Wenn die Corona-Pandemie etwas Gutes bewirkt hat, dann dieses: Die Pflegekräfte bekommen endlich mehr Anerkennung. Für Angelika Keller vielleicht ein Grund mehr, mit 43 Jahren umzuschulen. Sie will beruflich eng mit anderen Menschen zusammenarbeiten. Statt im kaufmännischen Bereich zu arbeiten, will sie nun Pflegefachkraft werden – damit ist sie eine der ersten Azubis, die im Landkreis Konstanz mit der generalistischen Pflegeausbildung begonnen hat.

„Es ist sicher anspruchsvoll. Aber ich glaube auch, dass es machbar ist.“Angelika Keller, Auszubildende in der generalistischen Pflege
„Es ist sicher anspruchsvoll. Aber ich glaube auch, dass es machbar ist.“Angelika Keller, Auszubildende in der generalistischen Pflege | Bild: privat

Diese wird in diesem Jahr erstmals angeboten, seit April laufen die ersten Kurse an der Akademie für Gesundheitsberufe im Gesundheitsverbund Landkreis Konstanz (GLKN). Im August beginnt der erste Kurs an der Mettnau-Schule in Radolfzell.

Ausbildung zur Pflegefachkraft

Mit ihrer Ausbildungswahl ist Angelika Keller sehr zufrieden. Sie schätzt die Umstellung auf die Generalistik. Auszubildende, die sich für die generalistische Pflegeausbildung entscheiden, werden nämlich nicht wie bisher entweder zu Alten-, Kranken- oder Kinderkrankenpflegern ausgebildet, sondern in Theorie und Praxis zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann. Das bedeutet, dass sie nicht mehr auf einen Beruf beschränkt werden, sondern nach ihrem Abschluss frei entscheiden können, in welchem Pflegebereich sie arbeiten möchten.

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Zudem wird die generalistische Ausbildung EU-weit anerkannt. Genau durch diese Aspekte soll die Pflegeausbildung in Deutschland attraktiver gemacht werden. Obwohl laut der Bundesagentur für Arbeit die Beschäftigung in der Kranken- und Altenpflege im vergangenen Jahr gewachsen und die Arbeitslosigkeit in diesem Bereich rückläufig sei, sei der Fachkräftemangel nach wie vor hoch. Gemeldete Stellenangebote in der Altenpflege sind im Durchschnitt 205 Tage unbesetzt, im Bereich der Krankenpflege etwa 174 Tage. Nachwuchs ist dringend nötig.

Ein Start mit Schwierigkeiten

Dabei startete die generalistische Pflegeausbildung im Landkreis Konstanz zunächst mit einigen Problemen – Schuld daran ist das Coronavirus. „Die Pandemie hat uns einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht“, schildert Bettina Schiffer, Leiterin der Akademie für Gesundheitsberufe GLKN. Weil Unterricht nicht stattfinden konnte, begann die Ausbildung Anfang April zunächst mit einigen Urlaubstagen.

„Generell ist die Ausbildung mit dem Ausbildungsziel anspruchsvoller geworden.“Bettina Schiffer, Leiterin der Akademie für Gesundheitsberufe GLKN
„Generell ist die Ausbildung mit dem Ausbildungsziel anspruchsvoller geworden.“Bettina Schiffer, Leiterin der Akademie für Gesundheitsberufe GLKN | Bild: Oliver Hanser

Auch Daniel Strittmatter, Leiter der Deutschen Angestellten Akademie (DAA), bestätigt das. 16 Schüler von DAA machen die generalistische Ausbildung – zunächst aber nur virtuell an. Seit dem 15. Juni findet wieder Präsenzunterricht im rollierenden System statt. Die praktische Ausbildung in den Einrichtungen fand laut Daniela Schumpp, Pflegedienstleiterin des Altenpflegeheims St. Marienhaus in Konstanz, aber trotz Corona statt. Wie es nach den Sommerferien mit dem Unterricht weitergehen soll, ist laut Thomas Wild noch unklar.

Ausbildung in verschiedenen Pflegeeinrichtungen

Dennoch – nicht nur die Corona-Krise bringt Herausforderungen. Auch der Aufbau der generalistischen Pflegeausbildung sorgt zum Teil für Verunsicherung. Der praktische Unterricht erfolgt in verschiedenen Pflegeeinrichtungen: Neben den Einrichtungen, in denen die Auszubildenden ihren Ausbildungsvertrag unterschrieben haben, erhalten sie auch Einblicke in die Akutpflege im Krankenhaus, in die Pädiatrie, die ambulante Pflege, die Altenpflege und die Versorgung an Psychiatrien.

