Im Büro des Kreisseniorenrates (KSR) im Konstanzer Landratsamt herrscht geschäftiges Treiben. Immer wieder klingelt das Telefon, doch Dietrich Eckhardt geht ausnahmsweise nicht ran. Der Ehrenvorsitzende hat jetzt anderes zu tun. Er will sich voll auf das Gespräch mit dem SÜDKURIER konzentrieren. Der amtierende Vorsitzende Bernd Eberwein möchte die langjährige Expertise seiner Vorgänger mit einfließen lassen.

Auch Fredis Feiertag ist gerne bereit, ihre Erfahrungen und Gedanken über die Situation älterer und hochbetagter Menschen im Landkreis einfließen zu lassen. Zu wenig Beachtung ist dieser Personengruppe seit Beginn der Pandemie geschenkt worden. Dabei sind es die über 60-Jährigen, die am meisten von dem neuartigen Virus Sars-CoV-2 gefährdet und beeinträchtigt sind.

Bernd Eberwein nimmt das Wort „wegsperren“ nicht in den Mund. Doch Dietrich Eckhardt schildert aus der Anfangszeit des Lockdowns Erfahrungen, die diesem Begriff schon sehr nahe kommen. Wohlmeinende Kinder oder Enkel hätten den Einkauf übernommen und kontaktlos vor die Tür gestellt; Pflegeheimbewohner hätten über Wochen keine oder nur sehr eingeschränkte Besuche erhalten; Sterbende hätten von ihren Angehörigen nicht mehr Abschied nehmen können.

Viel ist über die Formen der Bevormundung bereits geschrieben worden. Es selbst zu erleben, empfinden die Vertreter der rund 70.000 Senioren im Landkreis als demütigend. Sie sprechen von fehlenden Wechselbeziehungen der Generationen und von Würde, die auf der Strecke bleibt. Fredis Feiertag sagt: „Das ist eine katastrophale Entwicklung. Die Isolierung führt zur weiteren Vereinsamung der Menschen. Vor allem für die Pflegeheime muss man andere Lösungen finden.“ Mittlerweile sind die Besuchsregeln in den Heimen wieder gelockert. Doch die Bewohner fürchten, dass es zu einem zweiten Lockdown kommen könnte.

Patientenverfügung sollte an Corona angepasst werden

„Wir verharmlosen Corona nicht. In unserer Altersgruppe ist es Konsens, dass es eine hochinfektiöse, lebensbedrohliche Krankheit ist“, stellt Bernd Eberwein klar. „Wir leiden mit den jungen Leuten und unseren Enkeln, die mit Maske herumlaufen müssen. Aber es gibt keine Alternative.“ Er ist überzeugt, dass das Virus auf lange Sicht nicht zu beherrschen sein wird.

Schon früh haben die 40 Vorstandsmitglieder des KSR ein gravierendes Problem erkannt, das alle Menschen mit Patientenverfügung betrifft. „Wer hier die künstliche Beatmung zur Lebensverlängerung ausgeschlossen hat, muss das für den Fall einer schweren Corona-Erkrankung unbedingt ändern“, wird Eberwein nicht müde zu betonen. „Covid 19 ist eine tödliche Krankheit. 50 bis 80 Prozent der Schwerstkranken können mit Hilfe künstlicher Beatmung überleben.“ Deshalb hat der Seniorenrat ein Formular entworfen, das sich speziell mit diesem Thema beschäftigt und jeder Patientenverfügung beigefügt werden sollte.

Der Begriff „Senior“ sagt nichts über den Menschen aus

Wenn man mit Bernd Eberwein und den beiden Ehrenvorsitzenden über Senioren spricht, so wird ganz schnell klar, wie divers diese Bevölkerungsgruppe ist. Das Trio sprüht nur so voller Energie. „Mit 60 aufwärts ist man Senior“, sagt Eberwein. Doch die Zahl sagt nichts über den körperlichen und geistigen Zustand der Menschen aus, erst recht nichts über deren Bedürfnisse. Eberwein und seinem Team war es während des Corona-Lockdowns wichtig, nicht in der Versenkung zu verschwinden, sondern sich noch mehr für die Belange der Senioren einzusetzen. „In zahlreichen Telefon- und Videokonferenzen haben wir uns weiter mit den Themen Altersarmut und Rente, Pflege und medizinische Versorgung auf dem Land sowie der Digitalisierung beschäftigt.“

Vor allem in der Telemedizin, unterstützt durch Pflegekräfte, sehen die Seniorenvertreter in Zeiten der schrumpfenden Ärzteversorgung auf dem Land eine Chance für die Zukunft. Hierzu startet gerade ein Pilotversuch des Gesundheitsamtes mit zwei Pflegediensten und acht Ärzten. Das eröffne ganz neue Möglichkeiten. „Viele ältere Menschen sind schon sehr gut digital vernetzt“, weiß Eberwein. „Senioren sind durchaus interessiert am Computer.“ Die Gruppe der über 80-Jährigen sei allerdings kaum noch dafür zu begeistern. „Wir dürfen die Hochaltrigen nicht vergessen“, mahnt Fredis Feiertag. „Sie brauchen einen besonderen Schutz und die Anerkennung für ihre Lebensleistung.“

Kritik am Zustand des Rentensystems

Dass die gesetzlichen Renten in Deutschland zu gering ausfallen, weil zahlreiche Berufsgruppen sich als Beitragszahler verabschiedet haben, bezeichnen die Seniorenvertreter als unwürdig. Mit den Renten seien die Pflegeheimsätze nicht zu bezahlen. 40 Prozent der Pflegeheimbewohner seien deshalb auf Sozialleistungen angewiesen, weiß Bernd Eberwein.

Und Dietrich Eckhardt pflichtet ihm bei: „Wir kämpfen für andere Berechnungsmethoden. Es muss zwischen Unterbringung und Pflege in einem Heim unterschieden werden.“ Hier wissen die Senioren den CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Jung und die Grüne Landtagsabgeordnete Nese Erikli an ihrer Seite. Aber die Mühlen der Politik mahlen langsam. „Mir wird bang bei der Frage, wie in der Pflege weitergeht und ob die Menschlichkeit erhalten bleibt“, sagt Eckhardt und lobt die große Leistung, die die Pflegekräfte jetzt schon vollbringen.

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