Zwei Dinge muss man sich gleich aus dem Kopf schlagen: Die rote Nase und die Glöckchen. Aber sonst passt vieles zu dem sympathischen Bild von Rentieren, das der US-Amerikaner Johnny Marks und sein Schwager Robert L. May mit ihrem weltberühmten Weihnachtslied „Rudolph, the red nosed reindeer“ geschaffen haben. Wir befinden uns auf dem Obst- und Gemüsehof der Familie Fürst in Uhwiesen bei Schaffhausen. Die Schilder am Ortseingang weisen zum Selbstpflückhof. Von Rentieren steht da nichts. Fragt man aber im Ort nach der Rentierfarm, so weiß jeder sofort Bescheid. Der Weg zum Aussiedlerhof führt ein wenig hinunter ins Tal. Der nahe Rheinfall hat die Landschaft in Nebel gehüllt. Von oben drückt die Sonne.

Salome Fürst und eines ihrer Rentiere. Sie werfen ein Mal im Jahr ihre Geweihe ab, diese wachsen umso größer nach.
Salome Fürst und eines ihrer Rentiere. Sie werfen ein Mal im Jahr ihre Geweihe ab, diese wachsen umso größer nach. | Bild: Tesche, Sabine

Exoten weit über die Region hinaus

Wir sind verabredet mit Salome Fürst. Wir wollen wissen, worin die Faszination der Rentiere besteht. Weit über Uhwiesen hinaus sind sie Exoten. In der ganzen Schweiz gibt es nur eine weitere Zucht in Bern. Ein anderer Hof in annehmbarer Nähe befindet sich in Österreich. Von dort leiht sich die junge Land- und Wildtierwirtin einen Stier aus. Für die eigenen Stiere holt sie Weibchen aus Norddeutschland. Denn, was wir schnell lernen ist, dass Salome Fürst zur Weiterentwicklung ihres Bestandes Tiere aus anderen Herden benötigt. Nur so kann sie Inzucht vermeiden. Bis jetzt besteht die kleine Herde aus 15 Tieren. „Mein Ziel sind 30 bis 40 Tiere“, sagt Salome Fürst.

Die ersten sind im Weihnachtsfieber

Die zierliche junge Frau erwartet uns in schweren Trekkingschuhen auf dem Hof. Hier herrscht ein reges Treiben. Tannengrün wird herangefahren, ein Nadelbaum auf einem Gabelstapler transportiert. Überall stehen schon hübsche Adventsgestecke, aus Naturmaterialien gebastelte Figuren. Es ist nicht zu übersehen: Die ganze Familie ist im Weihnachtsfieber. Und was ist mit den Rentieren?

Wenn Salome Fürst pfeift, sind ihre Rentiere sofort zur Stelle. Im offenen Unterstand finden sie auch ihr Fressen.
Wenn Salome Fürst pfeift, sind ihre Rentiere sofort zur Stelle. Im offenen Unterstand finden sie auch ihr Fressen. | Bild: Tesche, Sabine

Zwei Pfiffe – und die Tiere traben heran

Wir müssen ein Stück gehen. Salome Fürst führt uns zu einem halboffenen Unterstand, an den sich eine hügelige Weide anschließt. Im Nebel sind die Tiere auf der Anhöhe nur schwer auszumachen. Sie liegen auf der Wiese. Ab und zu bewegt sich ein Kopf und mit ihm ein Geweih. Mit zwei langgedehnten Pfiffen bringt Salome Fürst Bewegung in die Gruppe. Die ersten Tiere lösen sich und traben auf ihren breiten Hufen den kleinen Hang hinunter. Jetzt können wir ihn hören, den Rhythmus und die Glöckchen des weihnächtlichen Ohrwurms. Das freudige Tab, Tab, Tab.

Sie riechen streng nach Pferd

Es dauert keine Minute, da ist die Chefin umringt von ihren Schützlingen. Als erstes fällt auf, dass die Rentiere gar nicht so groß sind wie erwartet. Mit großen braunen Augen betrachten sie die Besucher, saugen deren Duft ein, beschnüffeln Jacken und Hände und stupfen Salome Fürst ihre Nase unter den Arm. Die Tiere sind zutraulich, wollen gestreichelt werden. Das dicke Winterfell changiert zwischen weiß, grau und hellbraun. Es fühlt sich weniger flauschig an, als es aussieht. Und es riecht. Wonach? Nach Pferd, nur intensiver.

