Kultur_See Lichtmalerei – von wegen Edelkitsch

Wessenberg-Galerie Konstanz zeigt in Zusammenarbeit mit der Universität Kunst-Fotografie um 1900

Frank Eugene Smith (1865-1936): „Adam und Eva”, 1910, Bromöldruck.
Frank Eugene Smith (1865-1936): „Adam und Eva”, 1910, Bromöldruck.

Das Highlight der Ausstellung „Lichtmaler. Kunst-Fotografie um 1900“, aus Beständen eines anonymen Sammlers ist ein erstmals öffentlich präsentiertes 10 x 14,7 cm großes, rotbraun getöntes Bild, das man Theodor und Oskar Hofmeister aus Hamburg zuschreibt. Der malerisch wirkende Abzug zeigt einen umgekippten Baum in einem Teich und gilt als erster Gummidruck dieser bedeutenden Amateurfotografen. Ausgestellt ist das Kleinod nicht – wie der Leser vermuten mag – im dafür bekannten Fotomuseum Winterthur, sondern in der Städtischen Wessenberg-Galerie Konstanz, die bisher vor allem südwestdeutsche Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts vorstellte.

Dieser Einstieg in die Fotografie passt, denn die Galerie thematisiert hier das diffizile Verhältnis von Kunst und Fotografie mit breit gefächertem Material aus einer Epoche, die lange Zeit als Edelkitsch verschmäht wurde. Interessant: Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Literaturwissenschaft der Universität Konstanz.

Die kunstfotografische Bewegung, auch Piktorialismus genannt, die sich um 1900 durch ein dichtes Geflecht an Ausstellungen und Publikationen weltweit verbreitete, wurde von Amateuren angestoßen. Neben Geld, teils auch mit Zeit oder naturwissenschaftlichen Kenntnissen ausgestattet, versuchten sie mit malerisch anmutenden Abzügen die Fotografie innerhalb der Kunst und sich selbst als Künstler zu verorten. Sie interessierten sich nicht für die exakte Wiedergabe der Wirklichkeit, die die Fotopioniere faszinierte und wandten sich gegen die Profanisierung als Massenprodukt kommerzieller Ateliers.

Eine Fotografie war für sie gelungen, wenn Sinneseindrücke spürbar waren und das subjektive Auge des Fotografen das objektive der Kamera dominierte.

Um Bilddetails zu unterbinden, entwickelten sie komplizierte Kopiertechniken wie Gummi-, Kohle- und Bromöldrucke oder Fotogravuren, die unscharf, grobkörnig, auch farbig, die neue Ästhetik der „malerischen Unschärfe“ erzeugten. Ihre Lieblingssujets waren Landschaften, oft in diffusem Licht, Genreszenen, Stillleben und Akte.

Selbst wenn man unmittelbar vor die Werke tritt, wirken sie wie Radierungen oder Zeichnungen, allesamt sind sie Unikate, was dem Wesen der Fotografie eigentlich widerspricht. Spannend macht die Schau, dass sie nicht nur die 20-jährige Hochzeit des Piktorialismus mit namhaften Vertretern wie Frank Eugene Smith, sondern dazu die weniger bekannte malereiorientierte Vor- und Nachspielzeit beleuchtet.

Die Ausstellung beginnt mit den widerstreitenden theoretischen Positionen von H. P. Robinson und P. H. Emerson. Der eine benutzte das Fotomaterial nur als Ausgangbasis für ein ausgefeiltes Komponieren nach den etablierten Regeln der Malerei. Der andere untersuchte den Bildentstehungsprozess und leitete Anforderungen aus Erkenntnissen über das menschliche Sehen gemäß H. von Helmholtz ab.

Umgekehrt beeinflussten Fotografen auch Maler, welche mit fotografischen Landschafts- und Aktstudien Zeit sparten, aber so auf eine fotografische Naturdeutung zurückgriffen. Die eigenständige, bildnerische Aktfotografie konnte sich erst zur Jahrhundertwende durchsetzen. Die Piktorialisten positionierten ihre Modelle in freier Umgebung und verarbeiteten die Aufnahmen zu konturarmen, fast entrückten Körpern. Die experimentellen Prozesse in der Dunkelkammer waren überhaupt entscheidend für sie und der Umgang mit dem Negativ von behutsam bis zerstörend ein Zwischenschritt auf dem Weg zum Kunstwerk. Den Abschluss der Chronologie bildet Wallace E. Dancy, dessen Arbeit bis 1950 reicht und motivisch eher der Neuen Sachlichkeit zuzurechnen ist. Als er kunstfotografisch zu arbeiten begann, hatte die Avantgarde mit ihrem nüchternen, kühlen Blick den Piktoralismus als überholten Ausdruckskitsch zu Fall gebracht.

Die universitären Fachbereichsleiter und Professoren Felix Thürlemann und Bernd Stiegler haben mit ihren Studenten im Seminar „Piktorialistische Photographie“ die Ausstellung vorbereitet und so das Selbstverständliche offensichtlich gemacht: Keine Epoche in der Geschichte ist ohne Vorläufer und Nachfolger zu verstehen. Obwohl die Kunstphotographie nicht mehr stigmatisiert wird, ist sie bisher wissenschaftlich kaum untersucht. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass hier zuerst der Kunstanspruch der Fotografie umfassend postuliert wurde. Die Ausstellung ist ein Baustein für eine neue Sichtweise auf dieses Genre.

„Lichtmaler. Kunstfotografie um 1900. Bilder einer Privatsammlung“. Städtische Wessenberg-Galerie, Wessenbergstr. 43, 78462 Konstanz. Bis 5. Februar 2012. Di bis Fr 10-18 Uhr, Sa/So/Fe 10-17 Uhr. Geschlossen am 24./25./31.12. und 1.1.12. Weitere Informationen im Netz: www.konstanz.de

Wallace Edwin Dancy (1905-1984): „A Vantage Point (Ein Aussichtspunkt)” ohne Jahresangabe, einfacher Gummidruck.
Wallace Edwin Dancy (1905-1984): „A Vantage Point (Ein Aussichtspunkt)” ohne Jahresangabe, einfacher Gummidruck. | Bild: Wessenberg-Galerie
August Kotzsch (1836-1910): „Neuberts Röse mit Rechen und Sense“ (ca. 1870).
August Kotzsch (1836-1910): „Neuberts Röse mit Rechen und Sense“ (ca. 1870).

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