Es regnet Nadeln. Tausende grüne Tannennadeln rieseln auf Walter Jäger, den neuen Kreisforstamtsleiter, runter. Er zeigt auf den Waldboden. Erde sieht man kaum, überall nur Tannennadeln. Förster Joachim Wingbermühle steht neben ihm und sagt: „Genau das hat mich gestern alarmiert.“ Dass es am Kirnberg im Wald von Steißlingen Nadeln regnet, ist kein gutes Zeichen. Es ist ein Zeichen, dass hier der Buchdrucker, ein gefräßiger kleiner Käfer, sehr aktiv ist.

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Buchdrucker – das klingt harmlos

Er sieht auch harmlos aus. Der Käfer ist nur vier bis fünf Millimeter lang und hat einen dunkelbraunen, leicht behaarten Körper. Er gehört zur Unterfamilie der Borkenkäfer. Seine Eier legt der Buchdrucker unter der Rinde von Bäumen ab – am liebsten mag er Fichten. Unterhalb der Rinde bohrt das Insekt Larvengänge und legt dort die Eier ab. Schlüpfen die Larven, fressen sie sich weiter durch die Rinde. Entfernt man die Rinde, sehen die Larvengänge wie arabische Buchstaben aus. Daher der Name. Je nachdem, wie viele Larven dort nisten, sterben die Bäume.

Klein, aber ganz schön gefährlich: Der gefräßige Buchdrucker ist nur etwa vier bis fünf Millimeter groß.
Klein, aber ganz schön gefährlich: Der gefräßige Buchdrucker ist nur etwa vier bis fünf Millimeter groß. | Bild: Hans-Jürgen Wege

Förster Wingbermühle zeigt auf eine Lichtung. Dort liegen hunderte frisch abgeholzte Baumstämme. In etwa 50 Metern Entfernung dröhnt eine große Maschine durch den Wald. „Gestern habe ich den Befall entdeckt, heute sind die Bäume schon gefällt“, sagt der Förster. Traurig und vor allem bedenklich finde er das. Auch Jäger sagt: „Die Lage im Landkreis Konstanz ist dramatisch.“ Käferholz, so der Fachbegriff in der Forstwirtschaft, muss schnell entsorgt werden. Wenn das nicht zeitig passiert, fliegen die frischgeschlüpften Käfer den nächsten Baum an und legen ihre Brut dort ab. Dann stirbt auch dieser Baum ab.

Käferholz bringt große Verluste

Das Käferholz ist aber nicht nur ein Problem im Wald selbst, sondern auch im wirtschaftlichen Sinne. Denn: Zurzeit gibt es wirklich viel Käferholz, nicht nur aus dem Landkreis Konstanz. Das drückt den Preis bei den abnehmenden Sägewerken. „Noch vor ein paar Jahren hat man pro Festmeter etwa 100 Euro bekommen. Jetzt gibt es nur noch 20 Euro auf den Festmeter. Damit müssen Sie noch die Forstunternehmen bezahlen, die das Holz aufarbeiten“, erklärt Jäger. Aufarbeiten bedeutet in dem Fall: Baum fällen.

Allerdings haben die Waldbesitzer, ob Privatpersonen, Kommunen oder Land, kaum eine Wahl. „Ist ein Baum von den Buchdruckern befallen, sind wahrscheinlich auch die Bäume im näheren Umfeld befallen“, sagt Jäger. Er erklärt: Ein Buchdrucker-Weibchen kann drei Mal im Jahr Eier ablegen. Dabei legt es bis zu 100 Eier. Auch diese Nachkommen können nach ein paar Wochen Eier legen. Ein richtiges Mittel gegen die Käfer gibt es nicht. „Wenn ein Baum gefallen ist, hilft nur noch absägen und aus dem Wald bringen oder entrinden“, erläutert Jäger.

Walter Jäger (links), der neue Kreisforstamtsleiter des Kreises Konstanz, ist unterwegs in den Wäldern von Steißlingen.
Walter Jäger (links), der neue Kreisforstamtsleiter des Kreises Konstanz, ist unterwegs in den Wäldern von Steißlingen. | Bild: Steinert, Kerstin

Auch Buchen leiden unter Käferbefall

Die Forst-Experten wollen noch zu einem anderen Platz im Wald. Auch dort wütet der Käfer. „Ich hoffe, ich finde die Stelle. Aber ich habe ja mein Tablet“, sagt Wingbermühle. In der Borkenkäfer-App, die die Forstleute im Kreis Konstanz nutzen, hat er die Stelle markiert, wo er einen weiteren Käferbefall bemerkt hat.

Unterhalb der Rinde frisst sich der Buchdrucker seinen Weg. Die Larvengänge sehen aus wie arabische Schriftzeichen. Daher auch sein Name.
Unterhalb der Rinde frisst sich der Buchdrucker seinen Weg. Die Larvengänge sehen aus wie arabische Schriftzeichen. Daher auch sein Name. | Bild: Steinert, Kerstin

Er zeigt die Karte in der App. Etwa 40 rote Dreiecke leuchten auf. Überall dort ist der Käfer? „In den meisten Fällen leider ja“, sagt Wingbermühle. Auf dem Weg dorthin zeigt Jäger nach oben. „Sehen Sie die roten Nadeln bei den Fichten dort drüben? Das ist ein Zeichen, dass der Buchdrucker auch in diesen Fichten ist. Die müssen wir auch schnell entfernen“, sagt er.

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Die Schädlinge greifen meist nur kranke Bäume an

Bäume, die einen Sturmschaden erlitten oder mit der Trockenheit zu kämpfen haben. „Die Buchdrucker riechen das und der Baum kann nur eine bestimmte Anzahl der Käfer mit Harz abwehren“, sagt Wingbermühle. Auch die natürlichen Feinde wie Specht oder Schlupfwespe regulierten in dieser Menge den Insektenbestand nicht ausreichend.

Die Fichten stehen im Wald von Steißlingen wie Mahnmale: Sie sind längt tot. Käfen hatten die Bäume befallen.
Die Fichten stehen im Wald von Steißlingen wie Mahnmale: Sie sind längt tot. Käfen hatten die Bäume befallen. | Bild: Steinert, Kerstin

Jäger und Wingbermühle bleiben wieder stehen. Hunderte Fichten erstrecken sich hoch in den Himmel. Alle tot. Dort war der Käfer. „Von diesen Bäumen geht keine Gefahr mehr aus – zumindest sind sie keine Brutstätte mehr. Aber schön sieht das nicht aus“, sagt Jäger. Er möchte, dass diese Bäume bald verschwinden.

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„Wir merken an unseren Wäldern, dass der Klimawandel schon da ist. Mit dieser langen Trockenheit können unsere heimischen Bäume nicht gut umgehen“, sagt Jäger und schüttelt leicht resigniert den Kopf. „Ich bin mir sicher: Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden wir in 30 Jahren einen ganz anderen Wald vorfinden.“

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