Das Corona-Virus hat in jedem noch so kleinen Haushalt zu Veränderungen geführt. Aber was bedeuten die Corona-Maßnahmen für den Alltag in einer Psychiatrie? Die Schülerinnen Mia und Hannah Strecker haben im Rahmen der „Schreibwerkstatt„, einem Kurs der Vhs in Kooperation mit dem SÜDKURIER Medienprojekt Klasse!, Uwe Herwig, den ärztlichen Direktor des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) auf der Reichenau dazu befragt.

Uwe Herwig mit den Interviewerinnen Mia und Hannah Stecker.
Uwe Herwig mit den Interviewerinnen Mia und Hannah Stecker. | Bild: Hannah Strecker

Als im März die Corona-Pandemie ausgebrochen ist, musste vieles umgestellt werden. Welche Maßnahmen wurden ergriffen?

Anfang März haben wir uns das erste Mal als Klinikleitung zusammengesetzt, um uns im Team zu besprechen, wie wir mit der damals beginnenden Pandemie umgehen. Zuallererst haben wir uns genau über das Virus informiert und uns alle auf den neuesten Kenntnisstand gebracht. Daraufhin haben wir unsere Mitarbeiter informiert und Umgangsrichtlinien beschlossen. Dazu gehörten vor allem das Einhalten von Hygiene und Abstand, die Reduktion von Kontakten innerhalb und außerhalb der Klinik, beispielsweise der Patienten untereinander und die Einschränkung von Besuchen. Außerdem die Identifikation von Risikogruppen wie ältere und vorerkrankte Menschen und auch die damals schwierige Beschaffung von Schutzkleidung.

Das könnte Sie auch interessieren

Sollte sich einer der Mitarbeiter oder Patienten mit Covid-19 infizieren, wie gehen Sie vor?

Wenn wir einen Patienten oder Mitarbeiter mit dem Verdacht auf eine Corona-Infektion haben, also z.B. mit entsprechenden Symptomen, testen wir diese Person umgehend. Solange das Testergebnis nicht vorliegt (oder ein positives bekannt wird), schicken wir den Mitarbeiter nach Hause mit der Bitte, sich dort zu isolieren.

Utensilien für Corona-Tests.
Utensilien für Corona-Tests. | Bild: Hannah Strecker

Patienten isolieren wir vor Ort, indem wir sie oder ihn in einem Einzelzimmer unterbringen. Der oder die Betroffene hat dann keinen Kontakt mehr zu anderen Patienten. Mitarbeiter haben nur noch mit Schutzkleidung Zugang. Die Behandlung wird mit ausreichend Abstand oder sogar online durchgeführt. Haben wir einen bestätigten Fall, testen und isolieren wir auch alle engeren Kontaktpersonen, also diejenigen, welche länger als 15 Minuten unter 1,5 Meter Abstand ab zwei Tage vor den Symptomen mit dem Infizierten Kontakt hatten oder auch in einem schlecht gelüfteten Raum über eine halbe Stunde zusammen waren. Alle Maßnahmen werden mit dem Gesundheitsamt abgestimmt.

Gelten überall auf dem Gelände die Masken- und Abstandsregelungen?

Überall auf dem Gelände gelten die Abstandsregelungen. Sollten keine 1,5 Meter Abstand eingehalten werden können, gibt es eine Maskenpflicht. Wenn zum Beispiel die Pflege erfordert, dass man näher mit den Patienten zusammenkommt, müssen die betreffenden Personen eine Maske tragen.

Wie sehen die Therapien und Gruppensitzungen aus? Können noch alle stattfinden?

Zwischenzeitlich im Sommer hatten wir wieder viele Therapie- und Gruppensitzungen aufgenommen. Einschränkungen bestehen aber durch die Größe der Räume, da jede Person vier Quadratmeter Platz benötigt. In der Corona-Hochzeit im Frühjahr hatten wir die Gruppensitzungen teilweise erheblich eingeschränkt bis abgeschafft. Insbesondere Gruppensitzungen mit Patienten von unterschiedlichen Stationen konnten damals nicht mehr stattfinden, wie auch jetzt wieder. Eine Zeit lang haben wir Therapien, die engeren Kontakt erforderten oder in denen sich Patienten viel bewegt haben wie bei den Musik-, Bewegungs- und Physiotherapien ebenfalls komplett eingestellt. Ergotherapien auf Stationen und Psychotherapien fanden mit Kontakteinschränkungen weiter statt.

Was hat sich am Leben der Patienten verändert? Gibt es beispielsweise noch Mehrbettzimmer?

