Abdullah Sipahi weiß, was er in den kommenden Wochen zu tun hat. Der 50-jährige Türke wird als Gesundheitspate für das Landratsamt unterwegs sein und seinen Landsleuten, also türkischsprachigen Asylbewerbern, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, über die Impfung gegen Covid-19 aufklären. So gut es eben geht, denn ein Fachmann sei er nicht, sagt er in aller Bescheidenheit.

Abdullah Sipahi hat sofort zugesagt

„Als Pate soll ich dolmetschen und die Motivation erhöhen“, erläutert Sipahi seine Funktion. Er sei von einer Sozialarbeiterin des Landratsamts angesprochen worden, ob er helfen könne. Abdullah Sipahi hat gerne zugesagt. Er lebt seit etwa einem Jahr in der Asylunterkunft an der Steinstraße in Konstanz und spricht fließend Deutsch, weil er seine Jugend in Deutschland verbrachte.

Rita Yuyu in Allensbach: Die Asylbewerberin hat zwar Vorbehalte, will sich aber dennoch impfen lassen, sagt sie.
Rita Yuyu in Allensbach: Die Asylbewerberin hat zwar Vorbehalte, will sich aber dennoch impfen lassen, sagt sie. | Bild: Oliver Hanser

Der Plan des Landratsamts kommt spät, ist aber inzwischen klar: Die Bewohner der Flüchtlingsunterkünfte im Kreis sollen geimpft werden. Es nütze aber nichts, einfach ein mobiles Impfteam zu bestellen, erläutert Monika Brumm, Leiterin des Amts für Migration und Integration. Viele Flüchtlinge sind skeptisch gegenüber einer Impfung, wollen erst einmal abwarten. Wenn niemand geimpft werden will, kommt auch kein Impfteam.

Paten sprechen dieselbe Sprache

Nun will Monika Brumm die Motivation der Bewohner der Gemeinschaftsunterkünfte, sich impfen zu lassen, erhöhen. 35 Gesundheitspaten wie Abdullah Sipahi, werden in diesen Wochen im Einsatz sein, um mit Asylbewerbern zu sprechen, deren Sprache sie teilen. Sie haben über Zoom eine Schulung durch das Landratsamt bekommen zu den wichtigsten Fakten über die Impfung. „Es ist eine Aufklärungskampagne, mit der wir Vorbehalte abbauen wollen“, sagt Monika Brumm. Nach den Gesprächen sollen Mitte Juni dann die Impfungen stattfinden, ein mobiles Impfteam könne an einem Tag vermutlich eine oder zwei kleinere Einrichtungen versorgen.

Monika Brumm, Leiterin des Amts für Migration und Integration: „Es ist eine Aufklärungskampagne, mit der wir Vorbehalte abbauen wollen.“
Monika Brumm, Leiterin des Amts für Migration und Integration: „Es ist eine Aufklärungskampagne, mit der wir Vorbehalte abbauen wollen.“ | Bild: Steinert, Kerstin

Sipahi kann die Befürchtungen des Landratsamts bestätigen. Auch seine Landsleute seien skeptisch. „Viele sagen, ich warte erstmal ab, die anderen sollen erstmal geimpft werden“, sagt er. In den sozialen Medien, die fast alle nutzten, kursierten zahlreiche Gerüchte. Er selbst habe keine übertriebene Angst vor Corona, aber eben auch nicht vor einer Impfung. Deshalb helfe er gern bei dem Projekt. Er halte sich an die Regeln, um sich zu schützen. Das sei auf engem Raum mit einer Dusche und einer Toilette aber nur begrenzt möglich.

Rita Yuyu, Asylbewerberin aus Nigeria, hat ihre Vorbehalte gegen die Impfung, wenn auch keine großen. „Ich will mich gern impfen lassen, weiß aber nicht, ob es Nebenwirkungen gibt“, sagt sie. Sie habe ein bisschen Angst, auf der anderen Seite wäre sie froh, wenn die Pandemie zu Ende wäre. Yuyu wohnt in Allensbach und besucht eine berufsvorbereitende Klasse in Singen. Ihre siebenjährige Tochter war lange in der Notbetreuung – wirklich viel Zeit hat die junge Frau also nicht, sich um die Details einer Impfung zu kümmern.

Bealal Ghalem hat es mit einer Impfung nicht eilig

„Ich bin nicht dagegen, es ist sicher besser, als Corona zu bekommen“, sagt Bealal Ghalem aus dem Irak. Er glaubt aber auch, dass es nicht eile. Viel Information habe er nicht über die Impfung, „und es gibt sicher Menschen, die es dringender brauchen.“ An diesen bestehenden Befürchtungen setzt das Projekt des Landratsamts an. „Das Modell des Gesundheitspaten gibt es beim Verein Vivo – von ihm haben wir es übernommen“, sagt Monika Brumm. Vivo wurde von Mitgliedern der Uni Konstanz gegründet und unterstützt Flüchtlinge bei der psychotherapeutischen Überwindung ihrer Traumata.

Das sieht auch Abdullah Sipahi so. In den vergangenen Tagen habe er informell mit einer Familie in der Steinstraße gesprochen und mit einem Bekannten. In beiden Fällen waren seine Gesprächspartner skeptisch, nach dem Gespräch hatten sie nichts mehr gegen eine Impfung. „Vielleicht hilft es, dass sie mir vertrauen, weil ich auch türkisch spreche“, sagt er.

Wie wichtig sind Impfungen in Flüchtlingsunterkünften überhaupt? Aus der Sicht Monika Brumms ist es höchste Zeit dafür. „Es betrifft etwa 365 Personen im Landkreis“, sagt sie. „In den Unterkünften gibt es immer noch ein Betretungsverbot.“ Sie wünscht sich, dass die Bewohner wieder Besuch empfangen könnten und „wieder ein Leben haben“. Auch, dass im Fall von Infektionen einzelne Personen oder Familien isoliert werden müssten und vorübergehend an andere Orte gebracht würden, sei sehr belastend für die Betroffenen.