Landrat Zeno Danner fasst es im Sozialausschuss in knappe Zahlen zusammen: Etwa 40.000 Personen, die als Angestellte bei der Bundeswehr oder anderen Organisationen gearbeitet hätten, würden auf Deutschland verteilt. Das bedeutet, dass im Landkreis etwa 160 afghanische Ortskräfte aufgenommen werden.

Andere Regeln für afghanische Ortskräfte

Für die neu ankommenden Flüchtlinge, deren Leben durch die Machtübernahme der Taliban unmittelbar bedroht ist, gelten etwas andere Regeln als für andere Flüchtlinge. Sie sollen, sobald sie in dem ihnen zugeteilten Landkreis angekommen sind, höchstens sechs Monate lang in einer Gemeinschaftsunterkunft (GU) bleiben, erläutert Danner. Der Aufenthalt in einer GU diene eher der Gesundheitsvorsorge und der Quarantäne. Die afghanischen Ortskräfte seien aber sofort auszugsberechtigt und dürften sich im Landkreis eine Wohnung suchen.

Dicht gedrängt sitzen Menschen, die aus Kabul ausgeflogen worden sind, auf dem Boden eines Airbus A400 M der Bundeswehr. Viele von ihnen sind Ortskräfte der Bundeswehr oder anderer deutscher Organisationen und ihre Familien. Bild: dpa
Dicht gedrängt sitzen Menschen, die aus Kabul ausgeflogen worden sind, auf dem Boden eines Airbus A400 M der Bundeswehr. Viele von ihnen sind Ortskräfte der Bundeswehr oder anderer deutscher Organisationen und ihre Familien. Bild: dpa | Bild: Marc Tessensohn

„Das sind Menschen, die für Deutschland gearbeitet haben“, sagt Danner, „wir sollten uns solidarisch zeigen.“ Viele von ihnen hätten gute Deutschkenntnisse und seien voraussichtlich rasch integrierbar. Für die nächste Zukunft sei allerdings mit weiterem Zuzug von Flüchtlingen aus dem Taliban-regierten Afghanistan zu rechnen.

Verwandte stehen unter Druck

Wie erleben Afghanen, die schon länger im Kreis Konstanz leben, die aktuelle Lage in ihrer Heimat? Hasan Forutan lebt mit seiner Frau Nasima Ebrahimi und seinen Kindern seit sechs Jahren in Konstanz. Zu seinen Schwestern, die noch in Afghanistan, in Gazni, leben, hält er täglich Kontakt. „Sie sind sehr unter Druck“, sagt er. „Im Moment sind sie bereit, alles, was sie haben, zu verkaufen und Afghanistan zu verlassen.“ Söhne und Töchter seiner Schwestern studierten an der Universität – doch auch der universitäre Betrieb sei teilweise zum Erliegen gekommen.

Als Lehrer und Hazara von Taliban bedroht

Hasan Forutan selbst hat das Land vor Jahren verlassen, weil er Lehrer war und der Minderheit der Hazara angehört, wie er sagt. Als solcher sei er von den Taliban nicht wohl gelitten. Zunächst brachte er seine Frau und die Kinder in den Iran und in Sicherheit. Als er dann nochmal ins Land zurückkehrte, sei er von den Taliban gefoltert worden, mehrere Rippen seien ihm gebrochen worden.

Azim Mohammadi flüchtete vor fünf Jahren

Auch Azim Mohammadi, 32 Jahre, lebt seit fünf Jahren in Konstanz und gehört der ethnischen Gruppe der Hazara an. Schon durch seine Familiengeschichte gehört er zu jenen Personen, die von den Taliban mit großem Misstrauen bedacht werden. Sein Vater sei viele Jahre lang Diplomat gewesen, noch unter der Besatzungszeit durch die Truppen der Sowjetunion. „Mein Onkel ist von den Taliban getötet worden“, berichtet er.

Keine Zukunft in Afghanistan

Er selbst habe für sich keine Zukunft unter dem zunehmenden Einfluss der Taliban gesehen und habe das Land verlassen. Seine Frau ist ihm inzwischen nachgefolgt und habe die letzte Chartermaschine, die Afghanistan verließ nehmen können. Momentan halte sie sich in der Türkei auf und müsse noch Formalitäten erledigen, um nach Deutschland zu kommen.

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Von der Region, aus der er stammt, berichtet Azim Mohammadi von erschreckenden Verhältnissen: In den vergangenen Wochen hätten die Taliban den Hazara bei Dajkundi Land, das diese bewirtschaften, weggenommen und es zwischen Angehörigen anderer Ethnien, aufgeteilt. „Viele mussten ihre Häuser verlassen, zum Teil unter der Drohung dass, wenn sie nicht gehen, ihre Dörfer in Brand gesteckt werden“, berichtet Mohammadi. Die Vorgehensweise komme einer ethnischen Säuberung gleich. Das Wissen über diese Ereignisse stammt laut Mohammadi von im Exil lebenden Hazara, die von den lokalen Bewohnern digital mit Informationen versorgt werden.

Wie geht es den Ortskräften, die der Bundeswehr oder den amerikanischen Streitkräften halfen und die es nicht mehr schafften, mit der Luftbrücke außer Landes zu fliehen? Das wisse keiner so genau, sagt Mohammadi. „Für viele dürfte es schlimm sein“, vermutet er. „Am sozialen Leben können sie nur sehr eingeschränkt teilhaben.“ Die internationalen Streitkräfte hätten es nicht vollständig geschafft, alle Daten zu vernichten, als sie das Land verließen. Somit seien den Taliban viele Identitäten der Ortskräfte bekannt. Einige von ihnen seien aus ihren Häusern geholt worden – was mit ihnen passierte, sei unklar. „Viele leben jetzt in Angst, trauen sich nicht aus dem Haus und sind schlicht in Gefahr.“ Großes Glück hätten jene, die es geschafft hätten, Afghanistan zu verlassen und in Deutschland in Sicherheit seien.