Ich trage während des Fototermins auf dem Wasser die modernste Schwimmweste, die ich je anhatte. Sie ist leicht, schwarz, würde sich selbst aufblasen, wenn ich über Bord gehe und hätte außerdem ein Blinklicht, das man etwa zwei Kilometer weit im Dunkeln sehen könnte. „Das ist eine Weste, wie sie die Menschen im Mittelmeer nicht haben“, kommentiert Peter Augustyniak, der Einsatzleiter der Konstanzer DLRG-Ortsgruppe. Nach einer kurzen Pause ergänzt er dann: „Aber auch die beste Weste ist nur eine kurzfristige Lösung.

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Sie hält einen eine Zeitlang über Wasser, aber es muss immer noch jemanden geben, der einen rauszieht.“ Ganz ohne Schwimmweste hingegen komme es auf Sekunden an, die darüber entschieden, ob jemand reanimiert werden müsse und ob er nach einer Wiederbelebung Folgeschäden davontrage.

Am Ufer herrscht herbstliche Idylle bei bestem Sonnenschein. Die Boote mit den gelben Bannern sorgen für erstaunte Blicke.
Am Ufer herrscht herbstliche Idylle bei bestem Sonnenschein. Die Boote mit den gelben Bannern sorgen für erstaunte Blicke. | Bild: Lena Reiner

Aufmerksam machen auf Flüchtlinge und ihre Retter im Mittelmeer

Genau um diese Menschen, die Menschen vor dem Ertrinken retten, dreht sich die Aktion von Amnesty International, die sich am Samstagnachmittag zwischen Konstanz und Meersburg auf dem Bodensee abspielt. Parallel dazu finden an Land baden-württemberg-weit im Rahmen der Kampagne „sicherer Hafen“ Aktionen zur zusätzlichen Aufnahme von Geflüchteten statt.

Allerdings thematisiert Amnesty International nicht die die Einsätze auf dem Bodensee, sondern jene auf dem Meer zwischen der Türkei und Griechenland, Libyen und Italien. Seit 2013 sind laut Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen 20.400 Menschen beim Fluchtversuch über das Meer ertrunken (Stand: September 2020).

Ob beim Segeln oder Banner aufhängen: Die Teams sind selbst gefragt, Hand anzulegen. Noah Jensen knotet hier eine Botschaft zu Menschenrechten fest.
Ob beim Segeln oder Banner aufhängen: Die Teams sind selbst gefragt, Hand anzulegen. Noah Jensen knotet hier eine Botschaft zu Menschenrechten fest. | Bild: Lena Reiner

Rettungsaktionen werden kriminalisiert

Bis heute versuchen dort private Hilfsorganisationen Menschen auf der Flucht, die in überfüllten Schlauchbooten oder ausgemusterten wackligen Schiffen die Europäische Union erreichen möchten, vor dem Ertrinken zu bewahren, weil öffentlich finanzierte Rettungsmaßnahmen eingestellt wurden.

Für ihren Einsatz winkt ihnen selten Dankbarkeit. Schlimmer noch als die aktuell fehlende Aufmerksamkeit für ihren Einsatz sei jedoch, dass sie weiterhin kriminalisiert würden. Daran soll die Fotoaktion auf dem See erinnern.

Video: Lena Reiner

„Anstatt Menschen in Not zu helfen, schottet sich Europa immer mehr ab.“

Dominik Riedinger und Birke Pfeifle fassen als Sprecherduo der Amnestygruppe den Hintergrund der Aktion zusammen. Unter dem Titel ‚“Retten verboten!“ möchte sich Amnesty International gegen die Kriminalisierung humanitärer Rettungen von Geflüchteten in Seenot stellen: „Anstatt Menschen in Not zu helfen, schottet sich Europa immer mehr ab. Kinder, Frauen und Männer ertrinken an den Grenzen Europas. Es wird immer schwieriger für geflüchtete Menschen Schutz zu finden.“

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Doch damit nicht genug. Menschen, die sich für die Rechte von Geflüchteten und Migranten einsetzten, gerieten zunehmend ins Fadenkreuz von Ermittlungen.

