Es war ein unbeschwerter Sommertag und nichts deutete darauf hin, dass sich hier an den Aiguilles des Baulmes im Schweizer Jura gleich ein tragischer Unfall ereignen würde. Bei der Suche nach einer geeigneten Abseilstelle passierte es: Ein Griff brach aus und Hans Wölcken stürzte mit dem Felsbrocken in den Abgrund. Der im Rettungshubschrauber herbeigeeilte Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen. Hans Wölcken war ein erfahrener Alpinst und mehrere Jahre Vorsitzender des Deutschen Alpenvereins (DAV) Sektion Konstanz.

Bis ins hohe Alter fit

Trotz seiner 78 Jahre war Hans Wölcken topfit. Erst im Juli hatte er eine 24-Stunden-Wanderung angeführt; 1200 Höhenmeter strampelte er mit seinem Mountainbike mühelos hoch – selbstredend ohne Elektro-Antrieb.

Er liebte die Herausforderung. Hier beim Bergsteigen am Passu Peak (Pakistan).
Er liebte die Herausforderung. Hier beim Bergsteigen am Passu Peak (Pakistan). | Bild: Christan Ritter

Die Gene für seine Bergleidenschaft, so behauptete er stets, habe er von seiner Mutter geerbt. Die starb allzu früh, als Hans erst acht Jahre alt war. Das bescherte ihm in der Folge einige Haushälterinnen und schließlich die Gymnasiumsjahre im Internat der Odenwaldschule, der er sich bis zum Schluss eng verbunden fühlte.

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Im München der wilden Sechzigerjahre studierte Hans Wölcken Jura, war als Student politisch aktiv und malte nebenher in seinem eigenen Atelier. Der Verkauf seiner Bilder war einträglicher als sein bescheidenes Salär als Rechtsreferendar beim Finanzamt. Als Skilehrer bei Sport Scheck genoss er besonders den Montagskurs mit den attraktiven Friseurinnen, mittwochs wurde er dann von den Müttern des Kinderkurses kulinarisch verwöhnt.

Wölcken bringt dem US-Vize-Präsident das Skifahren bei

Sein reges Interesse an politischen Systemen führte ihn in den 70er-Jahren in die Sowjetunion und anschließend in die USA, wo er ein Jahr lang einem Kongressabgeordneten assistierte. Den damaligen US-Vizepräsidenten Gerald Ford führte er nebenbei in die Kunst des Skifahrens ein. Danach entschied er sich dafür, Rechtsanwalt zu werden, erwarb zwei Jahre später eine Kanzlei in Konstanz, wo er sich umgehend auch für die hiesige Sektion des Deutschen Alpenvereins in vielfältiger Weise engagierte.

Bild: Ulrike Linke

Als Skilehrer führte er Generationen von Konstanzern in die winterliche Welt der Alpen. Den Klettersport trieb er maßgeblich voran und entfachte auch hier bei vielen Menschen die Leidenschaft fürs Hochgebirge. Vor allem der DAV-Jugend ist er als deren „Klettervater“ in dankbarer Erinnerung geblieben. 2002 wurde er zum Vorsitzenden der DAV-Sektion Konstanz gewählt. Mit Nachdruck forcierte er das anfänglich bei den Mitgliedern umstrittene Projekt einer neuen Kletterhalle in Radolfzell. Mittlerweile musste die Kletterhalle wegen der starken Nachfrage schon erweitert werden, vor allem junge Menschen traten nun dem Verein bei und bescherten der Sektion eine rasant wachsende Mitgliederzahl.

Ein Alpinist und Künstler

Hans Wölcken war zwar mit Leib und Seele Alpinist, aber nur die Welt der Berge wäre dem Hansdampf in allen Gassen zu eng gewesen. In seinem Rucksack befand sich stets ein Buch, und nicht selten kam es vor, dass er sich in seiner Bücherwelt verlor und die ganze Nacht durchlas. Neben seiner eigenen künstlerischen Tätigkeit interessierte er sich leidenschaftlich für klassische Musik. Im Stadttheater war er bei jeder Premiere ein gern gesehener Gast.

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Dem Theater in Afrika e.V. gehörte er als stellvertretender Vorsitzender an. Unvergessen ist hier auch sein Auftritt, als er sich vom Dach des Theaters abseilte, um eine neue Leuchtschrift zu enthüllen. Und wenn in Konstanz die fünfte Jahreszeit anbrach, konnte man sicher sein, dass auch Hans Wölcken mit seinen Münsterhexen durch die engen Gassen der Altstadt tobte.

Er überlebte viele Beinahe-Katastrophen

Hans Wölcken wandelte stets auf einem schmalen Grat und seine Unfälle und Beinahe-Katastrophen ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Leben: Vom gebrochenen Zeh beim Beachvolleyball in den Flitterwochen, einem Autounfall mit Totalschaden, seiner Seenot, als er partout bei ablandigen Wind auf dem Meer surfen musste, Stürzen vom Rennrad, dem versehentlichen Griff beim Klettern in ein Hornissennest, bis hin zu seinen zahlreichen Blessuren in den Bergen.

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Ganz spektakulär geriet sein Absturz beim Versuch, im Karakorum-Gebirge einen Siebentausender zu erklimmen, als in der steilen Eiswand eine Sicherung ausbrach. Hans Wölcken hatte extremes Glück, dass er beim tiefen Fall nicht in der Randspalte landete, sondern knapp daneben in die Felsen krachte. Er brach sich lediglich sein Bein mehrfach. Von einheimischen Trägern musste er in einem beschwerlichen Zweitagesmarsch ins Tal getragen werden. Zwei Monate später humpelte Hans Wölcken auf Krücken beim Altstadtlauf dem Teilnehmerfeld hinterher, um so seinen Nimbus des Unzerstörbaren zu pflegen.

Ein Leben am Limit

Am Galenstock, einem Berg in den Urnern Alpen, traf ihn ein tonnenschwerer Felsbrocken und bescherte ihm am ganzen Körper Hämatome, was ihn nicht davon abhielt, zehn Tage später erneut auszurücken, um das Fründenhorn in den Berner Alpen zu besteigen. Bei dem misslungenen Abseilmanöver brach er sich das Kreuzbein und musste mit dem Helikopter aus der Wand geborgen werden. Anderntags konnte er, kaum aus dem Spital entlassen, nur mit Mühe von einem Museumsbesuch auf dem Weg nach Hause abgehalten werden.

Bild: Bernd Kern

Hans Wölcken führte ein Leben am Limit. Er wusste das, und doch wäre ein anderes Leben für ihn nicht denkbar gewesen. Nun ist er viel zu früh in seinen geliebten Bergen gestorben.

Er hinterlässt eine große Lücke

Hans Wölcken hinterlässt bei vielen Menschen, die ihn im Leben begleitet haben, eine große Lücke. Wir alle werden diesen großartigen Menschen schmerzhaft vermissen.

 

Dateiname : Hans Wölcken
Dateigröße : 129.42 KBytes.
Datum : 18.08.2020
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Hans Wölcken

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