Das Land Baden-Württemberg hat ein hochgestecktes Ziel: Bis 2030 soll die Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) verdoppelt werden. Ein löbliches Ziel, aber ist es zu erreichen? Denn laut einer aktuellen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ziehen nur 19,8 der Befragten Zug oder Bus als alternatives Verkehrsmittel zum Auto in Betracht. Für eine deutliche Mehrheit (68,1 Prozent) ist das Auto auch in naher Zukunft das Transportmittel Nummer eins. Wie soll die Verkehrswende bis 2030 gelingen? Ein Blick in den Kreis Konstanz zeigt: Möglich ist es. Der SÜDKURIER beleuchtet einige öffentliche Verkehrsmittel im Kreis und zeigt, wo Potenzial ist.

Beim Seehas steigen die Fahrgastzahlen

Die Fahrgastzahlen des Seehas steigen jedes Jahr kontinuierlich an – nur in diesem Jahr nicht, wegen Corona. „Aufgrund der Covid-19-Pandemie sind die Fahrgastzahlen, wie überall im ÖPNV, teils massiv eingebrochen. Während des ersten Lockdowns wurde auch das Fahrplanangebot in Baden-Württemberg ausgedünnt. Daher erreichen wir dieses Jahr die Schwelle von 15.000 Reisenden leider nicht“, sagt Daniel König, Pressesprecher der SBB, Betreiberin des Seehas. Ohne Corona hätte man wohl dieses Jahr die täglichen 15.000 Fahrgäste pro Streckenkilometer überschritten. Und das ist wichtig. Denn: Ab 15.000 Fahrgästen pro Streckenkilometer rutscht der Seehas in die nächst höhere Nachfrageklasse des Landesverkehrsministeriums, von Klasse III zu IV – der höchsten. Dann könnte der Seehas im Viertelstundentakt verkehren.

Wunsch nach dem Viertelstundentakt

„Ja, ein Viertelstundentakt muss kommen“, findet auch Rolf Wiehler von der Lokalen Agenda Allensbach Verkehr und Mobilität. „Will man Klimaschutzziele und die Verkehrswende ernst nehmen, muss die Attraktivität des ÖPNV gesteigert werden“, sagt Wiehler.

Radmitnahme ab Januar kostenlos

Ein Baustein zu Fahrgastgewinnung wird im Januar umgesetzt: Reisende dürfen ihre Fahrräder kostenlos in Nahverkehrszügen (außerhalb der Hauptverkehrszeiten) mit sich führen. Das wird aber zur Folge haben, dass es in der Schwarzwaldbahn und im Seehas enger wird. Eine Lösung könnte eben der Viertelstundentakt des Seehas sein, findet FDP-Kreisrat Gregor Geiger. Deshalb er hat im Kreistag angeregt, dass beim Land der Vorschlag mit Nachdruck ans Herz gelegt wird. In Kürze werde es dazu ein Gespräch zwischen dem Verkehrsministerium und dem Landratsamt geben.

Baumaßnahmen viel zu lang hinausgezögert

Überhaupt hätte die DB Netze, die für den Mutterkonzern DB AG das Schienennetz baulich pflegen soll, sich viel zu lange Zeit gelassen, Baumaßnahmen anzupacken. Ein Beispiel sieht Wiehler in den frisch sanierten fünf Bahnübergängen zwischen Radolfzell und Allensbach. „Diese Erneuerung war überfällig, denn die dort eingesetzte Technik aus den 1970er-Jahren stellte durch ihre Störanfälligkeit seit vielen Jahren Fahrgäste wie den Seehas-Betreiber auf eine harte Probe“, so Wiehler. Zwei Mal kam es 2020 zu Totalsperrungen der Strecke, zuletzt sechs Wochen im Oktober und November. Diese lange Dauer sei unnötig gewesen, findet der Aktivist.