In den intensiven Zeiten der Corona-Pandemie ist das Leben der Patienten deutlich eingeschränkt. Wir hatten und haben Besuchsverbote, den reduzierten Therapieplan sowie überall strenge Hygiene-Maßnahmen. Wir haben ohnehin regelhaft Einzel- und Doppelzimmer, wobei wir letztere dann oft einzeln belegt haben. Isolierungen sind sehr belastend, natürlich vor allem für die Betroffenen, aber auch insgesamt für die Atmosphäre auf der Station. Glücklicherweise kommt dies nicht so oft vor.

Wie funktionierte es in der Kantine?

Viele Patienten sind normalerweise in die zentrale Kantine gegangen und haben dort gegessen, das ist jetzt nicht mehr möglich. Die Patienten essen nur noch auf den Stationen. Die Kantine ist jetzt zur Mittagszeit nur noch für maximal 40 Mitarbeiter gleichzeitig zugänglich. Früher konnten 120 Mitarbeiter zeitgleich hier essen.

Kantinen-Tische mit Abstand.
Kantinen-Tische mit Abstand. | Bild: Mia Strecker

Dürfen Patienten weiterhin nach Hause gehen und Besuche empfangen?

Eine Zeit lang durften überhaupt keine Besuche mehr stattfinden, auch die Ausgänge nach Hause wurden sehr beschränkt. Allenfalls vor Austritt gab es ein Probe-Wochenende zu Hause. Seit einiger Zeit sind Besuche wieder kontrolliert möglich, allerdings für jeden Patient nur ein Besucher pro Tag, für eine begrenzte Zeit.

Wie funktioniert im Moment die Neuaufnahme von Patienten?

Seit März prüfen wir bei Neuaufnahme alle Patienten auf Symptome. Wir messen Fieber und fragen nach Erkältungssymptomen und Husten. Außerdem erfragen wir, ob die Patienten zu (möglicherweise) infizierten Personen Kontakt hatten. War dies der Fall, haben wir die Person zunächst isoliert und getestet. Mittlerweile testen wir jeden Patienten, der neu bei uns in die Klinik eintritt, auf Corona, neuerdings auch mit den Schnelltests.

Manche trauen sich wegen Corona nicht aus dem Haus, anderen fällt die Decke auf den Kopf. Gibt es Schwankungen bei den Patientenzahlen?

In der Tat hatten wir in der Corona-Hochzeit weniger Patienten. Einige haben sich möglicherweise nicht in die Klinik getraut. Außerdem haben wir ähnlich wie in anderen Bereichen der Medizin, die weniger dringenden Behandlungen aufgeschoben. Andererseits gibt es auch Patienten, die wegen der Corona-Folgen psychisch belastet sind, wie durch Arbeitsplatzverlust, Ängste oder Einsamkeit. Diese geraten in eine Krise und kommen dann zu uns in die Klinik. Seit dem Sommer haben wir wieder sehr hohe Aufnahmezahlen.

Zurzeit muss man 1,5 Meter Abstand zueinander halten. Ändert sich durch den körperlichen Abstand auch der seelische zwischen Patient und Therapeut?

Auch vor dem Virus hatten wir in der Regel in den Psychotherapien einen normalen Raumabstand von ca. zwei Metern. Insofern ist das Einhalten eines Abstandes auch jetzt noch unter normalen Psychotherapie-Bedingungen möglich. Allerdings wurden für eine kurze Zeit in der ambulanten Behandlung Masken vorgeschrieben. Dies war sehr belastend, da man beispielsweise die Mimik seines Gegenübers nicht erkennen und man weniger frei sprechen konnte. Diese Regelung wurde wieder aufgehoben, wobei wir dennoch bei Bedarf Masken tragen und insbesondere auf häufige und gute Lüftung achten.

Welche Konsequenzen hat Corona für die Ärzte und Pfleger?

Der Alltag ist gar nicht so viel anders geworden, die normale Arbeit geht ja auch weiter. Der Hauptunterschied zu vorher ist letztendlich die Vorsicht, welche zu ergreifen ist, das Achten auf Hygiene und Abstand. Die Aufmerksamkeit im Alltag ist oft stark auf das Virus gerichtet, und dort müssen wir natürlich aufpassen, dass wir uns genauso effektiv um die psychischen Erkrankungen kümmern. Außerdem gab es zeitweise keine Fortbildungen mehr und viele Sitzungen wurden abgesagt oder verkleinert.

Hat das ZfP Reichenau auch etwas Gutes aus der Corona-Zeit mitgenommen?

Wir haben unseren Zusammenhalt in der Klinik noch einmal gestärkt. Vieles hat Teamarbeit verlangt, das hat uns näher zusammenwachsen lassen.

Die Autorinnen des Interviews sind die Schülerinnen und Geschwister Hannah und Mia Stecker aus Konstanz. Hannah ist 15 Jahre, Mia 11 Jahre alt, beide besuchen das Ellenrieder Gymnasium in Konstanz.