Jürgen Hald und Caroline Bleckmann verbergen nicht die Leidenschaft für ihren Beruf. Beide sind mit der Archäologie betraut und graben somit nicht nur alte Schätze aus dem Boden, sondern erfahren dabei vor allem viel über Denken, Leben und Sterben unserer Vorfahren in der Region. Einige spannende Funde aus Konstanz und dem gesamten Landkreis zeigen nun die Kreisarchäologie, das Landesamt für Denkmalpflege und das Archäologische Landesmuseum (ALM) gemeinsam im Foyer des Konstanzer Museums.

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Was eine Münze über unsere Vorfahren aussagt

Der Titel der Ausstellung macht neugierig: „Von Lebenslust bis Todesfurcht„. Erstere fanden Archäologen bei Grabungen im Markelfinger Baugebiet „Im Tal“ 2018/19. „Dort wurde ein fünf Hektar großes Gebiet bebaut, aber vorher war eine Grabungsfirma aus Engen-Welschingen in unserem Auftrag vor Ort“, berichtet Kreisarchäologe Jürgen Hald. Bei der Hanglage in Seenähe sei er nicht erstaunt gewesen, dass die Experten auf rund 1,2 Hektar Fläche römische Siedlungsfunde entdeckten. Eine seltene Münze deutet auf die Besiedlung im 1. Jahrhundert hin. „Das ist sehr früh für den Hegau“, so Hald. Auch weitere kleine Schätze wie eine medizinische Sonde und ein Schreibgriffel fanden sich unter der Erde.

Exotische Kulte

Aus dem 2. und 3. Jahrhundert nach Christus stammen die Reste eines römischen Gutshofs, die ebenfalls in Markelfingen gefunden wurden. 300 bis 400 Jahre später nutzten die Germanen die römische Ruine. „Wir haben dort zwei Feuerstellen und verkohlte Getreidereste gefunden“, erzählt Jürgen Hald. Außerdem machten die Archäologen eine ganz besondere Entdeckung: „Sie fanden mindestens 15 so genannte Steckkreuze, die auf eine Kulttätigkeit, beispielsweise einen Gottesdienst, hinweisen.“

Bild: YAM Mühleis

Bislang waren solche Steckkreuze nur aus Bayern bekannt; in Baden-Württemberg wurde nur ein einziges Exemplar in Büßlingen bei Tengen im Kreis Konstanz gefunden. „Nun haben wir Hinweise auf ein weiteres Zentrum der frühen Christianisierung“, sagt Jürgen Hald. Eventuell wegen der Gründung des Klosters Reichenau im 8. Jahrhundert hörten solche exotischen Kulte aber bald wieder auf.

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Ein Friedhof unter dem alten Vincentius-Krankenhaus

Sehr viel jüngere Funde machte eine Günzburger Grabungsfirma, als sie in Konstanz ein Areal untersuchte, auf dem momentan neue Wohnungen gebaut werden. Zuvor stand dort das orthopädische Vincentius-Krankenhaus. Nach dessen Abriss 2019 buddelten die Archäologen dort über 1200 Skelette aus.

„Hier befand sich der Schottenfriedhof, der zentrale Friedhof von Konstanz„, erläutert Caroline Bleckmann vom Landesamt für Denkmalpflege mit Dienstsitz in Konstanz. Unter der Erde lagen Opfer von Seuchen und Schlachten in Einzel- und Massengräbern.

Schutz vor Wiedergängern

Ihre Rosenkränze und Amulette lassen auf die Sorge um ihr Seelenheil schließen – und auf die Angst vor Wiedergängern. Man befürchtete, dass diese bösen Menschen nach ihrem Tod wieder aus der Erde kommen könnten und begrub sie deshalb auf dem Bauch liegend. Würden sie sich freigraben wollen, gerieten sie dabei nur tiefer unter die Erde. „Anderen wurde ein großer Stein in den Mund gelegt, damit sie die Seele der Mitmenschen nicht aussaugen konnten“, erzählt Bleckmant.

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Einer dieser vermuteten Wiedergänger lag auch auf dem Schottenfriedhof. „Sein Schädel wurde eingeschlagen und stümperhaft zersägt“, so Bleckmann. Dieser Schädel ziert nun eine Vitrine in der Sonderausstellung, genau wie ein weiterer. Hier ist die Besonderheit einer sehr frühen Zahnprothese zu bewundern. „Eine etwa 50-jährige Dame trug diese Prothese aus rosa gefärbtem Kautschuk. Auch die Zähne sehen echt aus. Ein schöner Fund“, sagt die Expertin. Der Schottenfriedhof, aufgelöst 1870, gibt Einblicke in über 350 Jahre Bestattungsgeschichte.

Bereits im 19. Jahrhundert gab es wohl einen Biergarten. Diese Gläser wurden am Konstanzer Bodanplatz gefunden. Bild: ALM
Bereits im 19. Jahrhundert gab es wohl einen Biergarten. Diese Gläser wurden am Konstanzer Bodanplatz gefunden. | Bild: Landesmuseum Konstanz

Einen weiteren spannenden Fund machten Archäologen im vergangenen Jahr, als sie bei einer baubegleitenden Ausgrabung in der Konstanzer Bodanstraße eine Latrine und viele zerbrochene Biergläser sowie Reste von Geldbörsen fanden. „Auf der anderen Straßenseite befand sich früher ein Biergarten“, erklärt Caroline Bleckmann.

Ein Schaufenster in die Vergangenheit

Sie sieht beim Gang durch das heutige Konstanz nicht nur die aktuellen Häuser. „Durch meine Arbeit erschließt sich mir ein ganz neues Bild der Stadt, wie zwei übereinander gelegte Folien. Genau das wollen wir auch den Bürgern vermitteln. Es ist wichtig zu zeigen, was wir vor Ort finden.“

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So sieht es auch Kreisarchäologe Jürgen Hald: „Ich bin dankbar für dieses Schaufenster in die Vergangenheit, denn so können wir eine Auswahl aktueller Funde zeitnah präsentieren. Die allermeisten Stücke müssen erstmal restauriert und wissenschaftlich ausgewertet werden, somit sind sie jahrelang intern im Umlauf.“ Auch nach so vielen Jahren im Beruf bleibe die Archäologie spannend: „Es ist erstaunlich, wie viel Neues immer noch dabei herauskommt, da fiebere ich jedes Mal mit.“