Die ruhige Ecke im Wohnzimmer statt das Sprachlabor an der Universität: Die Corona-Pandemie zwingt auch die Sprachwissenschaftler an der Universität Konstanz umzudenken. Für neue Testreihen des Babysprachlabors muss kein Kind mehr unter Aufsicht von Wissenschaftlern an die Universität kommen.

Forschen mit Fantasiewörtern

Baby Ben sitzt am Wohnzimmertisch vor einem Tabletcomputer. Es sieht ein buntes Schachbrett und hört Wörter. Es erklingen alltägliche wie Katze und Tisch und erfundene wie Guhm oder Gus. Eine Kamera zeichnet auf, wie lange das Kind aufs Schachbrett schaut, während es die Wortreihen hört.

Baby Ben beim Test für die Sprachwissenschaftler an der Universität Konstanz. Das Kind muss dazu nicht mehr ins Labor an die Universität. Eine App macht die Testreihe am Wohnzimmertisch möglich.
Baby Ben beim Test für die Sprachwissenschaftler an der Universität Konstanz. Das Kind muss dazu nicht mehr ins Labor an die Universität. Eine App macht die Testreihe am Wohnzimmertisch möglich. | Bild: Universität Konstanz

Das sind die Tests, mit denen Sprachwissenschaftler der Universität Konstanz herausfinden wollen, in welchem Alter Kinder Wörter erkennen und ob sie Dialekte wie eine zweite Sprache lernen. Kein Kind muss dazu mehr ins Sprachlabor an die Universität Konstanz kommen. Ein digitales Programm macht die Teilnahme von zu Hause aus möglich. Dabei sind nur ein Elternteil und im Hintergrund die Datenschützer.

Datenschutz ist gewährleistet

Filmaufnahmen von kleinen Kinder, gehörten zu den besonders sensiblen Themen für Datenschützer, sagt Projektleiterin Bettina Braun. Es seien mehrere Sicherungen eingebaut, um den Missbrauch von Daten zu verhinderten. So würden die Videos anonym gespeichert, und verschlüsselt auf den passwortgeschützten Server der Universität Konstanz übertragen. Nur die engsten Mitarbeiter hätten Zugriff.

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Die Filmaufnahmen sind das Herzstück des Experiments. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Kind besonders lange schaut, wenn ihm etwas spannend oder vertraut vorkommt. Nach dieser Systematik lässt sich also messen, ob ein Baby ein Wort kennt oder nicht. Andere Sprachforscher haben auch schon mit Sensoren die Dauer des Nuckelns an einem Schnuller erfasst. Sie erwarteten bei Interesse höhere Nuckelraten.

Tests dauern nur 5 Minuten

Die Konstanzer Forscherinnen setzen darauf, die Blickbewegung zu analysieren. Zwischendrin blendet das Programm in der Testreihe immer wieder das Bild eines Kuscheltiers ein. So wollen die Wissenschaftler erreichen, dass das Interesse des Kindes nicht erlahmt. Trotz dieses Tricks: Sie wissen, dass sich bei Babys die Aufmerksamkeit nicht besonders lange halten lässt. Deshalb ist der Test nach fünf Minuten vorbei.

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Die Wissenschafterinnen Bettina Braun und Katharina Zahner wollen über die Versuche herauszufinden, wann Babys Worte erkennen können, und wie es sich dabei mit dem Dialekt und dem Hochdeutschen verhält. Lernen Kinder Mundart wie eine eigenständige Sprache oder verstehen sie, dass es sich um eine Abwandlung des Hochdeutschen handelt? „Über die Dialektwahrnehmung wissen wir noch wenig“, sagt Projektleiterin Bettina Braun.

Auch das Dialekt-Verständnis wird untersucht

Die Wissenschaftlerin sieht in der Umstellung aufs Digitale einen großen Durchbruch. Denn dieser eröffne ganz neue Möglichkeiten, die Versuchsreihen auszuweiten, auch auf andere Dialektregionen.

Ins klassische Sprachlabor an der Universität Konstanz seien drei bis vier Kinder in der Woche gekommen. Über die App könnten in kurzer Zeit viel mehr Eltern mit Kindern im Alter von zwölf bis 24 Monaten teilnehmen. Gesucht seien unter anderem Familien, die mit ihren Kinder alemannischen Dialekt sprechen. Sie hoffe auf bis zu 200 Teilnehmer.

In der Schweiz wird noch mehr Dialekt gesprochen

Bisher, so sagt Bettina Braun, hätten sie viel mit Schweizerdeutschen Kindern gearbeitet. Im Nachbarland werde noch ganz selbstverständlich Dialekt gesprochen. In Deutschland dagegen scheuten Eltern oftmals die Mundart.

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Sie hätten die Vorstellung, für die Kinder sei es einfacher, nur mit dem Hochdeutschen aufzuwachsen. Möglicherweise aber nehme dies den Kinder die Möglichkeit, sich mit einer größeren Vielfalt auszudrücken, so die Konstanzer Forscherin.