Ein massives Engegefühl in der Brust. Vernichtende Schmerzen in der Brust und im Oberbauch, die manchmal bis in die Arme oder den Kiefer ausstrahlen. Übelkeit, Erbrechen, Atemnot und Schweißausbrüche.

Hält der Schmerz länger als mehrere Minuten an, könnte es sich um einen Herzinfarkt handeln. Der Notarzt sollte sofort gerufen werden. Aber leider werde das zurzeit nicht so oft getan wie erforderlich – das stellen die Kardiologen des Hegau-Bodensee-Klinikums fest.

Mehr verschleppte Herzinfarkte

„Mit Herzschmerzen ist nicht zu scherzen“, sagt Marc Kollum, Chefarzt der Singener Kardiologie. Er erlebt derzeit täglich in der Klinik, dass Leute bei Herzinfarkt zu spät kommen. Noch nie habe es im Klinikum so viele verschleppte Herzinfarkte gegeben wie derzeit, sagt auch Frank Hinder, Ärztlicher Direktor des Hegau-Bodensee-Klinikums bei einer Pressekonferenz des Landratsamtes Konstanz.

„Bei einem Herzinfarkt zählt jede Minute. Wer aus Angst vor einer Corona-Infektion zögert, den Notarzt zu rufen, riskiert sein Leben.“Marc Kollum, Chefarzt der Kardiologie
„Bei einem Herzinfarkt zählt jede Minute. Wer aus Angst vor einer Corona-Infektion zögert, den Notarzt zu rufen, riskiert sein Leben.“Marc Kollum, Chefarzt der Kardiologie | Bild: Scherrer, Aurelia

Das bereitet ihm und seinen Kollegen Sorgen. „Aus Angst, sich im Krankenhaus mit dem Coronavirus zu infizieren, kommen die Menschen nicht in die Klinik“, sagt Hinder. Das sei mehr als bedenklich.

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Wer nicht den Notarzt ruft, risikiert sein Leben

„Bei einem Herzinfarkt zählt jede Minute“, sagt Kollum und macht klar: „Wer aus Angst vor einer Corona-Infektion zögert, den Notarzt zu rufen, riskiert sein Leben.“ Kollum macht eindringlich klar: „Es ist tödlicher Leichtsinn, wenn Betroffene erst einmal abwarten, ob die Beschwerden verklingen.“

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Die Beschwerden legen sich tatsächlich nach sechs bis zwölf Stunden. Dann ist nämlich das Herzmuskelgewebe abgestorben“, macht er deutlich. Dazu zählen Komplikationen wie Rhythmusstörungen oder Heilungsstörungen vom Herzen, die man hätte verhindern können, wenn man frühzeitig die Gefäße wiedereröffnet hätte, teilt die Hegau-Bodensee-Klinik mit. „Wer einen Infarkt verschleppt, riskiert eine Herzinsuffizienz, wenn er das Initialerlebnis überlebt“, sagt Frank Hinder.

Auch weniger Schlaganfall-Patienten kommen ins Krankenhaus

Aber nicht nur Herz-Patienten scheuen scheinbar den Weg ins Krankenhaus. Auch deutlich weniger Patienten mit Schlaganfällen verzeichnet die Klinik. Eigentlich eine gute Nachricht, doch die Vermutung liege nahe, dass nicht etwa weniger Menschen einen Schlaganfall erleiden würden, sondern viele aus Angst vor einer Infektion mit dem Corona-Virus trotz deutlicher Symptome nicht ins Krankenhaus gehen würden, schreibt Andrea Jagode, Pressesprecherin des Klinikums.

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Das ist fatal, weiß Christof Klötzsch, Chefarzt der Neurologie am Singener Klinikum, und appelliert an die Bevölkerung, Schlaganfall-Symptome trotz Corona-Pandemie ernst zu nehmen. 280.000 Schlaganfallpatienten gibt es jährlich in Deutschland, 30 Prozent davon versterben. Der Faktor Zeit ist beim Schlaganfall enorm wichtig. Denn je später ein Schlaganfall-Patient behandelt wird, desto länger bleiben die Nervenzellen im Gehirn unterversorgt und können vielleicht nicht mehr gerettet werden.

„Die meisten Covid-19-Fälle nehmen einen leichten Verlauf. Ein nicht behandelter Schlaganfall dagegen endet zum Teil auch tödlich.“Christof Klötzsch, Chefarzt der Neurologie
„Die meisten Covid-19-Fälle nehmen einen leichten Verlauf. Ein nicht behandelter Schlaganfall dagegen endet zum Teil auch tödlich.“Christof Klötzsch, Chefarzt der Neurologie | Bild: Kliniken Schmieder

Die Anzeichen eines Schlaganfalls

Bei den ersten Anzeichen eines Schlaganfalls gelte es, die 112 zu wählen oder sich notfallmäßig in der Neurologie vorzustellen. Die typischen Schlaganfallsymptome sind Gefühls-, Seh- und Sprachstörungen, Gangunsicherheit, einseitige Lähmungserscheinungen sowie plötzlich auftretende starke Kopfschmerzen.

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Mit Blick auf Corona weist Neurologe Klötzsch darauf hin: „Die meisten Covid-19-Fälle nehmen einen leichten Verlauf. Ein nicht behandelter Schlaganfall dagegen kann zu schwerer lebenslanger Behinderung führen und endet zum Teil auch tödlich.“

Strenge Aufnahmeregeln für Neu-Patienten

Angst vor einer Ansteckung brauche man nicht haben, sagt Frank Hinder. „Wir sind alle seit sechs Wochen sehr wachsam. Ich glaube, die Angst war ein guter Ratgeber“, sagt er. Denn in der Klinik würden strenge Sicherheitsvorkehrungen und Hygienemaßnahmen gelten.

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Patienten mit Verdacht auf Covid-19 trenne man streng von nicht infizierten Patienten. Vor der Aufnahme der Patienten wurde man jeden Patienten einer Kontrolle unterziehen, ob er grippeähnliche Symptome aufweise. „Ab nächster Woche werden wir wieder vermehrt andere Behandlungen und unter strengen Maßnahmen durchführen“, sagt der Ärztliche Direktor Hinder und hofft, dass die Menschen rechtzeitig den Weg ins Krankenhaus auf sich nehmen.