In der Region stehen in den kommenden Wochen einige OB- und Bürgermeisterwahlen an. Die Regel ist, dass die Amtsinhaber gute Chancen haben, ihr Amt zu behalten. Die eigene Politik gegen die Konkurrenten zu verteidigen, geht aber nicht immer gut. Beispiele zeigen, dass auf den Amtsbonus längst nicht immer Verlass ist – heute vielleicht weniger als früher.

Tengen 2015: Ein Popstar der Kommunalpolitik

Einer der ungewöhnlichsten Siege dieser Jahre ist die Wahl Marian Schreiers mit 70,6 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister von Tengen. Schreier war zu dem Zeitpunkt 25 Jahre alt. Sein Vorgänger Helmut Groß trat 2015 nicht mehr an, es gab also keinen Amtsbonus.

Bürgermeister Marian Schreier aus Tengen. (Archivbild)
Bürgermeister Marian Schreier aus Tengen. (Archivbild) | Bild: Rau, Jörg-Peter

Die Gemeindepolitik sei vor der Bürgermeisterwahl in geordnetem Zustand gewesen, sagt Jürgen Hock, SPD-Ratsmitglied in Tengen. „Marian Schreier ist intelligent. Er nimmt sehr schnell auf, was er sieht und hört“, sagt Hock. „Er weiß, wovon er spricht.“ An die Gegenkandidaten könne er sich kaum noch erinnern, fügt Hock hinzu. Allzu blass müssen sie im Vergleich erschienen sein.

Aufgefallen sei Schreier durch Redetalent und Charisma, durch das er jüngere Wähler ansprach – aber nicht nur sie. „Mein Jüngster, der 24 Jahre alt war, war gleich begeistert“, erinnert sich Hock. Gepunktet habe Schreier auch damit, dass er bei einem schwierigen Projekt – ein Altersheim in Blumenfeld musste geschlossen werden – Expertise bewies.

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Auch journalistische Beobachter berichten von der Aufbruchstimmung. Es sei ein Hype um den jungen Kandidaten entstanden, der „wie ein Popstar“ umschwärmt gewesen sei. Vielleicht ist es dieser Sympathiebonus, der den jetzt 30-jährigen Schreier in der aktuellen Situation trägt. Der gebürtige Stuttgarter hat sich in seiner Heimatstadt um den OB-Posten beworben. Dieses Mal tritt er gegen einen Amtsinhaber mit Amtsbonus an.

Singen 2013: Zwei aus dem Rathaus gegeneinander

Konflikte gab es auch 2013 in Singen. Amtsinhaber Oliver Ehret traf auf seinen Herausforderer Bernd Häusler, der als Finanzbürgermeister Ehrets enger Mitarbeiter war. Die inhaltliche und berufliche Nähe der beiden Männer ließ den Wahlkampf scharf und ungemütlich werden.

Oliver Ehret wurde 2013 in Singen abgewählt. (Archivbild)
Oliver Ehret wurde 2013 in Singen abgewählt. (Archivbild) | Bild: Oliver Hanser

Inhaltlich ging es um Großprojekte, die verschuldete Wohnungsbaugesellschaft, die Klinikfusion im Gesundheitsverbund und anderes. Auch in Singen riss der Wahlkampf Gräben auf, ähnlich wie in Überlingen. Schließlich siegte Häusler im zweiten Wahlgang denkbar knapp mit 50,2 Prozent der Stimmen gegen den Amtsinhaber.

Freiburg 2018: Amtsinhaber werden auch mal müde

Es gibt Oberbürgermeisterwahlen, die machen über ihre Region hinaus Schlagzeilen. So die OB-Wahlen in Freiburg im Jahr 2018. „Als Salomon zum ersten Mal zum Oberbürgermeister von Freiburg gewählt wurde, war ich in der dritten Klasse“, sagt Julia Sophie Söhne, inzwischen erwachsen und Fraktionsvorsitzende der SPD im Freiburger Gemeinderat.

Der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Freiburg im Breisgau, Dieter Salomon.
Der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Freiburg im Breisgau, Dieter Salomon. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Söhne erläutert: Dass zur Abwahl des bekannten Freiburger Oberbürgermeisters Dieter Salomon kam, sei nicht so unerklärlich gewesen wie es schien. Acht Jahre Amtszeit seien lang, insofern sei die baden-württembergische Ratsverfassung nicht in jeder Hinsicht ein Paradies für Amtsinhaber. „Sie haben es nicht mehr so leicht“, meint Söhne.

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In Freiburg sei das Thema Wohnraum „hochgekocht“ wegen hoher und steigender Mieten. Die Wohnbaupolitik Salomons sei als zu langsam empfunden worden. Zudem: Wenn man 16 Jahre lang im Amt gewesen sei, sei es kaum vermeidbar, eine gewisse Überheblichkeit auszustrahlen. Die Wahl besiegelte das Kapitel Salomon: Bereits im ersten Wahlgang erreichte der 33-jährige Martin Horn mehr als 30, im zweiten 44 Prozent der Stimmen.

Martin Horn (parteilos), der amtierende Oberbürgermeister von Freiburg.
Martin Horn (parteilos), der amtierende Oberbürgermeister von Freiburg. | Bild: Patrick Seeger/dpa

„Horn versprach als Kandidat frischen Wind, er hatte durchdachte Konzepte zur Wohnbaupolitik“, fasst Söhne zusammen. „Außerdem brachte er ein neues Politikverständnis mit: unhierarchisch, ein großes Wahlkampfteam“, erinnert sich Söhne. Das Schlagwort Gemeinsamkeit, das er im Wahlkampf verwendete, habe Martin Horn vorgelebt. Der professionelle Auftritt in den sozialen Medien hingegen werde aus der Außensicht meist überbewertet, glaubt Söhne. Doch auch er mag einen Anteil an der Wahl Horns gehabt haben.

Reichenau 2009: Der Kontakt zum Bürger

Eine schwer greifbare Unzufriedenheit im Gemeinderat muss die Ursache für die Abwahl des inzwischen verstorbenen Amtsinhabers Volker Steffens auf der Reichenau im Jahr 2009 gewesen sein. „Es gab damals Strömungen, die einen Wechsel anstoßen wollten“, erinnert sich Armin Okle, Gemeinderat der Freien Wähler auf der Reichenau. Dies sei von CDU und der Freien Liste Natur ausgegangen.

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Acht Kandidaten bewarben sich schließlich um das Amt, darunter der heutige Amtsinhaber Wolfgang Zoll. „Ich glaube, viele wollten Steffens nur zum Nachdenken bringen“, sagt Okle. Aus seiner Sicht habe Steffens vieles richtig gemacht: „aber er hat halt gemacht“. Manchen Inselbewohnern war sein Stil zu wenig kooperativ.

Wolfgang Zoll, der Reichenauer Bürgermeister. (Archivbild)
Wolfgang Zoll, der Reichenauer Bürgermeister. (Archivbild) | Bild: Zoch, Thomas

„Kein anderer Kandidat als Wolfgang Zoll wäre Steffens gefährlich geworden“, ist sich Okle sicher. „Zoll ist ein begnadeter Rhetoriker, und das war eine der Schwächen Steffens“. Auffällig sei, dass Zoll kaum mit Sachthemen gepunktet habe. „Aber er verkörperte das, was Steffens weniger gut konnte: zuhören, gut reden.“ Im Oktober 2009 erhielt Zoll 65,5 Prozent im zweiten Wahlgang, Steffens weniger als ein Viertel.

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