Bahnfahrer kennen es: Zu den Stoßzeiten morgens und abends ist der Seehas, der auf der Strecke zwischen Konstanz und Engen verkehrt, oft überfüllt – zumindest war das bis Corona so. Aber auch in Corona-Zeiten kann es manchmal ziemlich voll werden – wie um die Pfingsttage herum. Dann gibt es in den Zügen kaum die Möglichkeit, den Mindestabstand von 1,5 Meter zu halten.

Auslastung soll geprüft werden

Die Kreistagsfraktion der FDP denkt aber nicht nur an die Corona-Zeiten, sondern auch an die Zeit danach. Sie hat daher im Kreistag den Antrag gestellt, die Auslastung des Streckenabschnitts zwischen Singen und Konstanz durch die Stadtverwaltung überprüfen zu lassen. Sollte die Auslastung hoch genug sein, könnte die Taktung des Seehas erhöht werden. Doch wie genau funktioniert das Ganze?

„Bereits vor ein paar Jahren wurde eine Fahrgastzahl knapp unter 15 000 nachgewiesen.Wir haben den Eindruck, dass sich die Auslastung seither noch mal deutlich erhöht hat.“Georg Geiger, Vorsitzender der Kreis-FDP
„Bereits vor ein paar Jahren wurde eine Fahrgastzahl knapp unter 15 000 nachgewiesen.Wir haben den Eindruck, dass sich die Auslastung seither noch mal deutlich erhöht hat.“Georg Geiger, Vorsitzender der Kreis-FDP | Bild: Patrick Pfeiffer

„Das Land schließt grundsätzlich Verkehrsverträge für den Schienenverkehr ab. Für den Landkreis Konstanz gibt es einen Vertrag zwischen dem Land Baden-Württemberg und der SBB GmbH, Tochter der Schweizer Bundesbahn, die den Seehas betreibt“, erklärt der FDP-Fraktionsvorsitzende Georg Geiger.

Finanzierung teilt sich Land und Landkreis Konstanz

Auch der Kreis Konstanz sei daran beteiligt und steuere ab 2021 588 000 Euro jährlich bei, gibt Janine Dinkelaker, Pressesprecherin des Landesverkehrsministeriums, Auskunft. In den letzten vier Jahren seien es jeweils 540 000 Euro gewesen. Landkreis und Land teilen sich die Finanzierung also.

Seehas hält in der Station Fürstenberg in Konstanz.
Seehas hält in der Station Fürstenberg in Konstanz. | Bild: Oliver Hanser

Wie viel Geld das Land genau zuschießt, hängt von verschiedenen Kriterien ab. Eine davon ist die Auslastung der Zugstrecken. Danach werden die Strecken durch das Landesverkehrsministerium in verschiedene Nachfrageklassen eingeteilt, von I bis IV. Aktuell befindet sich die Strecke zwischen Singen und Konstanz in Klasse III, da die Auslastung beim letzten Test zwischen 10 000 und 15 000 Fahrgästen je Streckenkilometer täglich lag. Ab 15 000 wäre ein Aufstieg in Klasse IV möglich. Das würde eine Taktung von vier statt drei Zugpaaren pro Stunde erlauben – in Ausnahmefällen sogar fünf.

Aktuelle Fahrgastzahlen fehlen noch

Geiger schätzt die Chancen des Antrags gut ein. „Bereits vor ein paar Jahren wurde eine Fahrgastzahl knapp unter 15 000 nachgewiesen. Wir haben den Eindruck, dass sich die Auslastung seither noch mal deutlich erhöht hat“, meint der FDP-Fraktionsvorsitzende. „Deshalb glauben wir, dass die Schwelle überschritten ist“, fügt er hinzu.

Doch damit dem Antrag durch das Verkehrsministerium in Stuttgart stattgegeben werden kann, muss er durch fundierte Zahlen untermauert werden. Dafür braucht es konkrete Informationen, die nur bei den beiden Betreibern der Zugstrecke – der DB Regio und der SBB Deutschland GmbH – abgefragt werden können. „Deshalb brauchen wir eine Überprüfung durch den Landkreis Konstanz„, fordert Georg Geiger.

