Was die Fasnacht angeht, bleibt Michael Fuchs gelassen. Der Radolfzeller Kulturhistoriker beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Brauchtum und Fasnachtstraditionen und macht diese als Leiter des Langensteiner Fasnachtsmuseum erlebbar.

„Die Pandemie kann der Fasnacht langfristig nichts anhaben. Ich glaube nicht, dass die Narren jetzt ins Home-office gehen“, sagt er. Punktuell habe sich die Fasnacht in diesen Pandemiejahren aber schon verändert. Und auf die Probe gestellt wurde sie auch. „Es hat auch im vergangenen Jahr die traditionelle Renitenz der Narren. Also alefänzige Quertreiber, die ihr Ding durchgezogen haben“, blickt Fuchs zurück. Aber so sehr viele seien es eben nicht gewesen.

Was 2021 passierte

Rückblick: Im Jahr 2021 hatte die Impfkampagne gerade bekommen, das Land war im Lockdown und die Pandemie-Varianten hießen Alfa und Delta, nicht Omikron. Aus Furcht, die Menschen könnten sich in großer Zahl anstecken und das Gesundheitssystem überlasten, wurden Fasnachtsaktivitäten flächendeckend abgesagt. Auch die Zünfte appellierten an ihre Mitglieder, zuhause zu bleiben. Daran hielt sich das Narrenvolk – in großen Teilen jedenfalls.

Manche unterlaufen die Verbote

Einige gingen trotzdem auf die Straßen, in Radolfzell zum Beispiel. Ein Narr habe seinen Schrank mitgenommen, darin das Häs aufgehängt, mit dem anhängenden Spruch „Häs bleibt im Schrank“ – eine kleine Bösartigkeit gegen die Anweisung von oben, berichtet Fuchs. Die Gruppe um die Narrizella-Figur Schlegelebeck wiederum habe sich im Schaufenster des Änderungsschneiders Emre in der Kaufhausstraße postiert und spielten dort die „Narren in Quarantäne“. Andere Narren verkleideten sich, bastelten Stoffhunde, nahmen diese an die Leine und gingen mit ihnen Gassi – denn mit dem Hund auf die Straße zu gehen war auch im Lockdown jederzeit erlaubt.

Ralph Welschinger setzte 2021 das Motto, das die Zünfte zur damaligen Fasnacht ausgegeben hatte, sehr plastisch um: „Häs bleibt im ...
Ralph Welschinger setzte 2021 das Motto, das die Zünfte zur damaligen Fasnacht ausgegeben hatte, sehr plastisch um: „Häs bleibt im Schrank“. | Bild: Michael Fuchs

Dass es nur wenige waren, die alefänzige Ideen entwickelten und der Obrigkeit wenigstens ein bisschen trotzten, bedauert Fuchs. Sich die Fasnacht verbieten lassen und zuhause bleiben mit ein wenig online-Narretei? Das entspricht so gar nicht dem Geist der Fasnacht, so sieht es der Kulturwissenschaftler. Andererseits befinde sich die schwäbisch-alemannische Fasnacht an dieser Stelle an einem ihr altbekannten Zwiespalt. Einerseits werde in der Fasnacht das Recht auf Widerborstigkeit proklamiert, erläutert Fuchs.

Bild: Michael Fuchs

Andererseits habe Fasnacht viel mit Geselligkeit, Fröhlichkeit und Gemeinschaft zu tun, sie entspreche einer Form des Feierns, die Konflikte eher vermeidet, sagt Fuchs. So werde es naturgemäß schwierig, der Obrigkeit die Leviten zu lesen, harsche Kritik zu üben. Eine Tradition, die in den Karnevalshochburgen Köln und Düsseldorf viel stärker gepflegt wird als in Südbaden. In Südbaden ist es durchaus üblich, dass Narren und Obrigkeit in intensivem und harmonischen Austausch miteinander stehen. „Der kritische Geist der Narren hat sich heute in der Regel stark institutionalisiert.“

Was ist dieses Jahr zu erwarten?

2022 gibt es keinen Lockdown und auch Versammlungen an der frischen Luft sind nicht verboten. Die hochansteckende Omikron-Variante greift um sich und das macht die Lage diffus. Für die Narren ist aber klar: sie wollen feiern, wenigstens in homöopathischer Dosis. In Radolfzell beispielsweise plant die Narrizella ein Narrenspiel vor den Zunfthaus. Auch am Schmotzigen Dunschtig will die Zunft mit ihren Mitgliedern unterwegs sein und Musik soll es geben. Schwierig bleibe es trotzdem, erläutert Narrizella-Chef Martin Schäuble. „Durch die Dynamik der sich ständig ändernden Regeln ist es schwierig, eine fröhliche Veranstaltung zu planen“, sagt er. „Also für die, die überhaupt feiern und etwas auf die Beine stellen wollen. Es ist echt ein wenig anstrengend.“

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Auch in Singen ist weitgehend unklar, welche und wie viel Narretei stattfinden wird. „Narren werden wohl in kleinen Gruppen durch die Stadt ziehen“, antwortet Stephan Glunk, Präsident der Poppele-Zunft auf Nachfrage. Darüber hinaus sei nichts los, was zu größeren Menschenansammlungen führen könnte. Einen Rathaussturm wird es am heutigen Schmotzigen Dunschtig geben, der Oberbürgermeister werde abgesetzt – den Zeitpunkt aber wollen die Poppele nicht verraten – auch wieder, um größere Ansammlungen zu vermeiden. Auch das Hemdglonkerkönigspaar werde gekrönt werden – dieses Jahr „ein Königspaar leider ohne Volk“. Ob es abends Musik in den Straßen der Stadt geben werde, sei alles nicht geplant. „Mal sehen, was die Narren so machen“, schreibt Glunk.

Auch Glunk sieht die Pandemie als großes Hindernis für die Fasnacht. Die großen Veranstaltungen wie die Umzüge am Schmotzigen Dunschtig oder der Närrische Jahrmarkt am Sonntag seien nicht machbar. Grund zum Einstellen der Narretei sei dies aber nicht: „Ein echter Narr wird sich seine Nischen suchen und wird immer spontan sein, im Zweifel kann man auch daheim Fasnet machen.“

Was macht es also mit der Fasnacht, wenn sie nur zur Hälfte stattfinden kann? Michael Fuchs sieht durchaus Vorteile für die Tradition. „Viele stellen sich stärker als bisher die Frage nach dem Kern, die Werte der Fasnacht. Diese sieht Fuchs in der Straßenfasnacht, „die Begegnung auf der Straße, die Kostümierung, die Musik, die Menschen.“ Das sind für Fuchs die Elemente, die es unbedingt braucht, um Fasnacht zu feiern. Alles weitere sei zur Not verzichtbar, die Saalfasnacht ohnehin ein Element, das erst spät in die Tradition der alemannischen Fasnacht aufgenommen wurde. In diesem Sinne kann 2022 zu einer spontanen und erfüllten Fasnetsaison werden – wenn nur der närrische Geist lebt.