Kultur_See Einem Künstler auf der Spur

Das Stadtmuseum Radolfzell würdigt erstmals das Werk des Malers Albert Fierz in einer umfangreichenPräsentation

In Paris kam Fierz in Berührung mit der farb- und lichtstarken Kunst der Impressionisten und Nachimpressionisten. Hier das Gemälde „Avenue de la Motte-Piquet“.
In Paris kam Fierz in Berührung mit der farb- und lichtstarken Kunst der Impressionisten und Nachimpressionisten. Hier das Gemälde „Avenue de la Motte-Piquet“. | Bild: Gabelmann

Weithin bekannt sind die monumentalen Historienbilder, die im Bürgersaal des Radolfzeller Rathauses die Geschichte der Stadt am Untersee lebendig werden lassen. Wenig jedoch wusste man bisher über den Urheber dieser Gemälde; allzu dürftig waren die Daten und Fakten zu seinem Leben und Werk. Hier galt es, eine Lücke in der Kunstgeschichte der Bodenseeregion zu schließen. Dies unternimmt nun eine Retrospektive, die den weitgehend in Vergessenheit geratenen Maler Albert Fierz (1861–1913) anlässlich seines 150. Geburtstages im Radolfzeller Stadtmuseum würdigt.

Die zentrale Frage lautet: War Albert Fierz mehr als „nur“ der Historienmaler in und für Radolfzell? Die Kuratoren Monika Leister und Achim Fenner begaben sich mit aufwendigen Recherchen in Archiven, Nachlass und Familienumfeld auf die Spuren des in Unterhausen bei Reutlingen geborenen und später in Radolfzell ansässigen Künstlers. Stationen seiner Ausbildung durchlief Fierz zwischen 1880 und 1885 an den Kunstakademien in Karlsruhe und Stuttgart, stets finanzkräftig unterstützt von seinem Vater Carl Fierz, der ab 1882 den Buchhof bei Radolfzell als Sitz der wohlhabenden Familie führte. Einen ersten Höhepunkt der künstlerischen Laufbahn bot 1888 die Ausgestaltung der „Höllebrauerei“ in Radolfzell mit Szenen aus Scheffels Roman „Ekkehard“. Es folgte der Großauftrag für die vier Historiengemälde im Rathaus, die Fierz von 1896 bis 1900 gemeinsam mit seinem Schweizer Künstlerfreund Emil Dill (1861–1938) ausführte. 1894 gründeten die Malerkollegen in Zürich eine private Kunstschule.

Neue Anregungen suchte Fierz um 1900 bei einem Parisaufenthalt. Ab 1902 lebte der Künstler dauerhaft in Radolfzell, wo er im Österreichischen Schlösschen sein Atelier hatte. Bis heute ungeklärt sind die Umstände seines Freitodes 1913 im Mindelsee bei Möggingen.

Das Schaffen von Albert Fierz bewegt sich im Bezugsfeld zwischen Historismus und Impressionismus, zwischen altdeutscher Spätromantik, Gründerzeitpathos, Jugendstildekor und Anklängen an eine neue, modernere Bildauffassung. Tief verwurzelt in der Maltradition des 19. Jahrhunderts ist sein Werk vorrangig vom zeittypischen Naturalismus und Realismus geprägt. Idyllische Stimmungslandschaften und bäuerliche Genreszenen, liebevolle Alltagsbeobachtungen und einfühlsame Porträts sowie Stillleben, Tierstudien, Architektur- und Stadtveduten bilden das breite Spektrum seines Schaffens. Offenkundig wird, dass Fierz mehr war, als der bloße Erzähler längst vergangener Epochen. Stilistisch lassen sich mannigfache Orientierungen an Arbeiten von Millet, Courbet, Leibl, Schönleber (sein Karlsruher Lehrer), Liebermann und Monet beobachten.

Unter den meist undatierten Exponaten finden sich reizvolle Ansichten vom Zürichsee und Untersee, technisch versiert ausgeführt in Öl- und Aquarellmalereien sowie rasche Bleistiftzeichnungen. In Paris kam Fierz in Berührung mit der farb- und lichtstarken Kunst der Impressionisten und Nachimpressionisten. Deren Einfluss prägt Straßenszenen aus der Seine-Metropole wie die „Avenue de la Motte-Piquet“, und auch nachfolgende Schilderungen von sommerlichen Bodenseeufern, einsamen Fischerbooten, von Feldarbeit und stillen Winkeln in der Umgebung von Radolfzell. Fierz' Stärke liegt dabei im sicheren Gespür für den besonderen Moment und die spannungsvolle Komposition. Skizzenbücher, Illustrationen, Vorstudien zu den Rathausbildern und Objekte einer Altertümersammlung, die Fierz 1909 der Stadt schenkte, runden die umfangreiche Werkschau ab.

Die Ausstellung macht deutlich, dass Albert Fierz zu keiner eigenständigen Bildsprache gelangte und über weite Strecken dem Stilkanon des späten 19. Jahrhunderts verhaftet blieb. Am überzeugendsten sind seine Natur- und Städtebilder, die mit lockerem Pinselduktus, intensiven Farbkontrasten und formalen Vereinfachungen von einer gewissen Freiheit im Ausdruck künden. Das Verdienst dieser sehenswerten Werkschau und des kunsthistorisch fundierten Kataloges ist es, den wenig bekannten Maler hinter den Radolfzeller Historienbildern hervortreten zu lassen und eine Wiederentdeckung seines überraschend vielfältigen Schaffens zu ermöglichen.

Albert Fierz (1861-1913) – Ein Maler für Radolfzell. Stadtmuseum Radolfzell, bis 15. April. Di bis So 10–12.30 und 14–17.30 Uhr, Do bis 20 Uhr. Katalog: 11 Euro.

Im Netz: www.stadtmuseum-radolfzell.de

Ihre Meinung ist uns wichtig
Historische Momente
Neu aus diesem Ressort
Singen
Kultur_See
Kultur_See
Kultur_See
Kultur_See
Kultur_See
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren