Er hat am Bodanrück hunderte Haifischzähne aus dem Boden gezogen. Immer wieder fallen dem 85 Jahre alten Roland Berka in der Region Überreste aus dem Meer in die Hände, das vor 20 Millionen Jahren den Voralpenraum bedeckte. Sein Wissen über Steine und Gesteinsschichten führe ihn an die richtigen Stellen, sagt der Freizeitgeologe.

Wenn Roland Berka Zug fährt, dann, so berichtet er, sehe er in der vorbeiziehenden Landschaft mehr als die meisten Menschen. Er könne gleichsam bis durch die Erde blicken. Wie eine Bodenschicht beschaffen sei, erkenne er schon an der Pflanze, die darauf wachse, sagt der jetzige Singener und frühere Konstanzer. Und wenn man ihm einen Stein zeige, dann sehe er auch dessen Herkunft. Denn jedes Mineral habe seinen eigenen Charakter.

Vor 20 Millionen Jahren schwammen hier Haie und Wale

Bei einer Wanderung am Bodanrück habe er im Vorbeigehen eine bestimmte Bodenstruktur erkannt, die auf Obere Meeresmolasse hindeute, also auf Ablagerungen aus der Zeit von vor 20 Millionen Jahren, als noch Meerwasser den Voralpenraum bedeckte. Darin seien Überreste der früheren Meeresbewohner zu erwarten gewesen. Als er genauer hinsah, habe er Haifischzähne entdeckt.

An einer Stelle am Bodanrück hat Berka besonders viele Haifischzähne entdeckt.
An einer Stelle am Bodanrück hat Berka besonders viele Haifischzähne entdeckt. | Bild: Claudia Rindt

Die Form des Bodanrücks ist bestimmt durch die Schutthügel, welche die Gletscher der letzten Eiszeit aufgeworfen haben. An einigen Stellen aber liegen Schichten aus der Oberen Meeresmolasse frei. Etwa 700 der Haizähne, in der Größe zwischen einem halben und zwei Zentimetern, habe er dort aus dem Sand gesiebt, sagt Roland Berka. Er sammelt die Zähne in Kästchen, die Fundorte verrät er allerdings nicht. Er wolle verhindern, dass Unkundige im Boden herumwühlen. Er versichert: Er gehe sachte zur Sache, arbeite, ohne zu zerstören. „Sie merken nicht, dass ich da war.“ Er sammle auch mit Bedacht, nur das Besondere. Er sei gerade dabei, viele seiner Funde von besonderen Mineralien und Ammoniten Museen zu überlassen, unter anderem dem Naturmuseum in Konstanz. Diesem biete er wahrscheinlich auch die Haifischzähne an.

Roland Berka zeigt einen urzeitlichen Haifischzahn, den er auf dem Bodanrück gefunden hat. Der Zahn ist ein Relikt aus dem Meer, das vor 20 Millionen Jahren den Voralpenraum bedeckte.
Roland Berka zeigt einen urzeitlichen Haifischzahn, den er auf dem Bodanrück gefunden hat. Der Zahn ist ein Relikt aus dem Meer, das vor 20 Millionen Jahren den Voralpenraum bedeckte. | Bild: Claudia Rindt

Mehrere Fachleute, etwa Kreisarchäologe Jürgen Hald, bestätigen auf Nachfragen: Roland Berka sei bekannt als ausgewiesener Mineralienfachmann mit außergewöhnlich großem geologischen Fachwissen. Der Freiburger Geologe Matthias Geyer schreibt, nachdem er Fotos von den Zähnen gesehen hat: „Es handelt sich bei den gezeigten Funden wirklich um Haifischzähne.“ Man könne solche im Bodenseegebiet finden.

Geyer selbst bietet seit 15 Jahren im Hegau und westlichen Bodenseegebiet naturkundlich-geologische Streifzüge an, bei denen er unter anderem auf solche Besonderheiten hinweist. Er hat auch die Broschüre zum geologischen Lehrpfad in Sipplingen geschrieben. An der Steiluferlandschaft dort ist es möglich, durch 22 Millionen Jahre Erdgeschichte am Bodensee zu wandern.

