Wie haben die Menschen vor mehreren tausend Jahren im Hegau gelebt? Immer wieder helfen Ausgrabungen dabei, Schlüsse zu ziehen – etwa im Hilzinger Teilort Weiterdingen. Dort sind Archäologen auf prähistorische Siedlungsreste gestoßen.

Historische Funde aus der Bronzezeit

Sie stammen laut Landratsamt Konstanz etwa aus der Zeit vor 3500 bis 2800 Jahren – aus der sogenannten Bronzezeit. An rund 50 Stellen wurden Überreste aus dieser geschichtlichen Epoche ausgegraben.

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Grund für die Ausgrabungen war, dass in Weiterdingen das Baugebiet Schwärzengarten II erschlossen werden soll. Vor Beginn der Bauarbeiten gingen die Archäologen geschichtlichen Spuren auf den Grund. Meist wurden auf der rund 3400 Quadratmeter großen Grabungsfläche Verfärbungen ehemaliger Fundamentgruben gefunden. Darin standen vor Tausenden von Jahren Häuser mit Flechtwerkwänden.

Auch Tierknochen wurden dort bereits 2011 gefunden. Unter den Ausgrabungen ist aber auch ein Bronzering. Etwas, das selbst ein erfahrener Archäologe nicht täglich aus der Erde zieht. Er ist etwa 3500 vor Christus entstanden. Der Ring lässt vermuten, dass die damaligen Siedler zumindest nicht arm waren. Denn Metallgegenstände konnte sich damals nicht jeder leisten. Das sagt Kreisarchäologe Jürgen Hald.

Ein bronzezeitlicher Bandfingerring mit Verzierungen, der bei den Ausgrabungen in Weiterdingen zum Vorschein kam. Er wurde um 1500 vor Christus gefertigt und getragen.
Ein bronzezeitlicher Bandfingerring mit Verzierungen, der bei den Ausgrabungen in Weiterdingen zum Vorschein kam. Er wurde um 1500 vor Christus gefertigt und getragen. | Bild: Landkreis Konstanz

Dass Reste einer Jahrtausende alten Siedlung heute noch gefunden werden, ist keine Selbstverständlichkeit, weiß der Kreisarchäologe. Den Sedimentschichten, unter denen die Funde über Jahre begraben waren, ist es zu verdanken, dass es die Überreste heute noch gibt.

Die Schichten sorgten dafür, dass die Witterung nicht für einen Verfall sorgen konnte. In vielen Fällen sei das anders. „Oft werden die Spuren beispielsweise durch die Landwirtschaft verwischt“, so Hald.

Jahrhundertelange Lücken zwischen Funden

Er geht davon aus, dass auch in Weiterdingen viele Spuren aus der Vergangenheit verloren gegangen sind. Denn zwischen Funden aus verschiedenen Epochen liegen Lücken von mehreren hundert Jahren. Was in dieser Zeit im Hegau passiert ist, kann man ohne Funde nicht rekonstruieren.

Trotzdem zeigen die jetzigen Ausgrabungen: Weiterdingen war deutlich früher besiedelt, als es die erstmalige schriftliche Erwähnung des Dorfes bisher vermuten ließ. Diese ist auf das Frühmittelalter, 779 nach Christus, datiert. Dabei handelt es sich um die alemannische Gründung des Dorfes, das damals als Witardinga villa genannt wurde, so Hald. Also mehrere tausend Jahre später, als die Funde zeigen.

Familienclans lebten im Hegau

Und die gefundenen Überreste erzählen eine Geschichte. Jürgen Hald rekonstruiert das damalige Leben: „Man kann davon ausgehen, dass es sich bei dieser Siedlung um Bauern handelte. Man kann es sich so vorstellen, dass drei bis fünf Bauerngehöfte eine Siedlung bildeten, meist waren es wohl Familienclans. Sie versorgten sich selbst. Es gibt aber auch Anzeichen für erste Arbeitsteilung.“

Hald vermutet beispielsweise, dass im Hegau ein wandernder Handwerker unterwegs war. Was heute nach einer kleinen Siedlung klingt, war damals schon groß. Ein Verbund von zehn Höfen sei schon sehr groß gewesen, sagt Hald zum Vergleich.

Es ergibt sich ein Bild

Die Fundstellen in Weiterdingen sind aber nicht die ersten Ausgrabungen aus dem Hegau. Sie reihen sich in eine Menge weiterer Funde ein, beispielsweise in Ehingen, Orsingen, Duchtlingen, Mühlhausen oder Hilzingen.

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All diese Funde zusammengenommen bringen eine weitere Erkenntnis: „Die Ausgrabungen lassen auf eine relativ dichte Besiedlung im Hegau in der Bronzezeit schließen. Es war schon einiges los“, so Hald. So dicht wie heute sei das Gebiet natürlich nicht bewohnt gewesen, aber dennoch deutlich dichter, als ursprünglich angenommen.

Manches bleibt ein Geheimnis

Wo die Menschen, die damals in Weiterdingen lebten, begraben sind, konnten das Archäologenteam noch nicht herausfinden. Rund um die Siedlung seien keine Grabhügel gefunden worden. Ob die Menschen, die vor rund 3000 Jahren im Hegau lebten, weitergezogen oder letztlich dort gestorben sind, das wird wohl ein Geheimnis bleiben.

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Jürgen Hald gräbt bereits seit er 18 Jahre alt ist nach historischen Überresten aus der Vergangenheit. Wenn er heute tausende Jahre alte Gegenstände aus der Erde gräbt, löse das inzwischen keine Gänsehaut mehr bei ihm aus. „Inzwischen ist das zur Routine geworden“, sagt der heute 55-Jährige. Wichtig ist seine Arbeit trotzdem. Denn nur so bleiben Zeugnisse unserer regionalen Geschichte erhalten.

In Weiterdingen sind die Grabungen vorerst beendet. Kurz bevor die Arbeiten an den einzelnen Bauplätzen beginnen, soll es vielleicht noch einmal Grabungen geben. „Die Eigentümer müssen sich aber keine Sorgen machen“, sagt Hald. Dann sollen es nämlich nur noch kleinere Grabungen sein. Mit großen Funden wird nicht mehr gerechnet.