"Um's Hääs und's Gfrääs hat sich alles dreeht!" Dieser Satz auf einem Faltblatt zur historischen Sammlung im Mühlhauser Rathaus beschreibt, um was sich das Leben auch in den 60er-Jahren in den ländlichen Gemeinden drehte: Dass man etwas zum Anziehen und genug zum Essen hatte. Der Hobbyhistoriker Helmut Fluck aus Mühlhausen-Ehingen ist 1939 in Leipferdingen geboren und aufgewachsen. Er ging 1960 mit 21 Jahren zum damaligen Bundesgrenzschutz. Vorher arbeitete er auf dem Bau.

Fluck wuchs mit vier Geschwistern auf, die Eltern hatten Landwirtschaft. "Um 5.30 Uhr standen wir auf, dann ging es für eine Stunde in den Stall und danach zur Arbeit", berichtet Fluck. Viele Männer aus Mühlhausen-Ehingen waren in den 60er-Jahren bereits in der Industrie in Singen beschäftigt. Sie fuhren mit dem Zug, mit dem Fahrrad oder gingen zu Fuß zur Arbeit. Bis in die 60er-Jahre wurde auch samstags gearbeitet.

Helmut Fluck in der historischen Sammlung.
Helmut Fluck in der historischen Sammlung. | Bild: Tesche, Sabine

Die Landwirtschaft der Eltern von Helmut Fluck hatte sechs Hektar, kleine Parzellen, die über das Gemeindegebiet verteilt waren. "Angebaut haben wir alles: Gerste, Weizen, Hafer, Kartoffeln, Rüben fürs Vieh und Kraut", erzählt er. Alle Familienmitglieder arbeiteten mit. Wenn die Heuernte eingebracht wurde, musste jeder mit anpacken. Die Arbeitsgeräte sind im Dachgeschoss des Rathauses zu bewundern. Das Heu und Getreide wurde von Hand gemäht, mit Holzgabeln gedreht und zu Garben aufgebunden.

"Hausfrauen gab es damals nicht, die Frauen gingen mit aufs Feld und nahmen die Kinder mit", so Fluck. Die Kleinsten wurden auf einem Kissen aufs Stoppelfeld gelegt, wenn sie hätten ausbüchsen wollen, hätten die picksenden Stoppeln sie aufgehalten. Die vier Kühe waren ebenfalls eingespannt und mussten die Heuwagen ziehen: Sie waren Arbeitstiere und gaben Milch. In der Sammlung sind Maulkörbe für die Kühe zu sehen, die sie bei der Arbeit am Fressen hindern sollten. "Damals gab es noch keine Monokultur, die Menschen auf dem Land haben sich selbst versorgt", erinnert sich Fluck.

Bild: Bildband ME

Obwohl immer mehr Traktoren und Landmaschinen im Einsatz waren, war vieles Handarbeit, egal ob im Haushalt oder auf dem Feld. Manchmal war Erfindergeist gefragt, um die Gerätschaften am Laufen zu halten. Wer es sich leisten konnte, erleichterte sich die Arbeit mit elektrischen Geräten, die langsam in den Haushalten Einzug hielten. Viele konnten sich das laut Fluck nicht leisten. Eine der ersten Melkmaschinen aus den 60er-Jahren ist in der Sammlung zu sehen. Doch der Zusammenhalt in der Gemeinde war besser, bei Festen oder Feiertagen war das ganze Dorf auf den Beinen und jeder kannte jeden. Die Kinder des Dorfs haben immer zusammen draußen gespielt.

Die Kinder gingen in die Dorfschule, in der alle Altersstufen gemeinsam unterrichtet wurden. Dort herrschte ein strenges Regiment, die Lehrerin schlug die Kinder, wenn sie nicht spurten, erinnert sich Helmut Fluck. Und der Vater hatte in der Familie uneingeschränkt das Sagen. Das Leben auf dem Land beschreibt der Hobbyhistoriker so: "Das war alles andere als romantisch, das war harte Arbeit."

Bauern in den 60ern und die Sammlung

In den 60er-Jahren ist in der deutschen Landwirtschaft viel passiert, was vor allem an der Schaffung einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft lag. Spezialisierung und Technisierung waren gefragt.
 

  • Spezialisten: Die deutschen Landwirte mussten ihre Preise senken, um in Europa konkurrenzfähig zu sein. Als Problem wurden die vielen kleinen Betriebe mit vielen Parzellen erkannt, die traditionell Vielfalt produzierten. Jetzt waren Spezialisten mit größeren Betriebseinheiten gefragt. In den 60er-Jahren verringerte sich laut einer Sonderveröffentlichung zu 80 Jahre Agrartechnik des Magazins „Argrarheute“ die Zahl der Vollbeschäftigten in der Landwirtschaft von 3,3 auf 1,8 Millionen. Die Durchsschnittsgröße je Betrieb stieg in zehn Jahren von 9,3 auf 11,7 Hektar. „Es wurde in großem Umfang investiert, mechanisiert, ausgesiedelt und zusammengelegt“, heißt es in dem Magazin.
  • Landmaschinen-Boom: Die Zahl der in der westdeutschen Landwirtschaft eingesetzten Traktoren stieg von 1960 bis 1970 laut „Argarheute“ von 860 000 Traktoren auf 1,36 Millionen an. Die Bauern besaßen nicht nur mehr, sondern immer stärkere Zugmaschinen und der Einsatz von Zugtieren wurde zur Seltenheit. Die Bauern investierten auch in Mähdrescher, 160.000 Stück waren 1970 im Einsatz. Auch die Zahl der Melkmaschinen nahm von 1960 mit 310.000 auf 519.000 im Jahr 1970 zu. Auch das Aufkommen des Ladewagens förderte den Landmaschinen-Boom. (Alle Zahlen aus „Argarheute“)
  • Die Sammlung: 2013 wurde die historische Sammlung im Dachgeschoss des Rathauses Mühlhausen vom Arbeitskreis Seniorenarbeit in Mühlhausen-Ehingen eingerichtet. 520 Exponate sind dort, nach Themen geordnet, zu sehen und es kommen immer neue dazu. Es sind Alltags- und Gebrauchsgegenstände aus den Bereichen Haushalt, Landwirtschaft, Schule, Kirche, Familie und von ehemaligen Industriebetrieben ausgestellt. So zum Beispiel von der Familie Auer, die von 1896 bis Anfang der 1970er-Jahre Bier braute. Nach 1970 stellte die Familie auf Obstverwertung um. Auch die Geschichte des Basaltwerks ist dokumentiert. Viele Ausstellungsstücke dürfen in die Hand genommen und ausprobiert werden. „Das ist hier kein Museum, wir wollen zeigen, wie die Menschen ihren Alltag bewältigt haben“, erklärt Helmut Fluck. Das Team, das jeden Freitag von 9.30 bis 12 Uhr vor Ort ist, bietet auch Führungen für kleine Gruppen an. Anmeldung unter Telefon (07733) 1534.