Petra Kible und Renate Paul sitzen an diesem Morgen im Lehrerzimmer und sprudeln nur so vor Begeisterung. Nach drei Betriebsjahren ist ihre Leidenschaft für die nach einer Elterninitiative privat gegründete Weiherbachschule noch immer nicht erloschen. „Wir lernen wie unsere Schüler ständig dazu“, sagt Petra Kible, die für die Schulverwaltung zuständig ist. Dazulernen müssen sie auch am Ende des aktuellen Schuljahres 2019/2020. Dann nämlich wird es zu einer Premiere in der Weiherbachschule kommen: „Wir werden nach diesem Schuljahr unsere ersten beiden Starter mit einem Werkrealschulzeugnis in der Tasche verabschieden“, berichtet die pädagogische Schulleiterin Renate Paul. Zwölf weitere Schüler der ersten Stunde, die den Realschulabschluss anstreben, werden ein Jahr darauf folgen.

Die Prüfung bestanden

Das aktuelle Schuljahr ist für die Gemeinschaftsschule in freier Trägerschaft nicht nur aufgrund der ersten Abgänger ein besonderes. Im September erhielt die Schule vom Regierungspräsidium nach drei Betriebsjahren die staatliche Anerkennung.

Lehrerin Natalie Kempter packt gemeinsam im Werkunterricht mit Erik (elf Jahre) und Leon (13 Jahre) an. Bilder: Matthias Güntert
Lehrerin Natalie Kempter packt gemeinsam im Werkunterricht mit Erik (elf Jahre) und Leon (13 Jahre) an. Bilder: Matthias Güntert | Bild: Matthias Güntert

„Da war uns allen klar, dass unser Konzept funktioniert“, sagt Helga Futterknecht, Kassiererin des Trägervereins. Mit der staatlichen Anerkennung fließen seit September auch Landeszuschüsse in die Schulkassen. Diese wurden bisher rein aus Spenden und Stiftungsgeldern gefüllt. „Durch die Landesgelder wird allerdings nur ein Teil der Personal- und Sachkosten abgedeckt. Wir sind weiterhin auf Spenden angewiesen“, sagt Renate Paul. Auch aus pädagogischer Sicht ändert sich nach der Anerkennung einiges. Die Weiherbachschule darf von nun an selbstständig Prüfungen abhalten und auch Referendare ausbilden.

Viele Schüler brauchen viel Platz

Mit 20 Schülern fing vor drei Jahren alles an – damals noch in einer kombinierten fünften und sechsten Klasse. Im vierten Jahr nach der Gründung ist die Zahl der Schüler auf 111 angewachsen. „In den ersten drei Jahren sind wir um eine Klasse schneller gewachsen als geplant“, betont Petra Kible. Man sei vom Zulauf nahezu überrollt worden. Aktuell sind alle Klassenstufen von der fünften bis zur neunten Klasse einstufig. „Wir haben uns jedes Jahr verdoppelt“, so Helga Futterknecht. Um auf die steigende Nachfrage reagieren zu können, wurde die Klassengröße von 20 auf 28 Schüler erhöht. „Wir werden demnach auch im kommenden Schuljahr wieder 28 neue Schüler aufnehmen“, versichert Paul.

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Man sei derzeit stabil einzügig unterwegs. Deshalb planen die Verantwortlichen der Weiherbachschule auch weiterhin mit einer Klassenstärke von 28 Schülern für die kommenden vier Jahre. „Dann ist je ein Haupt- und ein Realschulzug in voller Klassenstärke durch“, berichtet Kible. Allerdings stoße man langsam aber sicher an die räumlichen Grenzen. „Das Haus ist voll, bis auf den letzten Platz“, sagt Paul. Derzeit sei man deshalb dabei, Alternativen mit der Gemeinde Mühlingen zu prüfen. „Die Absicht ist es, mehr Schulraum am jetzigen Standort zu schaffen“, so Kible. Wie dies möglich sei, dazu werden derzeit Gespräche geführt. Eine entsprechende Diskussion wurde bereits in der jüngsten Gemeinderatssitzung in Mühlingen geführt (siehe Text rechts).

