Der Fortschritt der archäologischen Grabungsarbeiten in der Baugrube des zukünftigen Küchentraktes am Augustiner Chorherrenstift findet große Aufmerksamkeit bei den Öhninger Bürgern. Und in der Tat, es ist interessant und spannend zugleich, was hier die Archäologen der Firma ArchaeoTask aus Engen jeden Tag freilegen und neu entdecken.

Bertram Jenisch, Gebietsreferent für Archäologische Denkmalpflege beim Landesamt in Freiburg, erläutert: "Wir erwarten hier zwar nicht unbedingt Sensationsfunde, aber unsere Untersuchungen versetzen uns in die Lage, die Geschichte Öhningens und des Chorherrenstiftes besser zu verstehen."

Was und wie die Menschen im Mittelalter bauten

Die Voraussetzungen sind ideal. Im direkten Umfeld eines hochkarätigen Kulturdenkmals sei immer etwas zu finden, so Jenisch. Unter dem bisher schon freigelegten Katzenkopfpflaster haben Archäologin Brigitte Laschinger und das Grabungsteam inzwischen Mauerreste freigelegt. Da die Bauten von Bürgern zu dieser Zeit aber oftmals aus Holz und Lehm bestanden, könnten die Mauerreste auf kirchliche Bauten hinweisen.

"Wir können sogar feststellen, dass Teile dieses Bauwerks nachträglich noch weiter ausgegraben wurden", zeigt Jenisch anhand der Strukturen im Mauerwerk auf. Weitere Zusammenhänge der Mauerreste zum Chorherrenstift aufzuschlüssen fällt schwer, so Jenisch, da unter anderem durch die Verlegung von Telefonkabeln ein Eingriff in die im Boden versteckten Strukturen stattgefunden hat.

Skelette sind rund eintausend Jahre alt

Trotzdem lesen die Archäologen aus Engen eine ganze Menge aus den inzwischen freigelegten Funden. Mehrere Skelette lassen Rückschlüsse zu. "Bisher sind wir davon ausgegangen, dass der Friedhof im Norden der Klosteranlage gewesen ist. Die Funde hier im Osten zeigen aber deutlich auf, dass hier nach chritlichem Ritus Menschen beerdigt worden sind.

Die Funde lassen sogar eine zeitliche Bestimmung zu", erklärt Gebietsreferent Jenisch. Es soll sich nach seiner Einschätzung um einen Zeitraum handeln, an dem Öhningen auch das erste Mal urkundlich erwähnt worden sei, also im 12. Jahrhundert. Noch weiter unten in der Grabungsstätte ist ein Skelett freigelegt worden, dass vermutlich aus dem 11. Jahrhundert stammt.

Baugrube noch nicht komplett freigelegt

Skelettfunde im Umfeld eines Sakralbaus sind nichts außergewöhnliches. Bürgermeister Andreas Schmid ist trotzdem überrascht: "Mit diesem Umfang und mit dem Ergebnis, dass die jetzigen Untersuchungen schon zeigen, habe ich nicht gerechnet." Dabei ist die zu untersuchende Baugrube noch nicht komplett freigelegt.

Franz Meckes, ehemaliger Landeskonservator Baden-Württembergs, begleitet die Maßnahmen um das Augustiner Chorherrenstift seit Jahren mit großem Engagement und Fachwissen. Er vermutet: "Es könnte richtig spannend werden in dem bis jetzt noch nicht freigelegten Teil. Je dichter an der Kirche, um so begehrter waren diese Plätze für eine Beerdigung."

Uniforscher untersuchen die Knochen nun weiter

Was macht man nun mit diesen Funden und wie geht es weiter? Betram Jenisch erläutert: "Unsere Arbeit hat sich enorm verändert. Für uns steht statt uneingeschränkter Erhaltung heute mehr das Verständnis der Geschichte im Vordergrund." Digitale Fotos in Kombination mit speziellen Computerprogrammen lassen dreidimensionale Rekonstruktionen zu, die viel aufschlussreicher sind. Jenisch gibt auf seinem Rechner schon einmal einen Einblick in ein 3D-Modell der Fundstätte.

Parallel dazu werden die Skelette abgeräumt, getrocknet, katalogisiert und zu weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen einer Hochschule oder Universität zur Verfügung gestellt, damit weiter geforscht werden kann. Moderne Archäologie ist somit mehr als nur die Darstellung von Funden. Sie macht Geschichte auf beeindruckende Weise erlebbar.