Das Archäologische Landesmuseum Konstanz (ALM) beleuchtet diesen Aspekt mit der Wanderausstellung „Verknüpft und zugenäht! Gräser, Bast, Rinde – Alleskönner der Steinzeit“. Im Zentrum stehen dabei zahlreiche Funde aus Pfahlbausiedlungen der späten Jungsteinzeit (4. und 3. Jahrtausend vor Christus) in Oberschwaben und am Bodensee, denn die Menschen lebten ab dieser Zeit eben auch in anderen Behausungen als in Höhlen.

111 Fundstellen rund um den Bodensee

Johanna Banck-Burgess, beim Stuttgarter Landesamt für Denkmalpflege für die Textilarchäologie zuständig, sagt: „Die Region hat in Sachen Textilien echt was zu bieten!“ Damit meint sie die 111 Fundstellen am Bodensee, 15 davon in Baden-Württemberg. Allein bei diesen Pfahlbausiedlungen entdeckten Experten über 2500 Textilfunde.

Wertvolle Funde aus der Steinzeit: Archäologen finden verschiedene Textilfasern in unterschiedlicher Verarbeitung.
Wertvolle Funde aus der Steinzeit: Archäologen finden verschiedene Textilfasern in unterschiedlicher Verarbeitung. | Bild: Kirsten Astor

„Hier haben wir Alltagsgegenstände, keine Grabbeigaben“, sagt Johanna Banck-Burgess. „Das ist ein großer Unterschied, denn die Kescher, Netze, Gefäße und Schnüre verraten viel über das Alltagsleben in der späten Jungsteinzeit und der Bronzezeit. Sie spielten eine Schlüsselrolle für den Beginn der Sesshaftigkeit.“ Wer einen Hausstand gründen möchte, benötigt dafür schließlich Utensilien wie Kochtopf, Sieb oder Tragetasche.

Gefäße aus Bast: Damit wurde auch gekocht

Hier kommt ein Wundermaterial ins Spiel, das heute in Vergessenheit geriet: Lindenbast. Johanna Banck-Burgess gerät ins Schwärmen, wenn sie dessen Vielseitigkeit beschreibt: „Mit Lindenbast kann jede beliebige Struktur geschaffen werden. Er ist dicht, fest, aber auch flexibel.“ Lindenbast aus der Baumrinde diente zum Verpacken, Tragen, Binden, Umwickeln oder Fallenstellen. Heute werde Lindenbast nur noch ab und zu in der Seilerei verwendet. Und dann kommt Johanna Banck-Burgess auf einen ihrer Lieblingsgegenstände zu sprechen: „Rindengefäße bilden einen Gegenpol aus organischem Material zur zerbrechlichen Keramik“, erläutert sie.

Bisher wurden in den Pfahlbausiedlungen rund 60 solcher Gefäße gefunden, doch vermutlich gibt es noch mehr. Diese wie kleine Eimer anmutenden Gefäße wurden so vernäht, dass sie wasserdicht sind. „Wissenschaftler fanden darin Speiserückstände, vor allem Getreidebrei“, erläutert die Archäologin. Das lässt vermuten, dass die Gefäße aus Lindenrinde nicht nur zum Beerensammeln oder für den Transport von Wasser, sondern auch zum Kochen verwendet wurden. „Sie sind kaum zu toppen, viel besser als die Birkengefäße, die man aus Russland kennt“, so Banck-Burgess.

Weberin lüftet ein Geheimnis

Auch Gräser und Lein (Flachs) spielten vor vielen tausend Jahren eine wichtige Rolle, unter anderem für die Herstellung von Fischernetzen und in der Weberei. In Irgenhausen im Pfäffikon (Schweiz) entdeckten die Archäologen einen seltenen Fund aus der Bronzezeit. Damit sich Interessierte ein Bild davon machen können, rekonstruierte eine über 80-jährige professionelle Weberin und Spinnerin die vermutlich als Wandbehang verwendete Weberei. Dieses Exemplar hängt nun im ALM in Konstanz.

Mit Hilfe einer professionellen Weberin fanden die Forscher heraus, dass das Muster direkt bei der Herstellung eingewebt wurde.
Mit Hilfe einer professionellen Weberin fanden die Forscher heraus, dass das Muster direkt bei der Herstellung eingewebt wurde. | Bild: Kirsten Astor

Bei ihrer Arbeit klärte die 80-Jährige Weberin auch gleich ein Rätsel, denn es wurde lange darüber diskutiert, ob das rot-gelbe Muster des wertvollen Fundes bereits eingewebt oder erst nachträglich eingestickt wurde. Die alte Dame fand heraus: Das Muster wurde bereits beim Webvorgang eingearbeitet. Das war für damalige Zeiten ein beeindruckender technischer Vorgang.

Fundestücke können zerbröseln

Die Ausstellung präsentiert kein Ergebnis abgeschlossener Forschung, da das Projekt noch nicht beendet ist. Es wirft vielmehr ein Schlaglicht auf die große Bedeutung der Textilien für die Jungstein- und Bronzezeit. Die Gegenstände aus Gras, Bast und Rinde blieben so lange erhalten, weil sie sich in den Moor- und Seeufersiedlungen unter Luftabschluss befanden.

Mit animierten Filmen werden zum Beispiel alte Web- und Knüpftechniken dreidimensional erklärt.
Mit animierten Filmen werden zum Beispiel alte Web- und Knüpftechniken dreidimensional erklärt. | Bild: Kirsten Astor

Doch nichts ist für die Ewigkeit, wie Restaurator und Ausstellungstechniker Fabian Maier erklärt: „Das sind alles sehr fragile Objekte. Manche zerbröseln einfach beim Ausgraben oder kurz danach.“ Ein Film in der Ausstellung zeigt diesen Prozess sehr anschaulich im Zeitraffer.

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €