Richard R. wirkt gut gelaunt und ist in jeder Hinsicht verbindlich im Gespräch. Dass er erst vor Kurzem aus einer achtmonatigen Haft entlassen wurde, traut man ihm nicht zu. Ob diese Zeit tiefe Spuren bei ihm hinterlassen hat?

Acht Monate war Richard R., der aus dem Landkreis Konstanz stammt und dessen voller Name hier nicht genannt wird, um ihn zu schützen, in der Konstanzer Justizvollzugsanstalt in Haft. Gesessen hat er wegen Betrugs, mehr will er dazu nicht sagen. Auf den Alltag im Gefängnis selbst habe er sich einstellen können, wirklich schwer aber fiel ihm die Trennung von Familie und Kindern.

Richard R. will den Kontakt aufrechterhalten

Richard R. lebt seit 17 Jahren mit seiner Partnerin zusammen, die Tochter ist 13, der Sohn 15 Jahre alt. Als Jugendliche können sie die Abwesenheit des Vaters während der Haftzeit intellektuell begreifen, eine schwierige Umstellung bleibt sie dennoch. Für Väter in Haft bietet die Linzgau Kinder- und Jugendhilfe ein Eltern-Kind-Projekt. Besuche ihrer minderjährigen Kinder werden dadurch wesentlich erleichtert.

„Ich wollte gleich teilnehmen“

Als Richard R. im März, kurz nach seiner Inhaftierung, von dem Projekt von einem Mitgefangenen hörte, war er sofort entschlossen, teilzunehmen. „Ich dachte, dass nur Männer teilnehmen dürfen, deren Kinder im Kleinkindalter sind“, sagt er. So ist es nicht, er wurde nach einer Überprüfung zugelassen. Die Teilnehmer erhalten Privilegien: So hat man in der JVA Konstanz normalerweise das Anrecht auf zwei Mal 45 Minuten pro Monat. Die Projektteilnehmer erhalten zusätzlich die Gelegenheit, zwei Mal für 90 Minuten ihre Frau und Kinder zu sehen, berichtet Michael Junginger, Leiter der Besuchsabteilung an der JVA.

Alle Besuche werden begleitet

Stefanie Ehrlich, Sozialarbeiterin bei der Linzgau Jugendhilfe, begleitet das Projekt seit 2018. Sie ist bei den Besuchen dabei, ebenso wie Michael Junginger, der sich aber im Hintergrund hält. Bei Richard R. lief alles anders: Durch den Corona-Lockdown gab es gar keine Besuche mehr. Stefanie Ehrlich schlug vor, die Besuche per Skype stattfinden zu lassen. „Beim ersten Mal war Frau Ehrlich in der Haftanstalt dabei“, berichtet Richard R. Die weiteren Skype-Termine laufen dann ganz klassisch als Telefonkonferenz ab, Richard R. telefoniert aus der Haftanstalt, seine Familie ist zuhause und Stefanie Ehrlich ist als Begleiterin virtuell stets dabei.

Kontakt während der Pandemie nur über Skype

„Die Anrufe über Skype waren eine super Lösung“, findet Richard R. im Rückblick. Beim ersten Mal sei er noch gehemmter gewesen als seine Kinder, die Familie hatte sich seit drei Monaten nicht mehr gesehen. „Ich musste immer wieder weinen“. Seine Tochter habe dazu beigetragen, dass das Gespräch die nötige Lockerheit bekam.

Das Projekt stärkt die Häftlinge

Michael Junginger, Leiter der Besuchsabteilung an der JVA Konstanz, bestätigt die positive Wirkung des Angebots an die Häftlinge. „Ich merke es an ihrem Verhalten. Das Gespräch mit den Kindern gibt ihnen die notwendige Sicherheit, sie sind hinterher ruhiger.“ Es ist Jungingers Ziel, an ihrer Resozialisierung zu arbeiten, sie sollen eine Zukunft nach ihrer Entlassung haben. Das sei jedoch nur erreichbar, wenn ihre Gedanken nicht permanent um die Familie kreisten, für die sie im Moment nicht sorgen könnten.

Richard R. ist nicht der Typ, der wegen seiner Haftstrafe in Trübsal versunken wäre. „Ich bin ein Sinti, ich kann mich anpassen“, sagt er. Deshalb sei es ihm leicht gefallen, sich in den JVA-Alltag einzufügen: Er arbeitete im Gefängnis und hatte damit eine klare Tagesstruktur von 7 bis 15 Uhr, dazu Hofgang und Mittagspause, so verliefen seine Tage. Trotzdem: Auch ihm bereitet zu Beginn der Gedanke an seine Familie große Sorgen. „Nachts habe ich von Zuhause geträumt und bin dann in der Realität aufgewacht.“

Ganz privat sind die Besuchskontakte nicht

Michael Junginger ist ebenso wie Stefanie Ehrlich bei den Anrufen – oder Besuchen, wie sie vor Pandemiezeiten stattfanden – dabei. In der JVA wird kontrolliert, welche Informationen sich Häftlinge per Telefon holen oder welche sie weitergeben. Für diese Form der Kontrolle hat Richard R. Verständnis. „Beim ersten Mal war es unangenehm. Später hat es mich nicht mehr gestört, dass Junginger mithörte.“

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Stefanie Ehrlich kommt bei dem Projekt eine wichtige Rolle zu. Sie ist Vermittlerin zwischen dem Häftling und seinen Kindern und achtet bei den Besuchen darauf, dass die Interessen der Kinder gewahrt bleiben – und das Gespräch nicht etwa zu Bedürfnissen des Häftlings abschweift. In aller Regel funktioniere das gut. „Nur bei den ganz Kleinen kann es schwierig sein, ein einjähriges Kind entfremdet sich schnell vom Vater“, berichtet Ehrlich. Dann helfen nur Spiele, um die Fremdheit zu überwinden.

Nach der Haft fällt das Anknüpfen leichter

Bei Richard R. und seiner Familie reichte der Kontakt über Skype aus. Der Familienvater erfuhr, welche neuesten Posts und Videos die jugendliche Tochter auf Tiktok eingestellt hatte und, dass sein Sohn immer noch mehr Interesse an Computerspielen als an familiären Angelegenheiten zeigte: alles beim Alten. Inzwischen erlebt Richard R. wieder selbst mit, was die Familie an Freuden und Konflikten zu bieten hat. Er hat Arbeit und ist froh, dass die Zeit im Gefängnis vorüber ist. Stefanie Ehrlich bleibt er dankbar dafür, dass die Verbindung zu seinen Kindern in den vergangenen acht Monaten nicht abgerissen ist.