Für Olessia Rogachova war es klar: In ihrer Heimat geht es nicht mehr. Die junge Frau stammt aus Tchuguev, einer Stadt im Gebiet von Charkiw, Ukraine. Zunächst sei sie mit ihrer Tochter Zhenya zu ihrer Schwester geflohen, gemeinsam hätten sie ein Haus gefunden, in dem sie vorerst bleiben konnten.

Dann beschlossen sie und ihre Tochter, das Land zu verlassen. Jetzt sind sie in der Mettnauhalle in Radolfzell untergekommen, dort sitzt Olessia auf ihrem Bett in dem abgeteilten Raum, den sie mit einer weiteren Mutter mit Kind teilt.

Olessia Rogachova und ihre Tochter Zhenya sind in der Mettnauhalle in Radolfzell untergebracht. Vor zwei Monaten flohen sie aus Tchuguev ...
Olessia Rogachova und ihre Tochter Zhenya sind in der Mettnauhalle in Radolfzell untergebracht. Vor zwei Monaten flohen sie aus Tchuguev in der Nähe von Charkiw. | Bild: Jarausch, Gerald

Seit zwei Monaten leben sie hier – und wissen vorerst nicht weiter. Immerhin: einen Bekannten in Stockach haben sie, der schon etwas früher geflohen ist und in der dortigen Gemeinschaftsunterkunft lebt.

Es fehlt momentan an allem!

Auch für das Landratsamt ist guter Rat teuer in diesen Tagen. Es fehlt momentan an allem: an Wohnraum, um die zunehmende Zahl Geflüchteter unterzubringen. Aber auch an Betreuung, Dolmetschern, Handwerkern und Ärzten.

Aktuell leben 1596 Flüchtlinge in den 18 Gemeinschaftsunterkünften im Kreis, wie Monika Brumm, Leiterin des Amts für Migration und Flüchtlinge, berichtet. Damit sind 97 Prozent der vorhandenen Kapazität ausgelastet. „In dieser Woche werden wir die Halle der Wessenbergschule in Konstanz belegen“, sagt sie.

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Der Ausbau weiterer Unterkünfte gehe zwar voran, doch längst nicht schnell genug. In Engen wird derzeit der ehemalige Gasthof Sonne umgebaut, den die Gemeinde zur Verfügung gestellt hat. Auch die alte Stadthalle kann dort als Unterkunft genutzt werden. Gottmadingen hat die alte Schule angeboten, in der 200 Personen unterkommen können. Dort müssen allerdings die Sanitärräume ausgebaut werden.

In Radolfzell werden 98 Plätze in der Kasernenstraße geschaffen, weitere 100 können in der früher bereits genutzten Halle in der Herrenlandstraße eingerichtet werden. „Auch in die Sporthalle des Berufsschulzenrums werden wir hineingehen müssen“, sagt Brumm.

Sporthallen auch in Singen und Stockach

Die Uhlandhalle in Singen, die dem Landkreis gehört, werde belegt werden. In Stockach werde neben der Unterkunft in der Oberstadt nun auch die Sporthalle des BSZ belegt – damit wären alle Turnhallen in Kreisbesitz zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert. „Wir brauchen aber einen größeren Wurf“, sagt Monika Brumm.

Die Hallen können jeweils eine relativ geringe Kapazität an Menschen aufnehmen. In einer Leichtbauhalle könnten bis zu 400 Personen Platz finden. Um eine solche aufbauen zu können, ist das Landratsamt auf der Suche nach Grundstücken in einer Größe von 2000 Quadratmetern oder mehr. Privatpersonen oder Firmen, die ein solches Grundstück bieten könnten, würden gebeten, sich zu melden.

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Noch etwas ist entscheidend für den Auf-, Aus- und Umbau: Handwerker und Baufirmen, die bereit sind, Aufträge anzunehmen Diese sind derzeit Mangelware, da die meisten Handwerker vollständig ausgelastet sind. Auch an sie geht der Appell des Landratsamts, sich zu melden. Darüber hinaus sucht das Landratsamt Allgemein- und Fachärzte, um die Flüchtlinge ausreichend medizinisch zu versorgen.

Für die Flüchtlinge wird allmählich spürbar, dass die Versorgung mit Wohnrungen und Hilfsdiensten, die zu Beginn des Krieges noch gut gelang, stockender vorankommt. „Wir sind hier schon seit zwei Monaten und haben noch keine Wohnung“, klagt Nataliia Voit, die mit ihrem Mann, ihrer jugendlichen Tochter und dem einjährigen Elvin in der Unterkunft lebt.

Sehnlicher Wunsch nach einer Wohnung und besseren Bedingungen für ein Leben mit Kleinkind: Nataliia Voit (Zweite von rechts) mit Sohn ...
Sehnlicher Wunsch nach einer Wohnung und besseren Bedingungen für ein Leben mit Kleinkind: Nataliia Voit (Zweite von rechts) mit Sohn Elvin, links von ihr Tochter Kira Voit und rechts ihr Mann Elgiz Abbasov. Ganz links Security-Mitarbeiter Amen Abdorahman. | Bild: Jarausch, Gerald

Das Jobcenter habe ihre Unterlagen verloren – und nun bekämen sie von allen Seiten zu hören, sie müssten weiter warten. „Mit so einem kleinen Kind ist es aber sehr schwierig in einer Notunterkunft“, sagt Voit, „die Sozialarbeiter unterstützen uns nicht ausreichend.“

Männer möchten endlich arbeiten gehen

Sie ist nicht die einzige unter den Ukrainern, die das Warten leid ist. Die wenigen Männer, die es über die Grenze geschafft haben und die sich in der Halle einen Raum teilen, drängen darauf, arbeiten zu können. „Wir sind dankbar, dass man uns aufnimmt“, sagt Vitalij Solonenko, „aber wir wollen unsere Angelegenheiten nun regeln: Wir brauchen Dolmetscher, um Anträge einzureichen und eine Arbeitserlaubnis zu bekommen.“

Er möchte gern arbeiten: Vitalij Solonenko (links). Auch Oleksandr Meresnichenko, Andrej Rubanov und Oleksandr Makovetskyj möchten die ...
Er möchte gern arbeiten: Vitalij Solonenko (links). Auch Oleksandr Meresnichenko, Andrej Rubanov und Oleksandr Makovetskyj möchten die Notunterkunft schnell hinter sich lassen. | Bild: Jarausch, Gerald

Vor der Halle hat sich eine ganze Traube an Menschen gebildet, die vor allem eines benötigt: Informationen. Die Listen an Fragen sind lang: Wann bekommen wir eine Wohnung? Wie kann ich einen Frauenarzt finden, möchte eine Schwangere wissen. Warum nimmt der Tafelladen keine Neukunden mehr auf und wird sich das ändern? Wie soll die Notunterkunft im Winter beheizt werden?

Auf letztere Frage zumindest hat Monika Brumm Antwort: Die Beheizung der Sporthalle ist ohne Probleme möglich – und die geplante Leichtbauhalle werde mit Öl, nicht mit Gas beheizt. Bei vielen anderen Fragen aber kann auch sie nicht helfen – eben deshalb sei es nun so wünschenswert und wichtig, dass die Bevölkerung des Kreises sich solidarisch zeige und dass helfe, wer kann.

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