Fleißig am Lernen ist die sechste Klasse der Weiherbachschule. Die Kinder werden von Lehrerin Sieglinde Jörg (Bildmitte) unterrichtet.
Fleißig am Lernen ist die sechste Klasse der Weiherbachschule. Die Kinder werden von Lehrerin Sieglinde Jörg (Bildmitte) unterrichtet. | Bild: Matthias Güntert

Das Konzept ruft Nachahmer auf den Plan

21 Lehrer und Lehrbegleiter unterrichten in der Weiherbachschule. Es sind jeweils zwei Pädagogen in einer Stunde im Klassenzimmer. Die Klassen werden in zwei Gruppen zu je 14 Schülern aufgeteilt. Während auf der einen Seite beispielsweise Englisch unterrichtet wird, geht es in der anderen Gruppe um Mathematik. Nora Fazekas ist Englischlehrerin. Für sie ist das Lerntempo in der Weiherbachschule entscheidend: „Jeder Schüler arbeitet in seinem eigenen Tempo. Die Kinder können so ihren individuellen Lernplan in einer ihnen angepassten Geschwindigkeit bearbeiten“, sagt sie. Dafür werde in den jeweiligen Fächern ein Grund- und ein Erweiterungsniveau angeboten.

Keine Sonnenbrillen: Die beiden elfjährigen Leon und Michael lernen mit speziellen, farbigen Lernbrillen, die die Konzentration fördern sollen.
Keine Sonnenbrillen: Die beiden elfjährigen Leon und Michael lernen mit speziellen, farbigen Lernbrillen, die die Konzentration fördern sollen. | Bild: Matthias Güntert

Petra Kible ergänzt: „Unsere Lehrer und unsere Schüler entscheiden sich bewusst für unsere Schulform.“ Überhaupt scheint das Modell einer privaten Schule in freier Trägerschaft untergebracht in einem Gebäude der Gemeinde anzukommen: „Es gibt schon eine Kopie von uns“, sagt Kible. So gründete sich im September in der Gemeinde Lenzkirch im Schwarzwald ebenfalls eine private Gemeinschaftsschule nach dem Mühlinger Vorbild. „Wir sehen uns als Alternative für das bestehende staatliche Schulangebot“, sagt Kible. Insbesondere im ländlichen Raum sei die Idee einer Privatschule in freier Trägerschaft nach dem Mühlinger Model ideal.

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Interimslösung angedacht

Die private Gemeinschaftsschule im Mühlinger Ortsteil Zoznegg ist von einem Verein als Privatschule getragen und so gesehen ein Mieter in einem Gebäude der Gemeinde Mühlingen.

  1. .Mietvertrag: Die Gemeindeverwaltung hat dem Verein per Gemeinderatsbeschluss zur Gründung und für die ersten drei Jahre vorerst das ehemalige Schulgebäude kostenlos zur Nutzung überlassen. Auch gab es Sonderzuschüsse, welche der Gemeinderat dem Trägerverein bisher jährlich pro Kopf für einheimische Schüler in Höhe von 1000 Euro und für auswärtige in Höhe von 500 Euro bezahlt hat. Nun, nachdem die staatliche Anerkennung ausgesprochen wurde, gelte ein Mietvertrag zwischen dem Trägerverein und der Gemeindeverwaltung über die Mietkosten für das Gebäude, sowie die anfallenden Nebenkosten, so Kämmerer Klaus Beck. Weiterhin erhält die Schule Zuschüsse von der Gemeinde, welche im Umkehrschluss eine Kostenneutralität erzeugen.
  2. .Ratsdiskussion: In der jüngsten Ratssitzung des Mühlinger Gemeinderates wurde auch über die Raumsituation im Gebäude und die Überlegung über einen Anbau seitens des Trägervereins diskutiert. Der Rat entschloss sich, die Situation gemeinsam vor Ort anzusehen. Ein Vor-Ort-Termin wurde auf den Samstag, 9. November, festgelegt. Bürgermeister Manfred Jüppner wies die Ideengeber aus dem Rat darauf hin, dass selbst bei einem Um-, An- oder Neubau noch einiges an Zeit verstreichen würde. „Ohne Interimslösungen wird es nicht gehen“, betonte Bürgermeister Manfred Jüppner. (ich)