Spannende Geschichten gibt es überall. Aber Geschichten über unsere Vorfahren, nach denen muss man im wahrsten Sinne des Wortes graben. Archäologen fördern sie mit der richtigen Spürnase ans Tageslicht.

Hier ein kleiner Überblick, welche spannenden Geschichten direkt unter unseren Füßen nur darauf wartet haben, ausgegraben zu werden:

Stockach-Wahlwies: Siedlungsreste aus der Bronzezeit

Wo in Wahlwies bald ein neues Gewächshaus entstehen soll, haben vor rund 3500 Jahren Menschen gewohnt. Bei den archäologischen Ausgrabungen auf der 1,3 Hektar großen Fläche kamen zahlreiche Siedlungsspuren aus der Bronzezeit (rund 1500 vor Christus), der Römerzeit, dem Dreißigjährigen Krieg und mehr zum Vorschein. „Hier haben wir den bisher ältesten Siedlungsnachweis in Wahlwies“, sagt Kreisarchäologe Jürgen Hald.

Joachim Kitzberger von Archaeotask (links) schildert die Funde in diesem Kreuzschnitt. Hier war nach bisherigen Erkenntnissen eine Hitzegrube, in der möglicherweise Bier gebraut wurde. Im Hintergrund laufen die Ausgrabungen weiter. Jürgen Hald zeigt gerade dem Ehepaar Meyer und der Wahlwieser Ortsvorsteher Udo Pelkner gefundene Scherben.
Joachim Kitzberger von Archaeotask (links) schildert die Funde in diesem Kreuzschnitt. Hier war nach bisherigen Erkenntnissen eine Hitzegrube, in der möglicherweise Bier gebraut wurde. Im Hintergrund laufen die Ausgrabungen weiter. Jürgen Hald zeigt gerade dem Ehepaar Meyer und der Wahlwieser Ortsvorsteher Udo Pelkner gefundene Scherben. | Bild: Ramona Löffler

Verfärbte Stellen im Boden, an denen Pfosten von Gebäuden waren, erlauben es, Hausgrundrisse zu rekonstruieren. Außerdem entdeckten die Experten Strukturen aus Entwässerungsgräben, die verschiedenen Zeitepochen zugeordnet werden können und sich teilweise überlappen. Unter den Funden sind zum Beispiel Tonscherben und eine kleine Bleikugel, die laut Hald zu einer Reiterpistole aus dem Dreißigjährigen Krieg passt. (löf)

Kreisarchäologe Jürgen Hald zeigt einen Teil eines Leistenziegels aus der Römerzeit, der in Wahlwies gefunden wurde.
Kreisarchäologe Jürgen Hald zeigt einen Teil eines Leistenziegels aus der Römerzeit, der in Wahlwies gefunden wurde. | Bild: Ramona Löffler

Konstanz: Einbaum im Seerhein

Vor zweieinhalb Jahren fand ein Stand-Up-Paddler einen achteinhalb Meter langen Einbaum im Seerhein. Seit April diesen Jahres sind Wasserarchäologen des Landesamtes für Denkmalpflege daran, den Lindeneinbaum zu bergen. Nach Expertenschätzungen stammt das Wasserfahrzeug aus der Zeit des 24. bis 23. Jahrhunderts vor Christus.

„Dieser Einbaum ist das älteste Wasserfahrzeug aus dem Bodensee, das wir bislang kennen“, sagt Staatssekretärin Katrin Schütz. Anders als beim Einbaum aus Eiche, der vor Wasserburg im bayerischen Teil des Bodensees gefunden wurde, kann der Lindeneinbaum vom Seerhein nicht am Stück aus dem Bodensee geborgen werden. Das Holz sei hierfür zu fragil und weich. (kst)

Luftaufnahme des abgedeckten Einbaums im Seerhein.
Luftaufnahme des abgedeckten Einbaums im Seerhein. | Bild: P. Scherrer/LAD

Zwischen Allensbach und Hegne: Neuzeitliche Richtstätte

Im Zuge der Bauarbeiten der B33 neu kam Erstaunliches zu Tage. Auf dem Gewann Galgenacker, der zwischen Allensbach und Hegne liegt, wurden im vergangenen Sommer die steinernen Überreste eines Galgen gefunden. Zahlreiche Knochen und Schädel erzählen die grausame Geschichte dieser Richtstätte, wo zuletzt vor 250 Jahren ein Mensch hingerichtet wurde.

Bei den Toten handelt es sich wohl um Menschen, die auf der Insel Reichenau vom Blut- und Hochgericht des Klosters Reichenau verurteilt wurden. Die Urteile wurden dann auf dem Festland vollstreckt. „Ich arbeite seit 35 Jahren als Archäologe im Feld, einen Fund dieser Dimension erlebe ich zum ersten Mal“, sagte Kreisarchäologe Jürgen Hald bei einem Pressetermin. Die Ausgrabung sei über die Region hinaus von großer Bedeutung, weil „die Untersuchung einer Hinrichtungsstätte mit modernen Methoden“ in Baden-Württemberg sehr selten sei. (kst)

An der Richtstätte, die zwischen Allensbach und Hegne gefunden wurde, zeugen viele Knochen von den Schicksalen der Verurteilten.
An der Richtstätte, die zwischen Allensbach und Hegne gefunden wurde, zeugen viele Knochen von den Schicksalen der Verurteilten. | Bild: Lukas Ondreka

Zwischen Allensbach und Hegne: Grab einer Keltin

Nur wenige Meter von der Richtstätte entfernt entdeckten die Kreisarchäologen im Winter 2020 ein 2600 Jahre altes Grab einer Keltin. Mit diesem Fund können die Forscher schriftliche Überlieferungen belegen, dass in unserer Region einst die Kelten gelebt haben. Das Grab soll aus der Zeit 650 bis 550 vor Christus stammen.