Der Schlitten ist schon da, der rote Weihnachtsbriefkasten auch, jetzt fehlt nur noch der Schnee. Doch Salome Fürst bevorzugt Rentiertrekking mit Gästen.
Der Schlitten ist schon da, der rote Weihnachtsbriefkasten auch, jetzt fehlt nur noch der Schnee. Doch Salome Fürst bevorzugt Rentiertrekking mit Gästen. | Bild: Tesche, Sabine

Brunftiger Stier und schneller Durchfall

Temerair, der brunftige Stier, hat es auf ein spielerisches Kämpfchen abgesehen. Die junge Halterin hat ihn am stattlichen Geweih gepackt und muss jetzt ihre ganze Kraft aufwenden, um ihn zu bändigen. Ganz anders verhält sich Lucky, der Kastrat. Er trottet gemütlich zum Trog und futtert ein paar Mais-Mineralienpellets. Rentiere sind Wiederkäuer. Weil sie einen sehr empfindlichen Magen haben, ist ihre Zucht relativ heikel. Die Tiere bekommen sehr schnell Durchfall. „Ab und zu bekommen sie mal einen Apfel als Leckerli“, sagt die Halterin. „Ansonsten gibt es Maiswürfel, Mineralstoffwürfel, Heu und importierte Flechten aus Finnland.“

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Geweihreste zur Dekoration

Einmal im Jahr werfen die Tiere ihre Geweihe ab. Danach wächst ihnen jedes Jahr ein neues, größeres, schöneres. „Das Geweih besteht aus Knochen“, erklärt Salome Fürst. „Anders als zum Beispiel bei Rehen oder Hirschen tragen nicht nur die Männchen diesen wehrhaften Kopfschmuck, sondern auch die weiblichen Tiere.“ Glatt werden die Geweihe erst, wenn die Rentiere den Bast abgestoßen haben. Als Dekorationsstücke sind sie sehr beliebt. Aber reich wird Salome Fürst davon nicht.

Wenig Aussicht auf Profit

Fragt man die 22-jährige Landwirtin, warum sie sich überhaupt diese kleine Herde angeschafft hat, dann wird schnell klar, dass es mit Profit nichts zu tun hat. Als Fleischlieferanten kommen ihre Rentiere absolut nicht in Frage. Mit den Trekkingtouren, die sie für jeweils sechs Personen zwischen September und März anbietet, wird sie auch nicht reich. Dazu gibt es Führungen für bis zu zehn Personen oder Besuche von Schulklassen. Ab sofort bis in den Januar bietet Salome Fürst mit ihren Tieren den Adventsweg durchs Dorf zu 24 schön geschmückten Fenstern an. Es gibt ein Glühweinhaus, ein Nikolaushaus, Suppe und Gebäck. Vereine beteiligen sich. In den vergangenen beiden Jahren sei das auf großes Interesse gestoßen. In diesem Jahr sind die Anmeldungen wegen der Corona-Pandemie eher zurückhaltend.

Beim Hirschkurs auf das Rentier gekommen

„Ich bin ein Fan von Tieren, mit denen man was anfangen kann“, sagt Salome Fürst und meint damit die Wanderungen. Dabei hatte sie nach ihrer Ausbildung zur Wildtierwirtin zunächst nach Rothirschen Ausschau gehalten. Das wären reine Fleischproduzenten gewesen. Beim Hirschkurs seien auch Rentiere gewesen. Die haben es ihr sofort angetan. Zuvor war der Fürst-Hof ein Milchviehbetrieb. „Aber weder der Vater noch ich hatten Lust aufs Melken“, erzählt die junge Landwirtin. „Also wurden die Milchkühe abgeschafft.“

Im Hofladen verkauft die Familie Fürst Produkte aus eigener Herstellung sowie von Nachbarn. Der Laden läuft mit Selbstbedienung und auf Vertrauensbasis. Gefehlt hat bisher nichts.
Im Hofladen verkauft die Familie Fürst Produkte aus eigener Herstellung sowie von Nachbarn. Der Laden läuft mit Selbstbedienung und auf Vertrauensbasis. Gefehlt hat bisher nichts. | Bild: Tesche, Sabine

Nutztiere seit rund 3000 Jahren

Auch wenn die Rentiere bereits um 1000 vor Christus in Sibirien und Skandinavien als Nutztiere gehalten wurden, so werden sie für Salome Fürst ein mehr oder weniger romantisches Hobby bleiben. Der weiße Schlitten steht vor dem Stall, die Briefe im roten Weihnachtsbriefkasten werden beantwortet, der Hofladen ist adventlich geschmückt. Fehlt nur noch der Schnee, in dem Safira, Kreola, Heidi, Flocke, Fleur und all die anderen ihre breiten Hufabdrücke hinterlassen können.