Darf man Schraubdeckel in den Glascontainer werfen? Warum sind biologisch abbaubare Kunststofftüten problematisch und in welchen Container gehört die blaue Glasflasche? Solche und viele weitere Fragen beantwortet die Mülli-App (Anwendung für Handy oder Computer), die Schüler des Landkreises Konstanz gemeinsam mit Auszubildenden des Radolfzeller IT-Unternehmens Sybit entwickelt haben.

Praktische Funktionen

Mülli hat aber vor allem praktische Funktionen: In einer Suchmaske können unterschiedliche Abfälle eingetragen werden und die App spuckt aus, in welchen Müll der Gegenstand gehört und wo es die passenden Sammelstellen im Landkreis Konstanz gibt.

366 Materialien von A wie Abbeizmittel über F wie Fugenmasse bis Z wie Zitrusfrüchte sind in der Suchmaske hinterlegt. Wer beispielsweise einen Anrufbeantworter entsorgen will, erfährt durch die App, dass dieser auf den Wertstoffhof gehört. Beim Klick auf „Jetzt entsorgen“ gelangt der Nutzer auf eine Landkarte und sieht, wo sich der zu seinem aktuellen Standort nächst gelegene Wertstoffhof befindet. Dazu kommen weitere hilfreiche Anwendungen für Mülltrennungs-Willige. Wer zum Beispiel „Autopflegemittel“ in die Suchmaske tippt, wird auf das Problemstoffmobil des Landkreises verwiesen und kann auf „Nächste Termine“ klicken. Dort ist für die Gemeinden im Landkreis hinterlegt, wann das Problemstoffmobil vorbeikommt.

Die Landkarte hat noch Lücken

Die App komme gut bei den Nutzern an, sagt Stephan Strittmatter, der bei Sybit das Projekt betreut: „Dadurch, dass wir viele Synonyme mit in die Suche aufgenommen haben, findet man für (fast) alle Müllanfragen eine Antwort“, sagt er. Wer zum Beispiel „Baum“ in die Suche eintippt, erhält Entsorgungstipps für „Äste und Zweige“, „Baumstamm mit Wurzeln“, „mit Buchsbaumzünsler befallene Pflanzen“, „Christbaum“ und „Wurzelstock“.

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Allerdings sind die Geo-Daten in der App noch längst nicht vollständig. So sagt Stephan Strittmatter: „Bei Radolfzell, Konstanz und Rielasingen-Worblingen hatten wir das Glück, dass wir sehr schnell digitale Geokoordinaten erhalten haben.“ Deshalb seien für diese Gemeinden die Altglascontainer und Wertstoffhöfe vollständig eingetragen, für viele weitere ist die Landkarte noch leer. „Wir sind dabei, die Verantwortlichen in den Kommunen zu kontaktieren und hoffen auf Kooperation“, so Strittmatter. Für die Gemeinden entstünden keine Kosten.

App bezieht sich nur auf den Landkreis Konstanz

Die Entwicklung der Mülli-App begann bei einem Coding Camp bei Sybit. Bei diesem Camp erhalten zehn ausgewählte Jugendliche die Möglichkeit, in eine Software-Firma hineinzuschnuppern und an einem Projekt mitzuarbeiten. Angeleitet werden die Schüler von Auszubildenden (Fachinformatiker Anwendungsenwicklung). Einer von ihnen sagte bei der Ideensammlung: „Oft stehe ich vor den Mülleimern und frage mich: Wo gehört das nun rein?“

Auf einer Karte des Landkreises Konstanz kann man in der Mülli-App ranzoomen, wo man welche Art von Müll entsorgen kann.
Auf einer Karte des Landkreises Konstanz kann man in der Mülli-App ranzoomen, wo man welche Art von Müll entsorgen kann. | Bild: Kirsten Astor

Dazu Strittmatter: „Bei der Beschäftigung mit dieser Frage merkten wir, dass das oft nicht so klar ist, wie man meinen könnte – und dass die Müllentsorgung auch regional unterschiedlich geregelt sein kann.“ Deshalb sei die Vision, eine App für ganz Deutschland zu entwickeln, schnell aufgegeben und auf den Landkreis Konstanz beschränkt worden.

Coding Camp als Sprungbrett

Die jugendlichen Teilnehmer sollen nicht das perfekte Programmieren lernen, sondern Fähigkeiten über das Fachliche hinaus – zum Beispiel die Abstimmung im Team. Sybit bemüht sich nicht ganz uneigennützig um die nächste Generation, wie Strittmatter bestätigt. „Es wird immer schwieriger, gute Nachwuchskräfte zu finden“, sagt der Talentsucher (Talent Scout) des Unternehmens. Neben der Kooperation mit Schulen und Hochschulen sei das Coding Camp ein weiterer Baustein der Nachwuchssuche – genauso wie der Girls‘ Day, um die Frauenquote zu erhöhen.

Tatsächlich beginnen zwei Teilnehmer des jüngsten Camps im September ihre Ausbildung bei Sybit. Einer davon ist Mohammad Kalaji. Der 22-Jährige aus Singen sagt: „In meiner Heimat Syrien habe ich ein halbes Jahr lang Anwendungsentwicklung studiert, aber das wurde hier nicht anerkannt. Das Coding Camp gab mir eine gute Möglichkeit, dranzubleiben. Danach wusste ich, dass die Informatik weiterhin mein Weg sein wird.“

Auch die Azubis profitieren vom Projekt, wie der 18-jährige Raphael Schnick aus Radolfzell bestätigt: „Es war ein gutes Gefühl, Schülern was Neues beizubringen und am Ende der Woche zu sehen, was wir gemeinsam geschafft haben. Dabei habe ich auch viel über Mülltrennung gelernt.“ Die Mülli-App findet in seiner Familie Anklang, und auch Raphael ist sein eigener Kunde: „Ich nutze die App öfters, wenn ich mein Zimmer aufräume“, sagt er und lacht.