Im Café von Monique Flemke am Stadtgarten in Radolfzell steht in stoischer Ruhe ein Mann auf der Terrasse unterm glitzernden Deko-Eisbaum. An seiner Mütze ist ein gebogener Draht befestigt. Daran hängt ein Mistelzweig. Auf seinem T-Shirt steht „Du Unglückswurm“. Nach langem Staunen des Rätsels Lösung: Die Schaufensterpuppe ist eine Installation des Künstlers Wolfgang Hecking: „Er wartet darauf, dass ihn ein Mädchen nach alter englischer Sitte unterm Mistelzweig küsst. Das ist ihm bislang wohl noch nicht gelungen.“

In einem Radolfzeller Café wartet diese Schaufensterpuppe auf ihren ersten Kuss.
In einem Radolfzeller Café wartet diese Schaufensterpuppe auf ihren ersten Kuss. | Bild: Pantel, Veronika

Wer ist Wolfgang Hecking, was treibt ihn um, solch abgedrehte Kunst zu schaffen? Ein Besuch im Haus und Atelier des Künstlers auf der Höri im Mooser Ortsteil Weiler bringt Licht ins Dunkel. Schon das Haus, vom Architekten Günther Viehoff 1983 gebaut, ist ein Kunstwerk: Das Holzständerhaus ist ein Traum aus Holz und Glas, die Ateliers im Untergeschoss sind groß, hell und geräumig. Denn auch Ehefrau Gisela ist künstlerisch tätig, fertigt großformatige, farbenfrohe Blumenbilder und Gebinde aus Naturmaterialien. Der Garten, auf mehreren Ebenen angelegt, birgt südfranzösisches Flair mit außergewöhnlichen Pflanzen, Stauden und Bäumen, Naturteich und Wachtel-Gehege.

Vinyl-Platten sind auch dann noch Kunst, wenn man sie nicht mehr anhören kann.
Vinyl-Platten sind auch dann noch Kunst, wenn man sie nicht mehr anhören kann. | Bild: Veronika Pantel

Vor der antiken, blau gestrichenen Haustür weist ein Feder-Windspiel den Weg, vor der Durchfahrt zum Garten warnt ein Verbotsschild mit gestapelten Schrott-Auto-Modellen vor der Weiterfahrt. Im Garten schlängelt sich ein eiserner Lindwurm durchs Efeu, warten vibrierende Becken auf Windzug, glotzt ein metallener „Schlammspringer“ von der Mauer. Verbogene und gefärbte Vinyl-Schallplatten blühen als exotische Blumen, ein Tausendfüßler aus alten Türklinken kriecht durchs Gebüsch. Immer werden aus umgedeuteten und in neue Zusammenhänge gestellten Alltags- und Fundgegenständen ebenso skurrile wie hintersinnige Objekte.

 

Wolfgang Hecking war als Verkaufsleiter einer großen Firma in ganz Deutschland tätig. Künstlerisch ist er, wie seine Frau, Autodidakt: „Wir hätten beide gerne Kunst studiert, aber die Eltern wollten, dass wir einen ‚seriösen‘ Beruf lernten.“ Doch müssen das Bodensee-Klima und die Höri-Reize seit 1982 mächtig gewirkt und das künstlerische Potenzial geweckt haben. Denn außer den ungewöhnlichen Installationen und kreativen Aktionen, etwa in Radolfzeller Kulturnächten, mit Kindern auf der Singener Landesgartenschau, am Iznanger Rathausbrunnen oder zuletzt mit dem „Spar-Säule“ (Sparschweinchen), das er dem Hegau-Jugendwerk auf einer echten Säule postiert vermachte, künden Wolfgang Heckings Aktionen und Objekt-Bilder von ungebremster Kreativität und Lust am spielerischen Umgang mit dem Material.

Einem Lindwurm gleich schlängelt sich dieses eiserne Objekt durch den Garten von Wolfgang Hecking.
Einem Lindwurm gleich schlängelt sich dieses eiserne Objekt durch den Garten von Wolfgang Hecking. | Bild: Veronika Pantel

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ – Schillers Maxime aus seiner Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ hat Wolfgang Hecking ganz und gar verinnerlicht. Wie kommt er auf seine Ideen, auf die Objekte mit dem hohen Spaßfaktor? „Jede Unterhaltung, jede Diskussion, aber auch jeder Flohmarkt-Besuch regen mich an. Ich mache Dinge, die provozieren oder zumindest zum Nachdenken anregen. Ich will anderen einen Spiegel vorhalten und hoffe so, dass neue Diskussionen daraus entstehen“, erklärt der 75-Jährige.

"Traumschiff": Ein Objektbild mit abgebrannten Wunderkerzen auf einer Torte.
"Traumschiff": Ein Objektbild mit abgebrannten Wunderkerzen auf einer Torte. | Bild: Veronika Pantel

Das ganze Haus ist mit seinen Werken und denen seiner Frau bestückt: „Fischzug“ heißt ein Objekt, das kleine, metallene Kreuze in eine Sardinendose zwängt. „Traumschiff“ ein Objekt-Bild, das das untergegangene Schiff zeigt. Nur die Torte mit abgebrannten Wunderkerzen schwimmt noch oben. Gerne installiert Hecking Beleuchtung oder bezieht Geräusche ein: Die Ente, die gackert wie ein Huhn, ist ein Bespiel, oder das Heimchen, das in den aufgestellten Orgelpfeifen zirpt. „Gegen den Strom“ zeigt nur die Beine von vielen Barbie-Püppchen, zwischen denen Plastik-Fische in entgegengesetzter Richtung schwimmen. Ein Stromanzeiger prangt in der oberen Ecke.

"Gegen den Strom" schwimmen in Wolfgang Heckings gleichnamigem Objekt Plastikfische zwischen den Beinen von Barbie-Puppen, links oben ein Stromzähler.
"Gegen den Strom" schwimmen in Wolfgang Heckings gleichnamigem Objekt Plastikfische zwischen den Beinen von Barbie-Puppen, links oben ein Stromzähler. | Bild: Veronika Pantel

Natürlich hat Hecking, der im Münsterland aufwuchs, schon an etlichen Ausstellungen in der näheren und weiteren Entfernung und in Frankreich teilgenommen. Derzeit ist seine Parodie auf das RadolfzellerEntenrennen in der Villa Bosch zu bewundern. Und Wolfgang Heckings Hommage an Joseph Beuys, den er verehrt, darf nicht fehlen: „Überdruck“ zeigt einen roten Stempel auf Filz, die Glasscheibe ist zerbrochen, schwarze Lackfarbe quillt aus dem roten Sperrholz-Bildgrund und sprengt den Rahmen. „Jeder Mensch ist ein Künstler“ hat Beuys gesagt. Wolfgang Hecking hat auch dieses Statement zu hundert Prozent verinnerlicht.