Die Nachfrage nach Corona-Impfungen im Landkreis nimmt zu. Die Schlangen vor den Impfstationen werden immer länger, und mit ihnen wächst der Unmut der Wartenden. Stundenlang für eine Booster-Impfung in der Kälte zu stehen, das ist nicht nur für über 80-Jährige eine Zumutung.

Zeitfenster statt Warteschlangen?

Den Kreisseniorenrat erfüllt dies mit Sorge. „Wir diskutieren mit unseren Mitgliedern, wie wir die Impfungen für ältere Menschen besser gestalten können“, sagt die neue Vorsitzende Gabi Hotz. „Wer lange in der Kälte steht, läuft Gefahr, sich eine andere Erkrankung einzufangen“. Auch fehlende Toiletten und Sitzgelegenheiten seien ein Problem.

Gabi Hotz kann sich als Lösung Zeitfenster für die Auffrisch-Impfungen vorstellen. Wichtig ist ihr, dass der ländliche Raum dabei nicht vergessen wird. Hier trauten sich viele alte Menschen aus Angst vor Ansteckung nicht mehr aus dem Haus. „Wir wollen unsere Mitglieder informieren und unterstützen“, sagt die Vorsitzende. Sie sieht die Gefahr der Vereinsamung.

Caritas: „Booster-Impfung erledigt“

Im ersten Lockdown litten die Bewohner von Pflegeheimen besonders unter den Kontaktbeschränkungen. Das soll sich nicht wiederholen – deshalb sind hier die Booster-Impfungen besonders wichtig. Doch wie steht es in den Einrichtungen um die Dritt-Impfungen ihrer Bewohner? Gibt es genügend Impfteams für die Heime?

Andreas Hoffmann spricht für die Caritas-Häuser in Konstanz: „In unseren Häusern ist die Booster-Impfung erledigt.“ Im Marienhaus liege die Impfquote bei Bewohnern und Mitarbeitern bei 85 Prozent, im Haus Don Bosco sogar bei 90 Prozent, berichtet der Geschäftsführer. Diese hohe Rate sei durch tägliche Überzeugungsarbeit erreicht worden.

Quote liegt über dem Durchschnitt

In den Konstanzer Pflegeheimen der Caritas haben die Haus- und Fachärzte das Impfen übernommen. Andreas Hoffmann ist überzeugt, dass das die Impfbereitschaft bei Bewohnern wie bei Mitarbeitern gesteigert habe, weil das Vertrauen in die bekannten Ärzte größer sei. „Wir hätten gerne eine Impfquote von 100 Prozent“, sagt Hoffmann und räumt gleich ein, dass das illusorisch ist.

Bei 30 Auszubildenden könnten zu Beginn der Ausbildung noch gar nicht alle vollständig geimpft sein. „Bei unseren Mitarbeitern liegt die Impfquote allerdings deutlich über dem Bevölkerungsdurchschnitt“, so der Geschäftsführer. Trotzdem hatten sich kürzlich im Haus Don Bosco je sechs Mitarbeiter und Bewohner mit Corona infiziert. Acht davon waren bereits geimpft und hatten einen leichten Verlauf.

Die Stimmung in den Caritas-Häusern sei gut, sagt Hoffmann. „Personal und Bewohner halten zusammen.“ Zermürbend für die Pflegekräfte sei allerdings die sich ständig ändernde Gesetzeslage. Kurzfristig müssten neue Regeln umgesetzt werden, worüber es mit einigen wenigen Angehörigen jeweils schwierige Diskussionen gebe.

Michael-Herler-Heim testet täglich

Im Michael-Herler-Heim in Singen hat niemand auf die neue Landesverordnung gewartet. Hier werden alle Besucher schon seit zwei Wochen vor jedem Betreten des Hauses getestet und zwar an sieben Tagen die Woche. Außerdem herrscht strenge Maskenpflicht. So ist es gelungen, das Haus mit zwei Ausnahmen coronafrei zu halten.

Die Mitarbeiter werden anlassbezogen oder nach Urlauben getestet. Der Chef des AWO-Hauses, Matthias Frank, ist froh, dass die Geschäftsführer der Pflegeheime im Hegau so gut vernetzt sind. „Die Zoom-Konferenzen wirken unter den sich ständig verändernden Bedingungen wie eine Selbsthilfegruppe“, sagt Frank. „Durch unsere Schutzmaßnahmen konnten wir die Firewall im Landkreis gut aufrecht erhalten.“

Neue Aufgaben belasten Mitarbeiter

Im Herler-Heim liegt die Impfquote bei Bewohnern und Mitarbeitern bei 85 Prozent. Schon bei der ersten und zweiten Impfung kamen Impfteams ins Haus. „Auch für die dritte Impfung war das kein Problem“, erzählt Matthias Frank.

Das nun auch der Impfstatus von Bewohnern und Besuchern ständig überprüft werden müsse, binde Kapazitäten, die an anderer Stelle gebraucht würden. „Hier wünschen wir uns eine digitale Lösung“, so der Leiter der Einrichtung. Die Mitarbeiter seien nach fast zwei Jahren Pandemie erschöpft, beschreibt Matthias Frank die Stimmung.

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„Die Einhaltung der Schutzmaßnahmen geht auf Kosten der Sozialkontakte.“ Auch wenn die Bewohner an sieben Tagen die Woche Besuch bekommen können, fehle etwas, zum Beispiel Veranstaltungen mit Live-Musik. Von Vereinsamung könne dennoch nicht die Rede sein. Größte Sorge hat Matthias Frank davor, dass ungeimpfte Personen das Virus einschleppen könnten. Bisher ist das Michael-Herler-Heim gut durchgekommen. „Wir hoffen das Beste“, sagt Matthias Frank, „und rechnen mit dem Schlimmsten.

Kreis will mobile Impfstruktur aufbauen

Einen Gesamtüberblick über den Stand der Drittimpfungen in den Pflegeheimen gebe es bisher nicht, wie die Sprecherin des Konstanzer Landratsamtes, Marlene Pellhammer, auf SÜDKURIER-Anfrage mitteilt.

Nachdem das Land die Organisation der Schutzimpfungen gegen das Coronavirus an die Landkreise delegiert hat, versucht Landrat Zeno Danner fieberhaft, zusammen mit dem Gesundheitsverbund eine mobile Impfstruktur für den Kreis aufzubauen. Dabei geht es nicht nur um Auffrischungen, sondern vor allem auch darum, bisher ungeimpfte Personen zu erreichen.