Die Frau wurde mit einigen Grabbeilagen bestattet. Das Ausgrabungs-Team fand vier Armringe aus Bronze und Holz, ein verziertes Bronzeblech, das wahrscheinlich ihr Gürtel gewesen sein dürfte, und zerbrochene Keramikgefäße. Im näheren Umfeld fanden die Archäologen noch zwei weitere Gruben mit menschlichen Knochenteilen und Scherben. Allerdings seien diese durch landwirtschaftliche Arbeiten zerstört worden. (kst)

Diese Bronzearmringe fanden Kreisarchäologe Jürgen Hald und sein Team in dem frühkeltischen Frauengrab bei Allensbach.
Diese Bronzearmringe fanden Kreisarchäologe Jürgen Hald und sein Team in dem frühkeltischen Frauengrab bei Allensbach. | Bild: Jürgen Hald

Friedingen: Alemannen-Gräber

Eigentlich sollte in Friedingen, einem Ortsteil von Singen, 2019 ein neues Haus entstehen. Aber bevor das Haus gebaut werde konnte, wurden in der Erde rund 60 Skelettreste von Frauen, Männern und Kindern gefunden.

Kreisarchäologe Hald geht davon aus, dass die Toten auf dem Gräberfeld zwischen 500 und 600 nach Christus in etwa ein Meter tiefen, rechteckigen Gruben beerdigt worden sind. Denkbar sei, dass es sich bei dem Feld nur um einen Teil eines größeren Friedhofs handle. „Auffallend ist, dass alle mit Blick Richtung Osten beerdigt wurden“, sagt Hald. Er vermutet, dass die Verstorbenen zu Lebzeiten Teil der ersten Siedlergeneration waren, die Friedingen seinen Namen gab. (kst)

Skelettreste in Friedingen.
Skelettreste in Friedingen. | Bild: Jürgen Hald

Gaienhofen und Sipplingen: Bierbrauer in der Jungsteinzeit

Haben unsere Vorfahren in der Jungsteinzeit am Bodensee bereits Bier gebraut? Neuere Funde in den Pfahlbauten in Gaienhofen (Hornstaad-Hörnle) und Sipplingen weisen darauf hin. Dabei waren die Braureste eher ein Zufallsfund. Ein Forscherteam aus Österreich war eigentlich auf der Suche nach prähistorischen Lebensmittelverarbeitungen, zum Beispiel Brei und Brot.

In Keramiken aus den Pfahlbau-Siedlungen fanden die Forscher verkohlte Krusten. Dabei handelte es sich um zerkleinerte Getreidekörner aus dem vierten Jahrtausend vor Christus, die eine Besonderheit aufwiesen. Die Forscher konnten nachweisen, dass die Körner gemälzt, zerkleinert und in Flüssigkeit eingeweicht worden waren. „Der Schluss liegt nahe, dass das Bier hätte werden sollen“, sagt Andreas Heiss von dem österreichischen Forscherteam. (kst)

Andreas Heiss, Archäologe aus Österreich, zeigt ein Fundstück. Die meisten Reste verkohlter Lebensmittel, die gefunden werden, sind klein und unscheinbar. Ihre Informationen geben sie nur unter dem Mikroskop preis.
Andreas Heiss, Archäologe aus Österreich, zeigt ein Fundstück. Die meisten Reste verkohlter Lebensmittel, die gefunden werden, sind klein und unscheinbar. Ihre Informationen geben sie nur unter dem Mikroskop preis. | Bild: ÖAW-ÖAI/N. Gail

Tägermoos: Papst-Siegel

Dass in Konstanz 1414 bis 1418 Geschichte geschrieben wurde, ist bekannt. Damals tagte das Konzil, um die Kirchenspaltung zu beenden. Drei Männer stritten sich um das Amt des Papstes. Einer von ihnen war Johannes XXIII. Er konnte sich nicht durchsetzen und musste aus Konstanz fliehen.

Im Jahr 2019 fand im Tägermoos (Schweiz) ein ehrenamtlicher Archäologe ein Bleisiegel (auch Bulle genannt) genau dieses Papstes. Die gut erhaltende Bulle sei ein eher seltener Fund, sagte damals der Thurgauer Historiker Lorenzo Fedel. Er hat auch eine Erklärung, wie die Bulle von Konstanz ins Tägermoos kam: Die Siegel dienten als Beglaubigung von Schriftstücken. Waren sie abgenutzt, entsorgte man diese – zum Beispiel in Latrinen. Regelmäßig entleerte die Stadt Latrinenfässer als Dünger auf Feldern. Möglicherweise – das ist nur eine der möglichen Erklärungen – ist so das Siegel auf einem Acker im Tägermoos gelandet. (kst)

Das Bleisiegel von Papst Johannes XXIII.
Das Bleisiegel von Papst Johannes XXIII. | Bild: Amt für Archäologie Thurgau
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