Ich bin für eine Diskussion offen. Aber ich muss auch sagen, das ich mich schon arg überzeugen lassen müsste.

Ein anderes Thema ist der Campingplatz in Wangen und der Gedenkplatz der Synagoge. Eine Idee war es, den Gedenkplatz im Sommer nicht mehr mit Campern zu belegen. Was gibt es da Neues?

Ich habe dieses Thema dem Ortschaftsrat und der Bevölkerung in Wangen überlassen. Das ist sicher ein heikles Thema, welches man sensibel angehen muss. Wir haben auch schon Gespräche mit der jüdischen Gemeinde in Konstanz geführt. Für sie ist das kein vordringliches Thema. Da müssen wir mit Ruhe rangehen und eine Gesamtlösung finden. Ich glaube, das ist auch im Sinne des Ortschaftrates.

Wir wird sich denn Öhningen in den nächsten Jahren Ihrer Meinung nach entwickeln?

Meine ständiges Bestreben ist, dass wir vorankommen. Wir haben in den vergangenen Jahren vieles erreicht. In den nächsten Jahren sollte die Großbaustelle am Chorherrenstift abgeschlossen sein.

Glauben Sie, dass Sie noch in ihrer aktuellem Amtszeit Eröffnung feiern können?

Wir werden sicherlich in zwei Jahren für den gemeindlichen Teil Eröffnung feiern können. Wir werden in diesem Jahr mindestens fast drei Millionen Euro an Aufträgen vergeben haben. Der Zeitplan sieht vor, dass wir schon 2019 relativ weit kommen und im Jahr 2020 die Gastronomie eröffnet. Parallel läuft die Machbarkeitsstudie für die Musikakademie. Da gehe ich davon aus, dass man da ein bisschen Zeit braucht und das der Bauabschnitt dann dahinter kommt. Das könnte dann schon knapp werden, um in vier Jahren alles fertig zu haben. Aber in vier Jahren soll das so auf dem Weg sein, dass wir dann recht zügig danach auch Eröffnung feiern können. Ich möchte in vier Jahren auch nicht mehr über den Radweg diskutieren. Eigentlich wollte ich noch die nächsten vier Jahre nutzen, um auch nicht mehr über das Thema Kinderbetreuung diskutieren zu müssen. Das wird aber immer wieder kommen. Das hätte ich mir vor 15 Jahren nicht vorstellen lassen, was da noch für Themen auf mich zukommen. Wir werden am Ball bleiben. Ich hoffe, dass wir in diesen vier Jahren noch eine prosperierende Grundschule haben. Es wird sicherlich mit den Ortsteilschulen knapp werden. Aber diese wichtigen Dinge wollte ich eigentlich in den nächsten vier Jahren abgearbeitet haben. Es sind noch vier spannende Jahre und dann muss man sehen, ob wir alles soweit erledigt haben, dass ich sagen kann, ich muss oder ich darf oder ich will noch weitermachen.

Fragen: Anna-Maria Schneider