Christian Ackermann aus Konstanz erhielt Anfang Juli eine E-Mail, die ihn sehr verärgerte – und vor ein großes Problem stellte. Denn die Schule seines achtjährigen Sohnes, die Regenbogenschule, teilte mit: Nach den Sommerferien werden bis auf Weiteres wöchentlich drei Schulstunden ausfallen. Ackermann will das so nicht hinnehmen und erwägt sogar eine Klage gegen das Land Baden-Württemberg.

Ursache für den geplanten Stundenausfall ist laut Regenbogen-Schulleiter Markus Treutler der Lehrermangel. Zum einen war die Personalsituation an Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) wie der Regenbogenschule immer schon knapp. Zum anderen habe sich fürs kommende Schuljahr auch nur eine FSJ-Kraft (Freiwilliges Soziales Jahr) beworben – viel zu wenig.

„Gravierender Einschnitt“

„Dieser gravierende Einschnitt in die Stundentafel soll zunächst für ein Jahr begrenzt sein, in der Hoffnung, dass sich die Personalsituation an der Regenbogenschule zum Schuljahr 2023/24 verbessert“, heißt es in dem Elternbrief, der dem SÜDKURIER vorliegt.

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Das entsetzt Christian Ackermann. „Bei einem regulären Pensum von 28 Unterrichtsstunden pro Woche entspräche dies einem Anteil von mehr als zehn Prozent! In einem der wirtschaftsstärksten Bundesländer und mit einem Ministerpräsidenten, der Lehrer ist, finde ich das einen unhaltbaren Zustand. Zumal es sich um ein SBBZ mit den Schwerpunkten körperliche und motorische sowie geistige Entwicklung handelt. Gerade diese Kinder benötigen besondere Förderung.“

An der Konstanzer Regenbogenschule fallen im kommenden Schuljahr mehrere Stunden wegen Lehrermangels aus. Das Staatliche Schulamt ...
An der Konstanzer Regenbogenschule fallen im kommenden Schuljahr mehrere Stunden wegen Lehrermangels aus. Das Staatliche Schulamt Konstanz sieht keine schnelle Lösung. | Bild: Kirsten Astor

Wenn jetzt alles optimal laufen würde, könnte sein Sohn in wenigen Jahren eine Regelschule besuchen, davon ist Christian Ackermann überzeugt. Bei seinem heute achtjährigen Kind wurde im Alter von zwei Jahren festgestellt, dass es entwicklungsverzögert ist, sein Gangbild war und ist auffällig. „Eigentlich wollten wir ihn in eine Inklusionsklasse an der Dettinger Grundschule einschulen, doch diese Klasse kam dann – wegen Lehrermangels – nicht zustande. Da fing das Drama schon an“, sagt der 39-Jährige.

Die Einschulung verschoben die Eltern wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr, nun besucht der Achtjährige die erste Klasse der Regenbogenschule in Trägerschaft des Landkreises Konstanz. In seiner Klasse kümmern sich zwei Lehrer und eine FSJ-Kraft um bislang fünf Kinder, nach den Ferien werden es sechs sein.

An der Regenbogenschule werde das Kind super betreut, die Klassenlehrerin sei sehr engagiert und einfühlsam, sagt Ackermann. Sein Sohn könne inzwischen ein bisschen lesen und schreiben, erzählt er stolz. Doch damit er in wenigen Jahren wie gewünscht eine Inklusionsklasse an einer Regelschule besuchen kann, müsse der Unterricht vollständig stattfinden.

Vater stellt kritische Fragen

Der geplante Unterrichtsausfall stellt den 39-Jährigen und andere Eltern außerdem vor ein Betreuungsproblem. Christian Ackermann arbeitet im Schweizer St. Gallen in der IT-Technik, sein Arbeitgeber stimmte einer Arbeitszeitverkürzung nicht zu. Einen Hortplatz in Konstanz habe er auch nicht erhalten. An einem der Tage entfalle zusätzlich das Mittagessen.