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Der Spielball liegt bei der Kreisverwaltung

Laut Daniel König von der SBB liege momentan jedoch noch keine Anfrage vom Landkreis dazu vor – auch nicht aus den vergangenen Jahren. Der Spielball liege jetzt also bei der Kreisverwaltung, sagt FDP-Mann Geiger. Auf Nachfrage verwies das Landratsamt Konstanz hingegen zuständigkeitshalber an das Verkehrsministerium. Dessen Pressesprecherin Janine Dinkelaker zeigt sich jedoch skeptisch: „Sehr wahrscheinlich werden die 15 000 Fahrgäste je Streckenkilometer, die für eine Einstufung in die nächsthöhere Angebotskategorie erforderlich wären, noch nicht erreicht.“

„Eine engere Taktung bringt sicherlich Vorteile für die Auslastung der einzelnen Verbindungen. Wir haben den Eindruck, dass sich die Auslastung seither noch mal deutlich erhöht hat.“Daniel König, Pressesprecher der SBB
„Eine engere Taktung bringt sicherlich Vorteile für die Auslastung der einzelnen Verbindungen. Wir haben den Eindruck, dass sich die Auslastung seither noch mal deutlich erhöht hat.“Daniel König, Pressesprecher der SBB | Bild: Sbb

Allerdings würden die neuesten Werte aus dem Jahr 2019 stammen und lägen erst für einige Monate vor. Sie müssten noch ergänzt und validiert werden. Zuständig dafür sei die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW), eine Servicegesellschaft des Ministeriums, erklärt Dinkelaker. Diese fordere die Fahrgastzahlen von den Eisenbahnverkehrsunternehmen an und überprüfe diese.

SBB hat großes Interesse

Sollte der Antrag jedoch erfolgreich sein, würden davon alle profitieren, meint Georg Geiger. Den größten Vorteil hätten die Bürger, die ein verbessertes Angebot und weniger überfüllte Züge bekommen. Doch auch für den Betreiber lohne es sich. „Die SBB hat größtes Interesse am Seehas, weil sie sich dadurch bei uns weiter etablieren kann“, so Geiger. Ein erfolgreicher Antrag sei also auch im Sinne des Streckenbetreibers, mit dem der Landkreis Konstanz sehr zufrieden sei.

Bis 2030 ÖPNV-Nutzer verdoppeln

„Prinzipiell freuen wir uns über alle Maßnahmen, die unser Angebot attraktiver machen. Wir sind daher generell an einer Höherklassifizierung interessiert“, stimmt König zu. „Wir fahren grundsätzlich alles, was bestellt und finanziert ist, und wenn wir die entsprechenden Ressourcen, vor allem Fahrzeuge und Personal haben, und es in unser Marktgebiet passt“, erklärt er weiter.

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Mit Blick auf Anschlussverbindungen und Reiseketten, die von einer veränderten Taktung betroffen wären, gibt er allerdings zu bedenken: „Gleichzeitig muss die anschließende Ausgestaltung dieser Höherklassifizierung mit allen Beteiligten konkret angeschaut werden, da diese im Gesamtsystem bedacht werden muss.“ Auch für das Land Baden-Württemberg kann die Aufwertung des Seehas hilfreich sein, um ein wichtiges politisches Ziel zu erreichen.

In der Station Fürstenberg hält der Seehas. Fahrgäste steigen aus.
In der Station Fürstenberg hält der Seehas. Fahrgäste steigen aus. | Bild: Steinert, Kerstin

Mehr Menschen sollen Zugfahren

„Eine Höherklassifizierung wäre auch im Sinne der Landesregierung, denn diese plant, noch mehr Leute von der Straße auf die Schiene zu bringen“, erklärt Geiger. Bis 2030 will das Land laut eigenem Zielkonzept die Zahl der ÖPNV-Nutzer verdoppeln. „Die Bürgerinnen und Bürger in den Zug zu bringen, funktioniert doch nur, wenn das Angebot stimmt“, ergänzt der FDP-Politiker. Das sieht auch König von der SBB so: „Eine engere Taktung bringt sicherlich Vorteile für die Auslastung der einzelnen Verbindungen. Durch die zusätzlichen Leistungen wird das Angebot auch attraktiver und es ist mit weiteren Fahrgast-Steigerungen zu rechnen.“

Jedoch seien Mehrleistungen nur dann möglich, wenn diese zusätzlichen Angebote vom Aufgabenträger auch so bestellt werden, erklärt er. Von sich aus kann die SBB also nicht tätig werden, solange die Auslastung der Strecke nicht durch den Landkreis abgefragt und eine Höherklassifizierung erfolgreich beantragt wurde. Die Finanzierung müsste im Erfolgsfall das Verkehrsministerium übernehmen. „Falls die veränderte Einstufung eine Leistungsausweitung zur Folge hätte, bekäme die SBB GmbH natürlich für zusätzlich bestellte Zugleistungen auch zusätzlich Geld“, erklärt Janine Dinkelaker.

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Geduld ist gefragt

Doch auch wenn der Antrag erfolgreich sein sollte, müssen sich die Leute wohl noch etwas gedulden. „Bis das alles durch ist, dauert es sicher noch einige Monate“, schätzt der FDP-Fraktionvorsitzende Geiger.

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