Kultur_See Vom Revoluzzer zum nützlichsten Monarchen

Eine neue Biographie über Jean Baptiste Bernadotte, großer Vorfahre des Insel-Mainau-Grafen Lennart Bernadotte

Das wird nicht nur die Freunde der Insel Mainau interessieren: Der Jenaer Geschichtsprofessor und Schwedenexperte Jörg-Peter Findeisen hat eine faktengenaue, forschungsintensive, chronologisch verfahrende und entmythologisierende Lebensgeschichte des Gascogners Jean Baptiste Bernadotte verfasst, die zugleich an ein Jubiläum erinnert. Vor gut 200 Jahren wurde der damals 46-jährige Marschall Napoleons und längst nobilitierte Fürst von Monte Corvo vom schwedischen Ständetag zum Kronprinzen erkoren. Acht Jahre später hieß er dann als König Karl XIV. Johan , trug die schwedische und norwegische Krone, gründete eine Dynastie, die heute noch – trotz gelegentlicher Gerüchte wg. erotischer Komplikationen – blüht, gedeiht, nicht nur in Stockholm, sondern auch auf dem insularen Mainau-Paradies.

Wie die Bodensee-Bernadottes von ihrem Namens- und Leibesahn stammen (Könige Karl XIV. Johan – Oskar I und II –Gustav V, dann Prinz Wilhelm – Lennart….), ist nicht Thema des Findeisen-Kompendiums. Denn das ist es nicht, um das ohnedies Ausführliche nicht ins Unübersichtliche auszuweiten, da schon das Lebensbild Jean Baptists zum Zeitpanorama ausgemalt wird, voller Farben, Konturen, behutsamen Ausleuchtungen. Der Autor sucht das Original hervorzuholen, ohne die Mühen der Restauration zu scheuen und sie dem Leser vorzuenthalten. Das Lesen, weil es keine Anbiederung ans Roman-Unterhaltsame anbietet, ist nicht immer leicht. Das fängt schon auf den ersten Seiten an, die das letzte Wort des Königs zitieren: „er habe eine Laufbahn vollendet, die keiner gleicht“. Ist es Stolz, Hochmut, Eitelkeit oder ein „letzter Hieb Bernadottes gegen den einst übermächtigen Ziehvater Napoleon Bonaparte“?

Die Karriere des Advokatensohnes aus Pau (Béarn) ist rasant. Zwar ist der Anfang langsam, dann beschleunigt durch die Revolution, die endlich auch Bürgerliche zu Offizieren erhebt, aber mit Napoleon geht es innerhalb von 15 Monaten vom Hauptmann empor zum Divisionsgeneral. 1798 heiratet er Désirée Clary, die sich vorher als Napoleons Verlobte zu verstehen Anlass hatte, immerhin mindestens 100 000 Francs Mitgift besaß und eine Schwester Julie, durch die Bernadotte Schwager von Napoleons Bruder Joseph wurde, dem französischen Botschafter in Rom. Der geniale Schlachtenlenker und Heeresorganisator wird vorgeführt, aber auch der vom Revolutionselan geprägte Diplomat. Fast wäre er daran gescheitert, als Bernadotte französischer Botschafter im kaiserlichen ein wurde und dort nicht nur die Tricolore hisste, sondern auch noch den Fahnenmast mit der verhassten Dreierfarbe anstreichen ließ: Da kam es zu Aufruhr gegen das Jakobinerzeichen, unter dem die Kaisertochter Marie Antoinette geköpft worden war. Wie verhielt sich der General bei Jena und Auerstedt, bei der – von ihm schon lange vorher, aber nach dem Russland-Feldzug prophezeiten – Völkerschlacht bei Leipzig? Wie da die diplomatischen Wege samt Intrigen, die Heeresordnungen und vorgefassten Siegeransprüche (Schweden wollte ja Norwegen, was es dann auch bekam) liefen, das wird von allen Seiten, also den Quellen aus Freundes-, Feindes- und politischem Pokerlager durchgeforscht.

Die Bilanz modifiziert den Vers des einstigen Jenaer Geschichtsprofessors Schiller über Wallenstein: „...schwankt sein Charakterbild in der Geschichte“ dahingehend, dass es das von Bernadotte schon zu Lebzeiten, und zwar erheblich, schwankte und daher Findeisen gesteht„er fasziniert und verwirrt“.

Er war genial im militärischen Vormarsch wie im diplomatischen Schleichschritt, er war ein Promotor seiner Interessen (die er auch von Literaten wie August Wilhelm Schlegel und Philosophen wie Benjamin Constant europaweit vertreten ließ) und verstand sie zugleich in Volksgunst umzumünzen. Die einen fragen immer noch, ob er nicht „die Grenzen für das psychologisch Normale“ überschritten habe, die andern feiern ihn als einen der „größten und nützlichsten Herrscher“ auf einem europäischen Thron. Findeisen diskutiert, erzählt, wertet mit einer bewundernswerten Mischung aus Distanz und Sympathie.

Jörg-Peter Findeisen

: „Jean Baptiste Bernadotte“. Casimir Katz Verlag, Gernsbach. 384 S., 24,80 Euro

Ihre Meinung ist uns wichtig
Historische Momente
Neu aus diesem Ressort
Singen
Kultur_See
Kultur_See
Kultur_See
Kultur_See
Kultur_See
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren