Die Narrenverbände im Südwesten suchen Schutz unter dem Mantel der UNESCO. Immer mehr Bestimmungen, Auflagen und Forderungen von Behörden und Institutionen erschweren die Brauchtumspflege in den Narrenzünften.

Für einen gemeinsamen Antrag an die deutsche UNESCO-Kommission wollen sie sich mit Vertretern des rheinischen Karnevals zusammenschließen. Die Narrenzünfte selbst haben zudem mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. Zwei Narrentage für das kommende Jahr in Steißlingen und Emmendingen wurden bereits jetzt wegen planerischer Unsicherheiten abgesagt.

Pandemie hat viel kaputt gemacht

Im Gaienhofener Ortsteil Horn tagte die Arbeitsgemeinschaft (AGSWN) der Südwestdeutschen Narrenvereinigungen und –verbände (ARGE) mit ihren 14 Präsidenten und Delegierten. Roland Wehrle vom Sprecherrat der AGSWN erlebt einen großen Riss durch die Vereine aufgrund der Pandemie.

Im Johannishaus des katholischen Pfarrgemeindehaus in Gaienhofen Horn tagten in einer Arbeitsgemeinschaft die Präsidenten von 14 ...
Im Johannishaus des katholischen Pfarrgemeindehaus in Gaienhofen Horn tagten in einer Arbeitsgemeinschaft die Präsidenten von 14 Narrenvereinigungen und –verbänden aus Südwestdeutschland. Sie repräsentieren rund 700 Narrenzünfte. Bild: Georg Lange

Sie habe im ersten Jahr nicht nur die Fasnacht, sondern auch das gesellschaftliche Leben stillgelegt, sagte Wehrle: In langen Gesprächen mit dem Land Baden-Württemberg hatte der Rat Wege gesucht, um eine Fasnacht 2022 zumindest in einer abgespeckten Form auszurichten.

Sorge vor künftigem Infektionsgeschehen

Möglich wurde dies unter anderem durch die Auszeichnung der schwäbisch-alemannischen Fasnacht als nationales Kulturgut mit dem Recht, dieses pflegen zu dürfen, so Wehrle. Die Arbeitsgemeinschaft hatte eine eigene Impfkampagne unter dem Motto: „Rettet unsere Fasnacht, lasst euch impfen“ initiiert.

Die gescheiterte Gesetzesvorlage im Bundestag für eine Impfpflicht bereitet dem Sprecherrat Sorge. „Das macht die Situation viel schlimmer und trägt nicht zu einer Planungssicherheit unserer Zünfte bei“, so Sprecher Rainer Hespeler mit Blick auf das ab Herbst prognostizierte Infektionsgeschehen.

Planungen sind aus vielerlei Hinsicht schwierig

Drei Problemkreise identifizierte Rainer Hespeler vom AGSWN-Sprecherrat. Die Pandemie habe zu einer Lethargie nicht nur in Narrenzünften, sondern auch in den Kooperationsvereinen geführt. Um die Narrentage mit bis zu 20.000 Besuchern organisieren zu können, brauche man die Unterstützung anderer Vereine vor Ort, so Rainer Hespeler.

Weiterhin schrecken die Zünfte vor Einschränkungen bei den Narrentagen durch 2G oder 3G-Regeln zurück. Mit solchen Regelungen und den damit verbundenen Kontrollen seien keine Treffen mit bis zu 20.000 Besuchern durchzuführen.

Das könnte Sie auch interessieren

Drittens hätten Zünfte in Vorleistungen zu gehen. „Wir reden hier von fünfstelligen Beträgen. Und das eher im mittleren Bereich“, so Hespeler. Die planerischen Unsicherheiten führen zu einem Wirtschaftlichkeitsrisiko für die Narrenzünfte.

Arbeitsgemeinschaft will motivieren

Die fehlende Motivation ist kein exklusives Problem der Zünfte. Viele Musik- und Sportvereine hätten die gleichen Schwierigkeiten, Mitglieder aus der Lethargie herauszuholen, erklärt Roland Wehrle.

Die Sprecherrat der Südwestdeutschen Narrenvereinigungen und –verbände stellten die Ergebnisse des Arbeitstagung vor (v.l.): Kurt ...
Die Sprecherrat der Südwestdeutschen Narrenvereinigungen und –verbände stellten die Ergebnisse des Arbeitstagung vor (v.l.): Kurt Szofer (Narrenfreundschaftsring Schwarzwald Baar Heuberg), Reinhard Siege (Vereinigung Freie Oberschwäbische Narrenzünfte), Rainer Hespeler (Narrenvereinigung Hegau-Bodensee), Roland Wehrle (Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte) sowie im Bild abwesend Narrenmeister Klaus-Peter Klein (Verband Oberrheinischer Narrenzünfte). Bild: Georg Lange

Die Arbeitsgemeinschaft möchte Anschub für die Motivation geben und bürokratische Hindernisse im Ehrenamt reduzieren, beispielsweise mit vereinfachten Genehmigungsverfahren, die für Jahre gültig sein könnten. Hierfür möchte die Vereinigung das Gespräch mit dem Normen-Kontrollrat suchen.

Für mehr Anerkennung der Brauchtumpflege

Im Blick hat die Vereinigung auch den Eintrag in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Es gehe um den Aspekt der Förderung und um eine Berechtigung, die Interessen der Zünfte besser durchzusetzen. Hierfür möchte die AGSWN gemeinsam mit den Vertretern des rheinischen Karnevals nach Paris gehen.

Der Zusammenschluss ist auch historisch begründbar. Trotz der unterschiedlichen Brauchtümer haben Fasnacht, Fasching und Karneval dieselben Wurzeln. Der Eintrag in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes fördere die Anerkennung für die Pflege der Bräuche, die seit mehreren Jahrhunderten geleistet werde, so Rainer Hespeler.