Das heißt nichts Gutes – das schwant Svenja Glönkler sofort, als der Mann an der Administration im Kreisimpfzentrum (KIZ) in Singen plötzlich aufsteht und mit ihren Unterlagen verschwindet. Dass es bedeuten könnte, das sie an diesem Tag trotz Termin nicht gegen Corona geimpft wird, hätte sie nicht gedacht. „Ich konnte es nicht fassen. Ich habe so lange auf diesen Termin gewartet“, sagt sie.

Das Problem ist, dass die Schweiz kein EU-Staat ist

Eine Woche später ärgert sich 31-jährige Reichenauerin noch immer und ist ein bisschen ratlos. Da ist sie schon eine der Wenigen, die einen Impftermin im KIZ in Singen ergattern konnten, wird aber unverrichteter Dinge wieder heimgeschickt. Tatsächlich ist es so, dass Svenja Glönkler, obwohl sie als Ergotherapeutin der aktuellen Priorisierungsgruppe angehört, nicht impfberechtigt ist – weil sie in der Schweiz arbeitet.

Das Problem ist, dass die Schweiz kein EU-Staat ist. Würde Svenja Glönkler in Österreich oder Frankreich arbeiten, hätte sie die Spritze wohl bekommen. Die Impfung bekommen hätte sie ebenfalls, wenn sie eine Vorerkrankung aufweisen würde oder in der Altersklasse Ü-70 wäre. Das trifft auf die gesunde junge Frau aber alles nicht zu. Die hilft in ihrem Beruf nur anderen Menschen – aber im falschen Land.

Der Arbeitsort ist entscheidend

Aber warum ist das so? Warum impft man Grenzgänger nicht, die in der Schweiz einen sozialen Beruf ausüben. Diese Frage stellt der SÜDKURIER dem Sozialministerium, welches die Prioritätenlisten erarbeitet hat.

„Grundsätzlich sind alle Menschen, die in Deutschland krankenversichert sind oder hier ihren Wohnsitz haben, auch hier impfberechtigt – nur erfolgt die Impfung nach einer festgelegten Reihenfolge. Im Fall von Grenzgängern, die etwa als Lehrer in der Schweiz unterrichten, liegt der Grund für eine Priorisierung nicht in Deutschland, sodass sie in der Regel jetzt im Moment noch keine Berechtigung für eine Impfung haben“, sagt Pascal Murmann, Pressesprecher des baden-württembergischen Sozialministeriums.

Der Grenzgang an sich sei kein Merkmal, das eine Aussage über das Infektionsrisiko oder das Risiko für einen schweren oder tödlichen Verlauf erlaube und sei daher nicht in der Corona-Impfverordnung erfasst.

Berechtigung wird bei Terminvergabe nicht überprüft

Svenja Glönkler ärgert sich trotzdem. Für ihren Impftermin hat sie extra einen Urlaubstag genommen – letztlich völlig umsonst. „Warum wird nicht schon bei der Terminvergabe darauf hingewiesen, dass man nicht impfberechtigt ist, wenn man in der Schweiz arbeitet“, fragt sie.

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Ihren Impftermin hat Svenja Glönkler über die Internetseite www.impfterminservice.de gebucht. Allerdings: Die Hotline 116 117 oder die Webseite prüfen keine priorisierte Impfberechtigung. „Diese beruhen auf Selbsterklärungen, sodass ein Termin grundsätzlich für alle buchbar ist. Die priorisierte Impfberechtigung wird dann erst vor Ort anhand der vorzulegenden Nachweise geprüft“, erklärt Marlene Pellhammer, Pressesprecherin des Landratsamtes Konstanz.

Das bedeutet: Erst im KIZ werden die erforderlichen Unterlagen geprüft und vor Ort wird der Impfling zur Impfung zugelassen – oder eben wie Svenja Glönkler wieder weggeschickt.

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Viele pendeln in die Schweiz

Rund 60.000 Grenzgänger leben entlang der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz. Viele von ihnen mit sozialen Berufen arbeiten in der Schweiz, weil die Bezahlung dort deutlich besser ist als in Deutschland. Die Zahl der Impfwilligen dürfte also durchaus nicht gering sein.

Wie viele dieser Grenzgänger aber kurzfristig oder direkt vor Ort ihren Impftermin streichen mussten, ist nicht bekannt. Sowohl das Sozialministerium als auch das Landratsamt Konstanz sagen, dass darüber keine Statistik geführt werde. „Wenn Menschen ihren Termin über die zentrale Terminvergabe wieder absagen, erfolgt das ohne Nennung von Gründen“, erläutert Pascal Murmann.

Virus macht an der Grenze nicht Halt

„Es pendeln jeden Tag so viele Menschen über die Grenze, warum wird für diese Menschen nichts getan?“, fragt sich Svenja Glönkler, ohne wirklich eine Antwort darauf zu erwarten. Das Virus würde ja nicht an der Grenze Halt machen. Die Ergotherapeutin gibt zu bedanken, dass sie viele Kontakte zu Patienten und Kindern habe.

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Die Ansteckungsgefahr sei durchaus real – auch wenn man alle Abstands- und Hygieneregeln einhalte und immer eine Maske trage. „Die Kinder tragen aber keine“, berichtet Svenja Glönkler aus ihrer Erfahrung.

Impfung in der Schweiz möglich

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es aber doch, wie Pascal Murmann erklärt: „Pflegekräfte und Ärzte sowie andere Berufe mit hohem Ansteckungsrisiko sind nach unseren Kenntnissen in der Schweiz genauso bereits impfberechtigt wie in Baden-Württemberg.“ Svenja Glönkler könnte sich also in der Schweiz impfen lassen.

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Auf der Internetseite des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) heißt es: „Grenzgänger, die nicht in der Schweiz versichert sind, die aber durch ihre Arbeit einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, können sich ebenfalls kostenlos in der Schweiz impfen lassen. Die Kosten werden vom Bund übernommen.“ Aber der Hoffnungsschimmer ist momentan nicht sehr groß. Denn auch in der Schweiz ist der Impfstoff knapp, und Termine sind zurzeit eher rar.