Autodidakt seit Kindheitstagen

Aber woher hat Roland Berka, der gelernte Silberschmied und geprüfte Fachmann für Edelsteine, sein enormes Wissen? Er sagt: „Es ist mir zugefallen.“ Er sei Autodidakt. Schon von Kindesbeinen an hätten Steine und Steinformationen sein Interesse geweckt. Sein Geburtshaus in Südmähren sei am Fuße eines Felsens gestanden, durch den sich eine rote Ader zog. Als Kind habe ihn die Frage beschäftigt, wie dieses Rot in den Stein gelangt war. Er habe begonnen, Steine und Fachwissen zu sammeln.

In die Welt der Edelsteine sei er dann in seiner Ausbildung zum Silberschmied eingeführt worden. Später habe er sein Wissen erweitert während seiner Arbeit für den naturwissenschaftlichen Kosmos-Verlag und in der Kristallpräparation am Stuttgarter Max-Planck-Institut für Festkörperforschung. Und er habe bei seinen vielen Streifzügen durchs Ländle gelernt.

Zu Fuß durch ganz Baden-Württemberg

Roland Berka sagt: „Ich kenn‘ ganz Baden-Württemberg zu Fuß.“ Unter anderem sei er dreimal von Stuttgart an den Bodensee gelaufen. Die geologischen Formationen immer im Blick, etwa an der Schwäbischen Alp und im Hegau, ein Eldorado für Geologen.

Er berichtet, wie er sich an der Suche nach dem Höhlensystem der schwarzen, also unterirdisch fließenden, Donau beteiligte, wie er sich mit der Frage beschäftigte, was mit den Fischen passiert, die bei der Donauversickerung verschwinden, und wie er Hinweise gegeben habe, als in der Aachhöhle der erste Höhlenfisch Europas entdeckt wurde.

Fossilien aus der Baustelle

Berka sagt, er habe tausende Steine gesammelt. Einer seiner optisch beeindruckendsten Funde aber hat wieder mit einem früheren Meeresbewohner zu tun. Ein schwarzer, versteinerter Riesenammonit, von dem Berka sagt, er habe ihn in einem Baufeld am Stuttgarter Flughafen gefunden. Er habe geahnt, dass dieser Boden solche fossilen Schätze berge.

Wie das Meer in den Bodenseeraum kam

  • Vor 60 Millionen Jahren: Die afrikanische Kontinentalplatte trieb nach Norden und stieß mit der europäischen Platte zusammen, beschreibt Geologe Matthias Geyer. Das setzte die 20 Millionen Jahre dauernde Bildung der Alpen in Gang. Unter den Verschiebungen bildete sich im Alpenvorland ein Molassebecken, also sandige, tonige Ablagerungen, bis an die Schwäbische Alp. Es gab Zeiten, da drangen die salzigen Fluten des Weltmeeres Tethys ins Molassebecken. Es gab Zeiten, da wurde das Meer verdrängt. Fluss- und Seenlandschaften mit Süßwasser entstanden.
  • Vor 30 Millionen Jahren: Das Becken war mit Meerwasser gefüllt. Es bildete sich die Untere Meeresmolasse. Heute liegt die Schicht etwa 1200 Meter unter dem Seespiegel.
  • Vor 25 Millionen Jahren: Das Meerwasser zog sich zurück. Die heutige Bodensee-Region war eine sumpfige Flusslandschaft mit Krokodilen und Schildkröten und feuchtwarm-tropischem Klima. Ablagerungen der Unteren Süßwassermolasse sind bei Sipplingen mehrere hundert Meter mächtig.
  • Vor 20 Millionen Jahren: Das Meer kommt wieder, mit Haifischen, Meeresschildkröten, Seekühen und Walen. Heute findet man oft ihre Fossilien.
  • Vor 17 Millionen Jahren: Das Meer verschwindet endgültig. Es entsteht ein Flusssystem mit Auwäldern. Zu seltenen Fossilien aus der Zeit der Oberen Süßwassermolasse gehören Knochen von Urpferden, Urelefanten und Säbelzahntigern. (rin)