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Die vielen Einsätze erfordern eine komplexe Organisation, schließlich müssen die Einsätze der Azubis sowie ihre Urlaube aufeinander abgestimmt werden. Um als Träger der praktischen Ausbildung „alle Pflichteinsätze der Ausbildung gewährleisten zu können, wäre eine Vielzahl an Einzelkooperationsverträgen mit Einrichtungen nötig, die Bereiche der Ausbildung abdecken, welche selbst nicht abgedeckt werden können, sowie mit mindestens einer Pflegeschule„, schildert das Landratsamt das Problem.

Koordinatorin hilft bei Abstimmung der Einsatzorte

Daher wurde im Landkreis Konstanz ein Ausbildungsverbund gegründet, der aus Trägern der praktischen Ausbildung, Trägern weiterer Praxiseinsatzstellen und den Pflegeschulen besteht. Dieser vereinfacht und gewährleistet „eine gute Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen, gibt Rahmenbedingungen vor und stärkt das Miteinander.“

„175 Schüler pro Ausbildungsjahr wären Stand jetzt möglich.“Carolin Rheinberger, Koordinatorin beim Landratsamt Konstanz
„175 Schüler pro Ausbildungsjahr wären Stand jetzt möglich.“Carolin Rheinberger, Koordinatorin beim Landratsamt Konstanz | Bild: Landratsamt Konstanz

Die Erstellung der Ausbildungspläne und damit die Abstimmung der Einsätze der Auszubildenden übernimmt Carolin Rheinberger, die am Landratsamt die Ausbildung Koordiniert.

175 Azubis pro Jahr möglich

Ein weiterer Kritikpunkt ist etwa die Frage, ob die Ausbildungsplätze in allen Pflegebereichen ausreichen, wenn die neue Ausbildung erst einmal richtig angelaufen ist. Da die Ausbildung soeben erst begonnen hat und das System neu ist, lassen sich bisher nur wenige Menschen zur Pflegefachkraft ausbilden. Theoretisch aber können viel mehr starten: „175 Schüler pro Ausbildungsjahr wären Stand jetzt möglich“, erklärt Rheinberger – gibt aber zu Bedenken: „Wenn drei Ausbildungsjahre gleichzeitig laufen, wird es knackig im ambulanten und pädiatrischen Bereich.“

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Ebenfalls ein Knackpunkt könnte laut Rheinberger die große Zahl der Einsätze sein, die die Azubis nicht bei den Einrichtungen verbringen, bei denen sie ihren Ausbildungsvertrag unterschrieben haben, sondern in anderen Betrieben. Man müsse sich darauf verlassen können, dass überall gleich gut ausgebildet werde, zudem könne es sein, dass Azubis nach ihrem Abschluss nicht bei ihren Ausbildungsträgern bleiben, sondern wechseln.

Vielseitige Ausbildung hat auch Nachteile

Ein weiterer Nachteil an der vielseitigen Ausbildung ist womöglich, dass alle Fachbereiche abgedeckt werden müssen, und nicht mehr wie zuvor vertieft ein Bereich der Pflege. „Man kann nicht alles in der Theorie abdecken, was in der Praxis zur Sprache kommt und umgekehrt“, sagt Rheinberger.

ARCHIV – Eine Pflegehausbewohnerin in einem Seniorenzentrum in Hamburg hält sich am 24.09.2009 in ihrem Bett an einem Haltegriff fest, im Hintergrund steht ihre Pflegekraft. Staatlich geförderte Zusatzversicherungen für den Pflegefall erfahren großen Zuspruch. Foto: Angelika Warmuth dpa (Zu dpa „“Pflege-Bahr„ boomt – Mehr als 400 000 Pflege-Zusatzversicherungen“ vom 11.03.2014) +++(c) dpa – Bildfunk+++
ARCHIV – Eine Pflegehausbewohnerin in einem Seniorenzentrum in Hamburg hält sich am 24.09.2009 in ihrem Bett an einem Haltegriff fest, im Hintergrund steht ihre Pflegekraft. Staatlich geförderte Zusatzversicherungen für den Pflegefall erfahren großen Zuspruch. | Bild: Angelika Warmuth

Ein weiteres Problem könnte die Umstellung des Unterrichts auf sogenannte Kompetenzbereiche sein. Laut Thomas Wild von der DAA Pflegeschule Singen könnte die Ausbildung dadurch „ein Stück abstrakter“ werden. Möglicherweise seien einige Azubis, die in der Praxis gut sind, in der Theorie überfordert. Und auch Bettina Schiffer vom GLKN sagt: „Generell ist die Ausbildung mit dem Ausbildungsziel anspruchsvoller geworden.“

Kein Problem, meint dagegen die Auszubildende Angelika Keller, die ihren Ausbildungsvertrag mit dem GLKN geschlossen hat und in ihrem ersten Einsatz auf der Kinder- und Jugendstation im Hegau-Bodensee-Klinikum in Singen eingesetzt ist: „Es ist sicher anspruchsvoll“, gibt sie zu. „Aber ich glaube auch, dass es machbar ist.“ Allerdings läuft die Ausbildung auch erst seit wenigen Monaten.