Herr Schneemann, wie wurde Covid-19 zu Beginn der Pandemie behandelt, als man noch keine Erfahrung mit dem Virus hatte?

Als die Pandemie begann, hatten wir naturgemäß keine Erfahrung mit der Erkrankung, nur beunruhigende Bilder aus Norditalien und China. Kolleginnen und Kollegen aus der Schweiz haben erste Kontakte zu Intensivmedizinern in Italien aufgenommen und dem Tessin. Bei schweren Fällen setzten wir die invasive Beatmung und hochdosierten Sauerstoff ein, wie bei der Beatmung bei der sogenannten Schocklunge, bei der es in den vergangenen 20 Jahren ohnehin große Fortschritte gab mit der Entwicklung des Fachgebietes Intensivmedizin. Gegen Ende der ersten Welle, im Juni 2020, gab es eine erste positive Studie zum Einsatz des Medikaments Remdesivir. Es war allerdings zunächst schwer zu bekommen. Wir haben es einige Male eingesetzt. Wirkungsvoll war Remdesivir dann, wenn die Patienten Sauerstoff brauchten, aber noch keine Beatmung. Es hat also vor allem in der Frühphase der Krankheit einen Effekt.

Wie ging es dann weiter ab Sommer 2020?

Ab Juli konnten wir schließlich Dexamethason einsetzen. Das brachte den Durchbruch mit Verbesserung des Krankheitsverlaufes und des Überlebens bei schweren Verläufen. Beschrieben wurde es in der Recovery-Studie aus Oxford. Dexamethason ist ein Corticosteroid (umgangssprachlich: Cortison), das wir seit vielen Jahrzehnten als Entzündungshemmer bei vielen Krankheiten einsetzen. Es hat uns den Umgang mit Covid-19 erleichtert. Das Medikament bekamen vor allem Patienten, die nicht auf die Intensivstation mussten. Eine zweite hilfreiche Maßnahme war die High-Flow-Sauerstofftherapie. Im Prinzip hilft dabei eine Maschine, eine höhere Konzentration an Sauerstoff zu geben, ohne den Patienten intubieren zu müssen. Auch das hat vielen Patienten geholfen.Das Medikament Remdesivir haben wir fortan sparsam eingesetzt. Auch in der Schweiz geriet es in die Kritik. Laut einer WHO-Studie soll der Effekt des Medikaments weltweit betrachtet kaum sichtbar gewesen sein. Für uns war der Einsatz jeweils eine Einzelfallentscheidung.

Wie erfolgreich ist die Behandlung inzwischen?

Dann kam die zweite Welle ab November 2020. Seither kommen wir mit der Behandlung besser zurecht. Wir haben noch keine genauen Zahlen, sind uns aber sicher: Es überleben mehr Patienten. In Dänemark gab es laut einer Studie in der zweiten Welle eine Reduzierung der Sterbefälle um 50 Prozent. Ob es in der Schweiz ähnlich war, wissen wir nicht. Sicher ist aber: Die Therapien haben einen Effekt.

Wie hat sich die Dauer der Behandlung verändert?

Wenn wir die entsprechenden Medikamente einsetzen, haben wir längere Verläufe. Die Patienten sind geschwächt, brauchen auf der normalen Bettenstation länger, bis sie sich erholt haben. Es überleben schlichtweg mehr Menschen, die zuvor, in der ersten Welle, gestorben wären.

Bei welchen Symptomen suchen Covid-19-Patienten in der Regel ein Krankenhaus auf?

Das ist sehr unterschiedlich. Die Beschwerdebilder weichen stark voneinander ab. Es gibt Patienten, die krank sind, aber kaum Atembeschwerden haben. Andere befinden sich in der Isolation zuhause, dann verschlechtert sich plötzlich ihr Zustand. Meist kommen diejenigen ins Spital, die starke Atemprobleme haben.

Welche Möglichkeiten haben Sie, das Post-Covid-Syndrom zu behandeln?

Wir haben eine engagierte Abteilung für Pneumologie, die im Moment eine Behandlung dafür aufbaut. Die Ärzte dort müssen erst herausfinden, was die Patienten mit Post-Covid-Syndrom brauchen, damit es ihnen besser geht. Was macht ihnen noch Probleme außer den Atembeschwerden? Angestrebt ist auch eine Zusammenarbeit mit verschiedenen Rehakliniken, die mit Lungenkranken zu tun haben.

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Müssen Sie in der dritten Welle Besonderheiten in der Behandlung beachten?

Im Kanton Schaffhausen haben wir relativ niedrige Zahlen, die dritte Welle hat sich hier noch nicht so stark ausgewirkt. Daher ist das noch nicht gut abschätzbar. Wir haben es hauptsächlich mit der britischen Mutation zu tun. Schwere – leider auch tödlich endende – Verläufe hatten wir bisher nur in Einzelfällen, sehen aber mit etwas Sorge in die nahe Zukunft. Wir stehen in direktem Austausch mit Kollegen aus größeren Spitälern, auch mit Kollegen aus Frankreich. Sie sind ein Gradmesser dafür, was auch auf uns zukommen könnte.