Seenotretterin Zoe Katharina und Sprecher der Amnestygruppe Konstanz Noah Jensen erinnern an die unveräußerlichen Menschenrechte.
Seenotretterin Zoe Katharina und Sprecher der Amnestygruppe Konstanz Noah Jensen erinnern an die unveräußerlichen Menschenrechte. | Bild: Lena Reiner

„Leben retten ist kein Verbrechen„

Als ein Beispiel nennen die beiden die ehrenamtliche Besatzung der Iuventa10, der auch Zoe Katharina angehört hat. Sie betonen: „EU-Recht muss den humanitären Einsatz für geflüchtete Menschen in Not ausdrücklich erlauben, egal ob in Europa, an den EU-Außengrenzen oder bei der Seenotrettung und Ausschiffung in einen europäischen Hafen. Denn Leben retten ist kein Verbrechen!“

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Die Segelaktion auf dem Bodensee solle daher ein öffentlichkeitswirksames Zeichen setzen für die Entkriminialisierung der Seenotrettung und für die Schaffung sicherer Fluchtwege: „Wir sind sehr froh, dass es sich ergeben hat das Zoe Teil unserer Amnesty Ortsgruppe geworden ist und mit dabei sein konnte. Zoe und die Iuventa10 sind für uns Vorbilder für menschenrechtliches Engagement.“

Mit Botschaften für die Seenotrettung von Flüchtlingen und gegen die Kriminalisierung von Seenotrettung setzt die Konstanzer Amnesty International-Gruppe bei fast zu schönem Wetter ein klares Signal auf dem Bodensee.
Mit Botschaften für die Seenotrettung von Flüchtlingen und gegen die Kriminalisierung von Seenotrettung setzt die Konstanzer Amnesty International-Gruppe bei fast zu schönem Wetter ein klares Signal auf dem Bodensee. | Bild: Lena Reiner

Bis zu 20 Jahre Haft

Besagte Zoe Katharina, die in Friedrichshafen am Bodensee ihre Bootsbauerlehre gemacht hat, weiß aus erster Hand, wie es ist, für das Retten von Menschenleben kriminalisiert zu werden.

Sie war Teil der Besatzung des Seenotrettungsschiffs Iuventa, das im Jahr 2017 in Italien festgesetzt wurde. Sie ist eine von zehn Besatzungsmitgliedern, gegen die in Italien ermittelt wird. „Behilfe zur illegalen Einwanderung“ lautet der Vorwurf, im schlimmsten Fall drohen 20 Jahre Haft.

Video: Lena Reiner

Blick muss sich auch immer aus das Mittelmeer richten

Seit Kurzem studiert sie in Konstanz und hat sich der Amnesty International-Gruppe vor Ort nicht nur für diese Aktion angeschlossen. „Gerade in einer Zeit, in der wir alle mit unseren eigenen Problemen beschäftigt sind, dürfen wir nicht vergessen, dass auf dem Meer immer noch immer mehr Menschen sterben“, sagt sie in Hinblick auf die Coronapandemie, die die Medien und den öffentlichen Diskurs derzeit beherrscht.

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Auch die Kriminalisierung von Helfenden werde nicht etwa weniger, sondern nehme zu. Inzwischen gebe es auch in Griechenland immer mehr Fälle, in denen versucht würde, Helfende für ihr Engagement zu belangen.

Hannah Hofmann ist an diesem Tag zum ersten Mal für Amnesty International aktiv. Sie möchte ein klares Zeichen gegen die Abschottungspolitik der Europäischen Union setzen und hält es außerdem für falsch, dass Seenotretter rechtlich belangt werden (können).

Video: Lena Reiner

Prozess gegen Seenotretter läuft

Noah Jensen ist für die Öffentlichkeitsarbeit der Konstanzer Gruppe zuständig und findet es wichtig, dass klar Haltung gezeigt wird, da Seenotrettung und Seenot weiterhin Themen seien, auch wenn man nicht hinsehe.

Video: Lena Reiner

Charlotte Weidenbach, die ebenfalls an der Organisation der Aktion beteiligt war, betont, dass es beschämend sei, dass die Europäische Union nicht nur wegschaue, dass Menschen im Mittelmeer und Atlantik ertrinken, sondern obendrein denjenigen, die helfen und Menschen das Leben retten, mit bis zu 20-jährigen Haftstrafen drohen. Das ist das Strafmaß, dass Zoe Katharina drohen könnte, gegen die und ihr Team seit 2017 ein Prozess in Italien läuft.

Das Team hofft durch die auffälligen Banner und entstandenen Fotos wieder mehr Aufmerksamkeit auf die Thematik zu lenken. Aktuell, so Weidenbach, bestimme die Coronapandemie „und ein bisschen US-Wahlkampf“ die Medienlandschaft.