Sechs Wochen war die Strecke Allensbach/Radolfzell für den Schienenverkehr gesperrt. Fünf Bahnübergänge wurden auf dem Abschnitt erneuert. Die Erneuerung war auf der Lokalen Agenda Allensbach Verkehr und Mobilität längst überfällig.
Sechs Wochen war die Strecke Allensbach/Radolfzell für den Schienenverkehr gesperrt. Fünf Bahnübergänge wurden auf dem Abschnitt erneuert. Die Erneuerung war auf der Lokalen Agenda Allensbach Verkehr und Mobilität längst überfällig. | Bild: Steinert, Kerstin

Spangenzug auf der Hochrheinstrecke

Was sicher zur Freude der Bahnkunden beitragen und das Fahrgastvolumen steigern könnte, ist der geplante Spangenzug (ein Zug, der durch zwei Triebwägen zwei Endbahnhöfe ansteuern kann). Dieser wird wahrscheinlich ab 2024/25 von St. Gallen bis Singen und – nach erfolgter Elektrifizierung der Hochrheinbahn – bis Basel durchgängig fahren. Damit könnten die Verbindungen zur Hochrheinstrecke verbessert werden, die ein Sorgenkind im Schienenverkehr darstellen. „Ein ums andere Mal taumelt der von der DB Regio betriebene Verkehr zwischen Schaffhausen und Singen ins Chaos“, sagt Wiehler. Streikende Technik oder eine zu dünne Personaldecke – das seien die Gründe, warum die Züge zwischen Singen und Schaffhausen sich verspäteten oder ganz ausfielen. Damit das nicht mehr so häufig vorkommt, hat die DB Regio vergangene Woche ein zusätzliches Fahrzeug in den Einsatz genommen.

Eine Chance für die Ablachtalbahn

Gute Nachrichten gibt es für den Raum Stockach und das Hinterland. Die stillgelegte Ablachtalbahn könnte für den Nahverkehr reaktiviert werden. „Di vom Verkehrsministerium im Rahmen eines landesweiten Reaktivierungsprogramms vorgelegte Studie weist ein Fahrgastpotential für die Strecke von Stockach nach Mengen von 830 Fahrgästen täglich aus“, sagt Geiger. Aufgrund dieser Prognosen wurde die Ablachtalbahn in die mittlere Gruppe von dreien einsortiert. Also eine relevante Strecke, um den Ziel Klimaziel für 2030 näher zu kommen. „Mit einer Reaktivierung könnte der Landkreis und der Bodenseeraum direkt mit dem Donautal verbunden werden. Dies wäre für den ländlichen Raum wie auch wie auch für die Tourismusdestinationen von Vorteil“, erläutert Geiger. Aber hier sei in erster Linie das Land gefordert, nicht der Landkreis.

Meßkirchs Bürgermeister Arne Zwick will die Strecke der Ablachtalbahn zwischen Stockach und Mengen perspektivisch wieder für den Personennahverkehr nutzbar machen. Unser Bild zeigt den Bahnübergang dieser Bahnstrecke im Meßkircher Ortsteil Menningen. Bild: Manfred Dieterle-Jöchle
Meßkirchs Bürgermeister Arne Zwick will die Strecke der Ablachtalbahn zwischen Stockach und Mengen perspektivisch wieder für den Personennahverkehr nutzbar machen. Unser Bild zeigt den Bahnübergang dieser Bahnstrecke im Meßkircher Ortsteil Menningen. Bild: Manfred Dieterle-Jöchle | Bild: Dieterle-Jöchle, Manfred

Bund und Land wollen finanziell unterstützen

Dessen ist sich auch das Verkehrsministerium bewusst. In einer Pressemitteilung heißt es: „Viele Strecken tragen auch zur Stärkung einer Region und der Wirtschaft gerade in ländlich geprägten Räumen bei. Die Reaktivierungsoffensive ist ein wichtiger Beitrag zur Verkehrswende und zum Klimaschutz.“ Daher unterstützt das Land bei der Finanzierung von Machbarkeitsstudien. Teilweise können später 96 Prozent der Baukosten vom Bund übernommen werden. Die Zeichen, die von Land und Bund kommen, sind gut. Aber es gibt noch viel zu tun, um die 68,1 Prozent der Teilnehmer der Allensbacher Umfrage zu überzeugen, das Auto stehen zu lassen und auf den Zug umzusteigen.