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Der Vater fragt sich: „Warum hat die Schule uns Eltern nicht früher informiert, sondern fünf Minuten vor der Angst? Warum sucht sie nur in der Zeitung und bei anderen Schulen nach FSJ-Kräften, aber nicht in den sozialen Medien, wo die jungen Leute unterwegs sind? Warum werden nicht andere Kräfte wie beispielsweise Krankenschwestern eingestellt? Und was tut das Land überhaupt gegen den Lehrermangel, der seit Jahren bekannt ist?“

Der Vater kritisiert den angekündigten Ausfall von Schulstunden an der Konstanzer Regenbogenschule im kommenden Schuljahr.
Der Vater kritisiert den angekündigten Ausfall von Schulstunden an der Konstanzer Regenbogenschule im kommenden Schuljahr. | Bild: Kirsten Astor

Der Vater schrieb an die Schulleitung, das Staatliche Schulamt, das Kultus- und das Staatsministerium Baden-Württemberg. Unter anderem wies er auf die Rechtslage hin: „Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland erwähnt das Recht auf Bildung zwar nicht ausdrücklich. Jedoch ergibt sich dieses aus den im Grundgesetz festgeschriebenen Grundrechten ...“ Auch der Gleichheitsgrundsatz aus Artikel 3 regele, dass kein Mensch beim Erwerb von Bildung diskriminiert werden darf. „Oder gelten diese Grundrechte nicht in THE LÄND?“, fragt er in Anspielung auf die Imagekampagne des Landes.

Hofpause gilt als Unterricht

Eine Antwort erhielt er von der zuständigen Schulrätin des Konstanzer Schulamts. Auch dem SÜDKURIER schrieb Nadja Hennes auf Nachfrage. Gleich ihr erster Satz überraschte Christian Ackermann erneut: „Zunächst möchte ich korrigieren, dass die Stundentafel an einem SBBZ Kment (mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung) 34 Stunden pro Woche umfasst“, so die Schulrätin.

„Um die Schüler länger betreuen zu können, hat die Regenbogenschule vor einigen Jahren aufgrund von internen Umorganisationen den Klassen 36,5 Stunden ermöglicht. (...) Insgesamt fallen also 0,5 Stunden im Vergleich zu den vorgesehenen 34 Stunden pro Klasse weg. Dies ist bedauerlich, aber nicht zu vermeiden.“

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Daraufhin zückt Ackermann den Stundenplan und zählt nach. Er kommt nach wie vor auf 28 Stunden. „Die Zeiten dazwischen sind gefüllt mit Frühstücks-Hofpause, Mittagessen und Freizeit. Ich hoffe inständig, dass diese Angebote nicht im Sinne einer adäquaten Beschulung mitgerechnet wurden.“

Doch Schulrätin Hennes antwortet: „Im Gegensatz zu einer Regelschule sind auch die Pausenzeiten Unterrichtszeit, da viele Schülerinnen und Schüler Unterstützung bei alltäglichen Verrichtungen benötigen und hier wichtige Kompetenzen erwerben. Die Lehrkräfte begleiten auch in diesen Zeiten die Kinder.“

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Auch auf die anderen Punkte geht Hennes ein: Die Schulleitung habe ihr Netzwerk genutzt, um nach Betreuungskräften zu suchen, doch es gebe schlicht zu wenig. Und zu Ackermanns Vorwurf der „dürftigen Kommunikation“ schreibt die Schulrätin: Bereits im Mai war der Lehrermangel absehbar, sodass alle Gremien wie Gesamtlehrerkonferenz, Schulkonferenz, Elternbeirat und Schulaufsicht informiert wurden.

Vielleicht tut sich noch was

Nur kam diese Info laut Ackermann eben nicht im Mai bei den meisten Eltern an, sondern erst mit der E-Mail im Juli. Nun hofft der Vater, dass sich während der Sommerferien doch noch eine Lösung abzeichnet. Ganz unbegründet ist dies nicht, denn laut Nadja Hennes laufen noch Stellenausschreibungen, es seien für den Kreis Konstanz zahlreiche Zeitverträge für kommendes Schuljahr beantragt, und es gebe noch Bewerbungen.

Wenn trotz aller Bemühungen keine Betreuungspersonen gefunden werden, schlägt Ackermann wohl einen anderen Weg ein: „Ich denke über eine Klage gegen das Land Baden-Württemberg nach“, sagt er. „Vielleicht benötigt es einen Grundsatzentscheid.“