Wenn Markus Auer von seiner Reise ins ukrainische Kamyanytza berichtet, zeigt er sich besonders beeindruckt von der Gastfreundschaft. "Ich durfte nichts bezahlen und wir waren wie Familienmitglieder", sagt er. Zu dankbar seien ihm die Einheimischen für die Spende eines Transporters gewesen, der künftig vom gesamten Ort und besonders dem Kindergarten genutzt werden soll. In dem alten Fahrzeug steckten Dinge, die der Verein "Hilfe für Menschen in der Ukraine" mit Sitz in Mühlingen als Spenden gesammelt hatte. Darunter waren beispielsweise Ausrüstung für zwei Krankenhäuser einschließlich medizinischer Geräte und Bekleidung. "Ein Arzt sagte, diese Spende sei für ihn wie Weihnachten und Ostern zusammen", erinnert sich Auer. Viktor Krieger, Vorsitzender des Vereins, erklärt die Gastfreundschaft auch mit der Armut: "Die Leute haben gelernt, sich zu unterstützen. Ohne Hilfe kommt man dort nicht weit." Seit der Ukrainekrise sei das Geld dort immer weniger wert.

Markus Auer (rechts) startete mit Sohn Mathias in Mühlingen.
Markus Auer (rechts) startete mit Sohn Mathias in Mühlingen.

"Die machen das Beste aus dem, was sie haben", sagt Auer nach seiner Reise. Valerie und Viktor Krieger reisen seit 1992 regelmäßig in die Ukraine, für Markus Auer und seinen elfjährigen Sohn Mathias war es eine Premiere. Was seine Motivation für die Reise war? "Abenteuerlust", sagt er kurz und bündig. Seine Brüder seien vor vier Jahren bereits mit dem Musikverein dort gewesen. Bereits die Hinfahrt war nun ein kleines Abenteuer, denn es gab mehr Gepäck als erlaubt. "Das hätte bei einer Kon­trolle haarscharf gereicht", sagt Markus Auer. Zuvor hätten sie einige Dinge wieder aus- oder umgeladen. Für den Fall einer Kon­trolle hatte er bereits einen halbleeren Tank eingerechnet und die Toleranzgrenzen nachgeschaut. "Wir kennen keine Grenzen mehr. Da war es noch live zu erleben", sagt Auer. In einem stundenlangen Prozedere sei man erst von slowenischen Grenzschützern und 50 Meter weiter von ukrainischen Zöllnern kontrolliert worden. Einen Teil der Spenden mussten sie wegen des Zolls dann auch im Lager eines Bekannten zurücklassen, der die Ware noch verteilen werde.

Auf wenigen Papierseiten hat Markus Auer nach der Reise seine Eindrücke festgehalten. Bilder zeigen den Transporter, die Übergabe von medizinischen Geräten, den Besuch einer Gesamtschule oder die Vorbereitungen einer Hochzeit. "Wir waren wie Familienmitglieder", sagt er über den Besuch einer Taufe, zu der die Bürgermeisterin ihn einlud. Ein Blick hinter die Kulissen einer ukrainischen Autowerkstatt durfte für den Werkstattinhaber auch nicht fehlen, zumal der Kollege den gespendeten Transporter versorgen wird. "Bei uns würden manche Teile getauscht. Doch dort wird alles noch mal repariert, auch wenn es scheinbar unmöglich ist", benennt Auer die Unterschiede. Der Werkstattbesuch habe ihm auch die Schere zwischen Arm und Reich gezeigt: Der Automechaniker habe keine Not, während Rentner von umgerechnet 30 Euro pro Monat leben müssten. Laut Viktor Krieger kostet ein Kilogramm Fleisch bereits fünf Euro.

Ungewohnt seien für deutsche Verhältnisse auch die Zustände etwa in den beiden Krankenhäusern, die sie besucht haben. "Jeder Schlachtraum ist bei uns hygienischer als deren Intensivstation", sagt Auer. Und Ärztemangel bekomme dort eine neue Dimension: In Perechin arbeiteten nur noch zwei Ärzte, berichtet Viktor Krieger. Viele verdienten im nahen Slowenien das Fünffache. "Krank werden ist dort gefährlich", sagt seine Frau Valerie. Sie sei schon in Krankenwägen mitgefahren, deren Boden so rostig gewesen sei, dass er Löcher habe. Der Bedarf gehe dem Verein also nicht aus, auch wenn die nächste Reise noch nicht geplant sei. Auch für Auer soll es nicht der letzte Besuch gewesen sein: Er wolle das Vater-Sohn-Abenteuer wiederholen und mit seinen anderen Kindern nach Kamyanytza zurückkehren.

Der Verein

„Hilfe für Menschen in der Ukraine“ wurde 2003 gegründet und hat 77 Mitglieder. Bis Ende 2015 organisierten die Ehrenamtlichen auch größere Hilfstransporte. „Wir haben insgesamt schon 960 Tonnen an Material hingebracht“, sagt Vorsitzender Viktor Krieger. Damit hätten sie zur Rettung einiger Krankenhäuser, Sozialstationen, Schulen und Waisenhäusern beigetragen. Nachdem sich die Transportkosten deutlich erhöhten und der Verein kein Lager mehr hat, konzentrierte sich die Mitglieder auf Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort. Derzeit sammelt der Verein Spenden für die 35-jährige Mariane, die Mutter eines vierjährigen Sohnes ist laut Krieger an Brust- und Lymphknotenkrebs erkrankt. Für eine bessere medizinische Versorgung als in ihrem Heimatland suche sie nun den Rat deutscher Ärzte, die Kosten dafür können sich laut Verein auf mehrere tausend Euro belaufen.

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