Sie geben nächstes Jahr nach 31 Jahren überraschend Ihr Amt als Bürgermeister auf. Was sind die Gründe dafür?

Der Hauptgrund ist, dass ich einen medizinischen Warnschuss bekommen habe. Und der hat mich nach reiflicher Überlegung, nach Rücksprache mit Ärzten und im privat-persönlichen Umfeld dazu bewogen, das Amt in andere, vielleicht auch jüngere Hände abzugeben.

Heute gibt es vielerorts junge Bürgermeister, wie war das in Ihren Anfangsjahren?

Das ist im Hegau nichts Neues. Als Helmut Groß in Tengen 1973 ins Amt kam, war er 25, und es gibt viele weitere Beispiele. Natürlich war man mit 30 jung und da kommen Fragen, ob man für so ein verantwortungsvolles Amt nicht zu jung ist. Aber dieses Problem wird ja mit jedem Tag ein bisschen weniger. Ich wollte schon immer politisch gestalten, mochte in der Schule lieber Gemeinschaftskunde und Geschichte als Biologie oder Chemie. Ich komme auch aus einem politischen Elternhaus, da wurde viel diskutiert.

2019 haben Sie zum 40-jährigen Dienstjubiläum sinniert: Wo kommst du her und wo willst du noch hin? Wissen Sie inzwischen eine Antwort?

Wo ich herkomme, weiß ich immer noch. Ich bin auf dem Land groß geworden, damals noch ohne Kindergarten – ich konnte Traktor fahren, aber keine Schuhe binden. Wir konnten eine ganze Menge, aber manche Dinge doch nicht. Das hat sich in der Zwischenzeit aber natürlich geändert. Jetzt hört wieder ein Lebensabschnitt auf. Das Berufsleben endet und die riesen Verantwortung für ein Gemeinwesen. Das ist eine riesige Zäsur im Leben eines jeden Menschen. Die Frage nach dem Wohin kann ich aber nur bedingt beantworten, weil das auch von anderen gesteuert wird. Wer hätte heute vor einem Jahr zum Beispiel damit gerechnet, dass Corona kommt?

Hätten Sie die Frage, wie es für Sie weitergeht, vor einem Jahr anders beantwortet?

Vermutlich schon. Aber meine Amtszeit hätte ohnehin 2022 geendet, jetzt ist es halt ein bisschen früher. Im 63. Lebensjahr hätte ich mich fragen müssen, ob es eine fünfte Amtsperiode gibt. Ich glaube, das wäre nicht der Fall gewesen.

Was sind im Rückblick die Meilensteine Ihrer Arbeit? Was war Ihnen wichtig?

Eine Gemeinde ist nie fertig. In einer Gemeinde gibt es immer Dinge, die für die Infrastruktur wichtig sind, und das gesellschaftliche Zusammenleben. Als ich anfing, ging es um den Bau einer großen Mehrzweckhalle, Sicherung der Infrastruktur, neue Wasserversorgung. Man hat investiert in Schulen, in Kindergärten, in Wohngebiete, in Gewerbegebiete.

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Also hat sich viel getan?

Unwahrscheinlich, aber das klingt fast nach Eigenlob. Mir war eine funktionierende Dorfgemeinschaft und Vereinslandschaft wichtig. Das ist prägend für unsere Hegau-Region. Man sieht gerade in Zeiten von Corona, was nun in unseren Dörfern fehlt: Das soziale Miteinander, das zum großen Teil von Vereinen geprägt wird in Musik, Sport und Kultur. Da sind seit März Dinge weggebrochen. Es wird eine wichtige Aufgabe, neben den wirtschaftlichen Auswirkungen, dass diese Dorfkultur wieder zum Laufen kommt und wir weiter Ehrenamtliche haben, die sich für eine kulturelle Vielfalt einbringen. Es ist auch eine Aufgabe der Politik, da unterstützend zu wirken.

Welche Hürden gab es?

