Stephan Scholtes versucht es mal mit einem biblischen Vergleich: „Man fühlt sich ein wenig wie bei der Speisung der 5000 – egal, was man macht, es wird nicht für alle reichen“, sagt der Allgemeinmediziner, der an diesem Tag niemanden untersucht und niemanden krank schreibt. Bei den „Hausärzten im Paradies“ in Konstanz wird ganztägig gegen Covid-19 geimpft. Das Telefon ist ausgeschaltet, es würde nur ablenken.

Den ganzen Tag klingelt das Telefon

Seit bekannt ist, dass Hausärzte nun auch impfen, habe die Praxis mehrere hundert telefonische Nachfragen zu verkraften. Geimpft werden wollen alle Patienten, nur wenigen wird der Wunsch gleich erfüllt. Stephan Scholtes und Christian Zeleny haben die Gemeinschaftspraxis für einen Tag geschlossen, um ihre 72 Impfdosen für diese Woche so schnell wie möglich zu verimpfen – 36 pro Hausarzt.

Die Praxis wird zum kleinen Impfzentrum

Organisatorisch ist das gut durchgeplant. In der Praxis bewegen sich die Impfkandidaten nach aufgezeichneten Pfeilen und durch die Terminvergaben sind nie viele Personen gleichzeitig anwesend. Zuerst füllen die Patienten die Aufklärungsbögen aus, dann geht es schon zur Spritze.

Die Ärzte müssen vor allem viel erklären

Das größte Problem sei die Priorisierung und vor allem: deren Rechtfertigung, sagt Scholtes. Nicht allen Patienten sei es einsichtig, dass nun, da die Hausärzte impfen dürfen, weiterhin die Priorisierung gilt. Das heißt, dass Scholtes und Zeleny hauptsächlich über 80-Jährige impfen. Oder ältere Vorerkrankte. Alle anderen müssen vorerst warten. Das verstehen nicht alle – und es sei im Moment das größte Problem, dies den Ungeduldigen zu erklären.

Am Nachmittag fährt Christian Zeleny los, um einen Hausbesuch zu machen. Genau hier liegt die große Stärke der Hausärzte. Sie haben den besten Zugang zu den pflegebedürftigen Betagten, die nicht in Pflegeheimen wohnen – die aber auch keine Chance hätten, allein das Impfzentrum zu erreichen.

Christian Zeleny zieht den Impfstoff von Biontech vorsichtig in der Spritze auf. Ziel ist es, sehr sparsam damit umzugehen.
Christian Zeleny zieht den Impfstoff von Biontech vorsichtig in der Spritze auf. Ziel ist es, sehr sparsam damit umzugehen. | Bild: Wagner, Claudia

Die beiden Ärzte haben sich Gedanken gemacht darüber, wie das Impfen in ihrer Praxis am schnellsten vorangeht. „Beispielsweise vereinbaren wir den Termin für die zweite Impfung nicht sofort“, erläutert Scholtes. Die Strategie ist durchdacht: Den größten Schutz vor Tod und schwerem Verlauf biete die erste Impfung. Daher versuchen die Ärzte so viel Impfdosen wie möglich zu verabreichen. Sie gehen davon aus, dass in der Folgezeit eher mehr Impfstoff vorhanden sein wird, sodass jeder auch die zweite Impfung erhält. Der genaue Zeitraum dazwischen sei nicht so entscheidend.

Hausarzt Christiian Zeleny zieht eine Dosis Biontech-Impfstoff auf
Hausarzt Christiian Zeleny zieht eine Dosis Biontech-Impfstoff auf | Bild: Wagner, Claudia

Haben die Hausärzte die Impfkampagne schlichtweg besser im Griff? So pauschal will Birgit Kloos, selbst Hausärztin und Pandemiebeauftragte des Landkreises, das nicht gelten lassen. Sie sieht die Vorteile: Es falle den Hausärzten leichter, da sie gezielt auf die Patienten zugehen können, die wegen ihres Alters oder ihrer Erkrankungen dringend geimpft werden sollten, schreibt sie auf Anfrage. Die Probleme des Kreisimpfzentrums seien aber, so ihre Sicht, nicht hausgemacht, sondern in der Knappheit des Impfstoffs begründet und im Zwang zur Umorganisation wegen des Astrazeneca-Stopps. Die Organisation in den Impfzentren selber laufe tadellos.

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Zudem wurde dafür gesorgt, dass den Hausärzten im Landkreis alle nötigen Informationen zukommen. Sie selbst habe mit einer Kollegin eine Infoveranstaltung per Zoom zum Thema angeboten, schreibt Birgit Kloos, an der mehr als 70 Kollegen teilgenommen hätten. Außerdem gebe es ab sofort einmal pro Woche eine Zoomveranstaltung des Gesundheitsverbunds, bei der Kollegen Fragen zu den Impfstoffen und deren Anwendung bei seltenen Erkrankungen stellen könnten.

Die Priorisierung bleibt erhalten

Dass die Priorisierung eingehalten werde, sei enorm wichtig, erläutert Kloos weiter. Die Absicht sei, die Patienten über 80 Jahre, die zu Hause gepflegt werden, zu impfen, dann die übrigen über 80-Jährigen, danach die über 70-Jährigen sowie Schwerkranke. Es werde Ausnahmen geben, etwa, wenn ein jüngerer Krebskranker vor einer Chemotherapie stehe – diese Patienten würden vorgezogen. „Das ist die Stärke der Hausärzte, dass sie leichter individuelle medizinische Entscheidungen treffen“, schreibt Kloos.

Ein 80-Jähriger wird endlich geimpft

Stephen Broadhead ist an diesem Nachmittag blendend gelaunt. Bereitwillig lässt er sich die Spritze in den Arm geben. Mehrfach habe er es über die Hotline 116 117 versucht, an einen Impftermin zu kommen – völlig erfolglos. „Dann war ich hier zu einer Untersuchung, zwei Tage später bekam ich den Anruf, zur Impfung zu kommen“, berichtet der 80-Jährige.

Und was passiert, wenn ein Patient nicht erscheint und Impfdosen übrig bleiben? Auch dafür ist die Praxis gerüstet. Die Ärzte haben eine B-Liste angelegt. Auf ihr sind Patienten verzeichnet, die mobil sind, in der Nähe wohnen und die Kriterien erfüllen. Wenn Impfstoff übrig ist, werden sie angerufen.