In einem sind sich Roland Wehrle, Chef des VSAN, und Rainer Hespeler, Vorsitzender der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee, einig: Die Fasnacht 2022 war „unheimlich kreativ“, wie Wehrle es formuliert. Und Hespeler bestätigt: „Wir haben alles versucht, was möglich war. Die Zünfte waren kreativ.“ An vielen Orten habe der Schmutzige Dunschtig somit trotz Pandemie und anhaltender Omikron-Welle in beinahe normalem Rahmen stattfinden können.

„Die Menschen wollen feiern“

„Die Menschen wollten miteinander feiern und einander begegnen“, sagt Wehrle auf Anfrage des SÜDKURIER. Das habe man deutlich gespürt, nachdem im Jahr zuvor die Fasnacht den Corona-Schutzbestimmungen weichen musste. In bescheidenerem Maße als sonst sei dies 2022 dann auch möglich gewesen.

Rainer Hespeler betont, dass es in dieser Saison besonders viele Angebote für Kinder gegeben habe. Das halte er für extrem sinnvoll, da sich Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren in der Regel nicht mehr an ein Fasnachtserlebnis erinnern konnten, da es zu lang zurücklag. „Es ist bekannt und sogar wissenschaftlich belegt, dass fasnächtliche Erlebnisse gerade im frühkindlichen Alter als besonders prägend wahrgenommen werden.“

Schöne Erlebnisse bei der Straßenfasnacht

Hespeler benennt die Gelegenheiten, an denen er in diesem Jahr besonders viel Fasnachts-Freude erlebt habe: Er sei in Mühlhausen-Ehingen unterwegs gewesen und es habe ihm große Freude bereitet, zu sehen, wieviel Spaß die Kinder bei der Befreiung des Kindergartens und der Schule gehabt hätten. „Auch beim Rathaussturm mit tollem Programm – alles im Freien – waren bestimmt mehr Besucher als sonst“, erinnert sich Hespeler. Am Sonntag war er erneut beim Kinderprogramm in Mühlhausen, bei dem eine Schnitzeljagd organisiert wurde. 145 Kinder hätten sich beteiligt. „Man spürte deutlich, dass das in dieser Pandemiezeit fehlte.“

Freies Feiern rund um das Münster in Konstanz. Am schmutzgen Dunschtig war das Feiern der Narren vom Kriegsbeginn in der Ukraine ...
Freies Feiern rund um das Münster in Konstanz. Am schmutzgen Dunschtig war das Feiern der Narren vom Kriegsbeginn in der Ukraine überschattet. | Bild: Scherrer, Aurelia

Die besondere Situation wurde von den Zünften unterschiedlich genutzt. Die Eichenklauber-Zunft aus Gailingen hatte sich vorgenommen, ihre Fasnet so originalgetreu wie möglich zu feiern, trotz der bestehenden Corona-Einschränkungen. Die Eichenklauber hätten am Schmutzigen Dunschtig die Schule im Ort befreit und das Rathaus gestürmt – „unter Corona-Abstandsregeln und mit wider Erwarten sehr viel Publikum“, berichtet Patrick Gansser, Präsident der Eichenklauber, morgens fand das traditionelle Wecken statt und einen kleinen Narrenbaum habe es auch gegeben. „Wir hatten Gratis-Schnelltests und haben den Bereich abgesperrt“, berichtet er. „Wir haben alles nach draußen verlegt – das Ziel war, die Dorffasnet am Leben zu erhalten.“

Wie es ein Zunftmeister erlebt

Ganssers persönliche Bilanz: „Das hat super geklappt, die Leute waren happy.“ Am Samstag ging es dann weiter mit einem kleinen Programm am Musikpavillon im Kurgarten mit drei Sketchen und Musik von der Guggemusik. „Der Platz war voller Leute – und es war so ein schöner Nachmittag“, sagt Gansser im Rückblick. Am Sonntag hatte die Zunft einen kleinen Kinderumzug geplant. Nicht gerechnet hatte sie damit, dass die Menschen aus der ganzen Umgebung dazu anreisen würden. „Wir haben kurzfristig ein kleines Kinderprogramm organisiert“, berichtet Gansser, „wir wurden völlig überrannt.“

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Rainer Hespeler sieht in der – aus der Not entstandenen – Spontanität der Fasnacht 2022 das Besondere dieser Narrensaison. Noch am Tag vor dem 24. Februar habe die Landesregierung zusätzliche Lockerungen verkündet, darauf konnten sich die Zünfte nicht mehr einstellen. Viele hätten sich dennoch etwas einfallen lassen – so etwa hätten die Konstanzer Schneckenbürgler anstelle des untersagten Umzugs ein Häslüften veranstaltet. „Das Freie, Unkontrollierte, Spontane an dieser Fasnacht – das war schön!“

Und was bedeutet das für die Zukunft? „Ich weiß es nicht, wie es 2023 aussehen wird“, bekennt Rainer Hespeler. Er hoffe aber, dass dann wieder eine normale Fasnacht möglich sein werde. „Wir haben fünf gängige Impfstoffe – wenn wir es jetzt nicht schaffen, mit dem Virus zu leben, wann sonst?“ Die größte Herausforderung für die Zünfte sei aus seiner Sicht, jetzt die Mitglieder so zu motivieren, dass sie sich wieder an der Gestaltung der Fasnacht beteiligten.

Auf dem Münsterplatz in Konstanz war am Schmotzigen Dunschtig viel los – und wenige Tage später kam es auf der Marktstätte zu ...
Auf dem Münsterplatz in Konstanz war am Schmotzigen Dunschtig viel los – und wenige Tage später kam es auf der Marktstätte zu Auseinandersetzungen. | Bild: Timm Lechler

Auch Roland Wehrle, Vorsitzender der VSAN, geht davon aus, dass ein Weg gefunden werde, dass 2023 normal gefeiert werden könne. Er wünscht sich, dass die freien Elemente der diesjährigen Fasnacht erhalten bleiben, dass es Plattformen geben solle, die ihr Weiterbestehen ermöglichen. „Wir werden das auch im kulturellen Beirat aufarbeiten.“ Auch er sieht es als zentral an, „die Menschen wieder an uns zu binden“ und auf ihr Engagement zu setzen.

Und Patrick Gansser aus Gailingen? Er zieht einen ganz pragmatischen Schluss aus der diesjährigen Saison. „Für mich war es die Entdeckung der Einfachheit.“ Er selbst habe ein sehr hohes Anspruchsdenken an die Zunft und an sich selbst. Möglicherweise sei das Publikum aber gar nicht so anspruchsvoll. „Manchmal tun es auch die einfacheren Varianten, das nehmen wir aus diesem Jahr mit. Und: das Wir-Gefühl war riesig.“