Notarztmangel in Stockach, langes Warten bei der Notfallhilfe in einigen Landkreisgemeinden sowie veraltete Boote in der Wasserrettung. Eine Anfrage der CDU-Kreistagsfraktion bringt Schwächen im Rettungswesen für den Landkreis zutage. An Verbesserungen werde gearbeitet, versichern Fachleute des Landratsamts.

Arbeitsgemeinschaft kümmert sich um Problem

In medizinischen Notfällen sollten zwischen dem Notruf und dem Eintreffen der Retter nicht mehr als 15 Minuten verstreichen. So sieht dies der Gesetzgeber vor. Im Landkreis Konstanz allerdings können Bürger in nicht allen Gemeinden mit schneller Hilfe rechnen. In Büsingen, Gailingen, Öhningen und Tengen werde dieser Planwert nicht erreicht, heißt es von Seiten des Landratsamts auf Anfragen der CDU. Die Arbeitsgemeinschaft Hilfsfrist habe sich des Problems aber schon angenommen, versichern Vertreter des Landratsamts.

Normen Küttner, Grünen-Kreisrat: „Es geht um Menschenleben, nicht statistische Werte.“
Normen Küttner, Grünen-Kreisrat: „Es geht um Menschenleben, nicht statistische Werte.“ | Bild: SK

Mehr Personal für die großen Städte

In einem ersten Schritt sollten Konstanz, Radolfzell und Singen mehr Personal und mehr Rettungswagen erhalten, um die weit entfernt liegenden Orte schneller bedienen zu können. Sollte sich dadurch die Lage für die vier unterversorgten Gemeinden nicht verbessern, werde man sich neue Schritte überlegen. Reichenaus Bürgermeister Wolfgang Zoll (CDU) berichtete im Sozialausschuss des Kreistags, seine Gemeinde habe mit ehrenamtlichen ausgebildeten Ersthelfern aus der Nachbarschaft (Helfer vor Ort) gute Erfahrungen gemacht. Sie überbrückten die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes.

Mehr als 60 Minuten für Krankentransport

Viel Geduld brauchen Patienten, die auf einen Krankentransport (kein Notfall) angewiesen sind. Es geht beispielsweise um den Gehbehinderten, der nach einem ambulanten Eingriff von der Praxis nach Hause gebracht wird. Nach den Daten des Landkreises stellt sich die Lage so dar: In 85 Prozent der Fälle dauere es bis zu 60 Minuten bis zum Eintreffen des Krankentransports. In 15 Prozent der Fälle liege die Wartezeit sogar über den 60 Minuten, und im Schnitt bei 50 Minuten.

Thomas Buser, Leiter des Kreis-Baurechtsamts: „Es ist unbestritten, dass die Leitstellen mehr Personal benötigten.“
Thomas Buser, Leiter des Kreis-Baurechtsamts: „Es ist unbestritten, dass die Leitstellen mehr Personal benötigten.“ | Bild: Zoch, Thomas

Unberechtigte Anrufe über 112

Dieser Zustand fördere einen Missbrauch des Rettungsdiensts, der eigentlich nur für die notfallmedizinische Versorgung von Patienten da sei, darauf machte Normen Küttner im Sozialausschuss des Kreistags aufmerksam. Der Kreisrat der Grünen ist selbst von Beruf Notfallsanitäter. Er machte deutlich, welchen Umfang die Krankentransporte im Landkreis haben. 28.338 seien fürs Jahr 2018 erfasst. Wenn bei 15 Prozent der Fahrten der Patient länger als eine Stunde warten musste, dann sei das also 4250 Mal der Fall gewesen.

Missbrauch der Notfallambulanz

Küttner beklagte zudem Mängel, die einem Missbrauch der Notfallambulanz Vorschub leisteten. Bürger seien nicht bereit, wochenlang auf einen Facharzttermin zu warten. Sie versuchten dann, auf dem Wege des angeblichen Notfalls eine schnelle fachliche Abklärung zu bekommen. „Da zeigen sich Entwicklungen, die für die Gesundheitsversorgung nicht gut sind.“ Konstanz benötige weitere Rettungswagen und die Leitstellen mehr Personal. Er mahnte: „Es geht um Menschenleben, nicht statistische Werte.“ Jürgen Keck, Kreisrat der FDP, schlägt die fachkundige Vorabklärung vor, damit nicht die falschen Patienten den Platz für die Notfälle blockierten.

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Touristen in Berechnung mit drin

Thomas Buser, Leiter des Baurechtsamts des Landkreises, versicherte, die Behörde habe die Probleme „auf dem Schirm.“ Es sei unbestritten, dass die Leitstellen mehr Personal benötigten. Nur sei es gar nicht so einfach, das benötigte Fachpersonal zu bekommen. Der Landkreis sei auch nur mittelbar zuständig. Der Rettungsdienst sei nach Angaben der Landkreisverwaltung nicht nur auf die Menschen ausgerichtet, die im Landkreis wohnen. Er sei vielmehr angepasst an die vielen Menschen, die auch als Touristen in die Region kommen. Die Rettungswachen in Konstanz, Radolfzell und Singen seien deshalb schon verstärkt worden. In den Ferienzeiten würden die Rettungsmittel tatsächlich stärker beansprucht. In der Regel reichten nach Einschätzung des Landratsamts die bereitgestellten Rettungsmittel und das Personal aus.

Kein Personal für Notarzt-Dienste

In Stockach allerdings habe es immer wieder Probleme gegeben, den Dienst des Notarztes zu besetzen. Der Krankenhausträger sei verpflichtet, Ärzte gegen einen Kostenausgleich zur Verfügung zu stellen. In Stockach habe dies aber an 34 Tagen des vergangenen Jahres nicht geklappt. Es seien dann Notärzte aus Radolfzell und Singen eingesprungen. Auch bei der Wasserrettung zeigen sich Mängel. Grundsätzlich könnten zwar im Alarmfall alle Stationen besetzt werden, heißt es im Bericht des Landkreises. In jedem Seeteil sei auch im Winter immer mindestens ein DLRG-Boot einsatzbereit. In Horn seien aber gar keine Rettungsboote stationiert. Wangen und Moos müssten in einem Notfall einspringen.

DLRG-Singen leistet Wachdienst

Die DLRG-Gruppe Singen leiste den Wachdienst im Uferbereich, sei aber aus personellen Gründen nicht in die Wasserrettung eingebunden. Weiter gebe es ein Problem mit in die Jahre gekommenen Booten. „Ausfallzeiten durch technische Defekte treten inzwischen immer öfter auf“, heißt es im Bericht des Landkreises. Die Ausstattung der Boote entspreche nicht mehr den heutigen Anforderungen. Wer aus dem Wasser gezogen wurde, müsse im Freien auf dem Boden des Boots oder dem Motorkasten liegend behandelt werden.

Konzeption für moderne Ausstattung

In Zusammenarbeit mit der DLRG habe der Landkreis dem Innenministerium des Landes eine Konzeption für die moderne Ausstattung vorgelegt. Es sei Zustimmung signalisiert worden. Gespräche dazu liefen noch. Vor allem am Hochrhein fehlten Rettungsboote und insgesamt modernen Hilfsmitteln wie Drohnen, um Menschen in Seenot aufzuspüren.

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