Es gab immer wieder finanzielle Herausforderungen wie jetzt gerade wieder. Alles was wünschenswert ist, ist nicht machbar – das klingt nach einem blöden Spruch, ist aber so. Die Bürokratie war vor 30 Jahren einfacher zu handeln. Jeder schreibt sich auf die Fahne, das zu ändern, doch davon kommt kommunal wenig an. Früher hat man einen Antrag auf zwei Seiten gestellt, heute sind das umfangreiche Ausarbeitungen, für die man Expertise braucht.

Bilder aus der ersten Amtszeit bis 1998: Ein neuer Löschzug für Ehingen.
Bilder aus der ersten Amtszeit bis 1998: Ein neuer Löschzug für Ehingen. | Bild: Privat/Gemeinde Mühlhausen-Ehingen

Wie hat sich die Arbeit noch verändert?

Ich erinnere mich noch an Schreibmaschinen und wie 1999 meine E-Mail-Adresse eingerichtet wurde. Das war dann viel Ausprobieren. Die Digitalisierung war ein riesiger Schritt und hat viel beschleunigt – ob das immer positiv war und alle mitkommen, ist die andere Frage. Aber man könnte das schnellere Leben mit der alten Technik gar nicht mehr bewältigen. Heute kann ich einen Gesetzestext einfach online nachsehen statt Bücher zu wälzen. Das Handwerkszeug ist ein anderes geworden, Köpfchen braucht man aber weiterhin.

Ihre Nachfolgerin oder Ihr Nachfolger wird während oder nach Corona eine Gemeinde übernehmen.

Natürlich ist das eine besondere Herausforderung. Holger Mayer in Hilzingen hat zum Beispiel mit Corona sein Amt begonnen und ein ganz anderes Gemeindeleben erfahren. Es wird eine Herausforderung sein für meine Nachfolgerin oder meinen Nachfolger. Auch das Finanzielle, wobei die Gemeinde mit ihren Rücklagen bei weiterhin sparsamem Tun diese dürren Zeiten überleben kann.

Was haben Sie für das letzte Jahr im Amt geplant?

Dass wir die Corona-Folgen gut hinter uns bringen. Und dass die Aufgaben weiter geführt werden, so dass es eine stimmige Amtsübergabe geben kann. Wir sind derzeit dabei, ein neues Wohngebiet zu entwickeln, haben ein Projekt in Mühlhausen mit Wohnen im Alter und Gemeinschaftswohnen. Auch die Gewerbeentwicklung und dass es in Schulen und Kindergärten gut weiter geht. Es ist wichtig, dass wir da zu einigermaßen normalen Zuständen zurückkehren – manch ein Schüler hat am 16. März zuletzt die Schule betreten.

Als er sein Amt aufnahm, gab es noch Schreibmaschinen statt iPad: Hans-Peter Lehmann in seinem Büro im Rathaus Mühlhausen-Ehingen.
Als er sein Amt aufnahm, gab es noch Schreibmaschinen statt iPad: Hans-Peter Lehmann in seinem Büro im Rathaus Mühlhausen-Ehingen. | Bild: Arndt, Isabelle

Wie geht es für Sie weiter?

Ich habe ja noch ein paar Nebenjobs, bin im Kreistag, im Aufsichtsrat vom Krankenhaus, von der Caritas und im Regionalverband. Außerdem möchte ich einen Bürgerverein gründen, der soll nach Corona ein Kitt für die Gesellschaft sein. Ich möchte noch ein bisschen tätig sein, wenn ich das gesundheitlich hinbekomme. Man kann ja nicht von heute auf morgen den Motor abstellen. Ich will aber nicht der Co-Bürgermeister sein, aus der Tagespolitik möchte ich mich heraushalten.

Und privat?

Ich möchte Zeit für mich haben, nicht mehr so fremdbestimmt sein. Viele Veranstaltungen und dabei sein gehört dazu für jemanden, der Bürgermeister sein möchte – das muss man wollen. Mir hat es immer Spaß gemacht, ich bin ja gerne unterwegs. Das hat sich durch Corona in den vergangenen Monaten aber verändert – vielleicht wird die Nähe nie wieder so, wie sie einmal war. Schon jetzt kann ich, weil Veranstaltungen wegfallen, ein bisschen mehr in der Natur sein. Die nächsten Jahre möchte ich gesund bleiben, meinen Hobbys frönen und mehr Rad fahren.

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