Morgens um Sieben liegt Gottmadingen wohl noch im Tiefschlaf. Diesen Eindruck bekommt, wer das Gelände rund um den Bahnhof erkundet. An einem hellen, klaren Sommermorgen sind die Bahnsteige noch menschenleer. Soll hier gleich das Bahnchaos ausbrechen? Oder haben die Pendler nach dem Frust der vergangenen Jahre der Bahn etwa ganz den Rücken gekehrt? Die Vermutung liegt nahe, dass bei dem schönen Wetter etliche Schüler den Weg zu den weiterführenden Schulen in Singen mit dem Rad absolvieren.

In Gottmadingen hat man die schlechte Leistung der DB Regio nicht vergessen

Doch dann ist der Bahnsteig plötzlich voll. Es gibt also doch noch einen Rest Vertrauen in die Pünktlichkeit der DB Regio. Zuletzt hatte der Schülerzug um 7.20 Uhr ab Gottmadingen regelmäßig für Schlagzeilen gesorgt, weil er entweder mit zu geringer Platzkapazität oder überhaupt nicht kam. Eine Kleine Anfrage von Jürgen Keck (FDP) an den Landtag hatte das Dilemma in Zahlen verdeutlicht. Danach wurden über 12 000 bestellte Kilometer nicht gefahren und 370 Züge waren zu kurz. Jetzt ließ sich nicht mehr leugnen, was Gottmadingens Bürgermeister Michael Klinger in unzähligen Beschwerdebriefen an das Land und die DB Regio formuliert hatte. Zwar gab es immer wieder Entschuldigungen von Seiten der Bahn; eine Verbesserung der Leistung ließ indes weiterhin auf sich warten. Die Strecke wurde einfach mangelhaft bedient.

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Das Land hat die Verträge mit der Bahn vorzeitig gekündigt

Eine von über 1000 Menschen unterschriebene Petition brachte endlich den Durchbruch. Auch im Stuttgarter Verkehrsministerium war die Geduld mit der Bahn aufgebraucht. Nach all den Beschwerden und Chaos-Beschreibungen entschied sich die Landesregierung dazu, den Vertrag mit der DB Regio vorzeitig zu kündigen. Doch der Fall ist zu komplex, als dass man einfach einen Schalter umlegen könnte.

Im Dezember 2022 soll der Vertragsausstieg vollzogen werden. Bis dahin muss ein neues Transportunternehmen gefunden werden, das in Ausstattung und Zuverlässigkeit deutlich besser ist als der laufende Betrieb. Übergangsweise sollen ab Dezember 2021 auch Interregio-Züge in Gottmadingen halten, die sonst am Bahnhof vorbeifahren. Und Busse sollen einspringen, wenn wieder mal ein störanfälliger Wagen ausfällt.

Bei der neuen Ausschreibung zählt nicht alleine der Preis

Mittlerweile ist das zweistufige Ausscheibungsverfahren angelaufen. In nichtöffentlicher Sitzung hat der Landkreis Konstanz, der einen Teil der Kosten für die Strecke übernimmt, die Qualitätskriterien festgelegt, die die Bewerber erfüllen müssen. Dabei soll nicht mehr der günstigste Bieter den Zuschlag erhalten, sondern jener mit dem besten Leistungsangebot.

Jeremy Müller und Naima Jimenez pendeln von Gottmadingen nach Singen, wo sie die Robert-Gerwig-Schule besuchen. Zuletzt habe sich die Situation auf der Strecke verbessert, sagen sie.
Jeremy Müller und Naima Jimenez pendeln von Gottmadingen nach Singen, wo sie die Robert-Gerwig-Schule besuchen. Zuletzt habe sich die Situation auf der Strecke verbessert, sagen sie. | Bild: Trautmann, Gudrun

Seit einigen Monaten gibt es weniger Zugausfälle

Während darüber auf politischer und administrativer Ebene diskutiert wird, stellt sich die Frage, was die Pendler wollen? Vor Ort auf dem Gottmadinger Bahnsteig hört man immer wieder die gleichen bescheidenen Antworten: „Der Zug muss genügend Wagen haben, damit der Abstand gewährleistet ist“, sagt Naima Jimenez, und Jeremy Müller stimmt zu. Die beiden Berufsschüler haben festgestellt, dass sich die Situation seit einigen Monaten verbessert hat, was Pünktlichkeit und Platzkapazität angeht. Diese Beobachtung birgt eine gewisse Ironie, weil die Verbesserung offenbar nach der Vertragskündigung kam.

Indira Mahay bringt ihren zwölfjährigen Sohn Maylind zum Zug. Er muss pünktlich in Singen sein, weil er dort den Bus nach Steißlingen erwischen muss.
Indira Mahay bringt ihren zwölfjährigen Sohn Maylind zum Zug. Er muss pünktlich in Singen sein, weil er dort den Bus nach Steißlingen erwischen muss. | Bild: Trautmann, Gudrun

Justine Sommer nimmt den 7.20-Uhr-Zug, weil sie zum Hegaugymnasium in Singen geht. Auch sie berichtet, dass sich die Lage am Bahnsteig seit einigen Wochen entspannt habe. Aber sie erinnert sich noch sehr gut an das Gedränge und den Kampf um einen Stehplatz.

Indira Mahay begleitet ihren zwölfjährigen Sohn Maylind zum Zug, damit er überhaupt eine Chance hat, in den Wagen einzusteigen. Der Junge muss nämlich pünktlich in Singen sein, weil er dort in den Bus nach Steißlingen umsteigen kann. Dort besucht er seit 1. September 2020 die Gemeinschaftsschule. „Letztes Jahr war alles schwierig“, sagt Indira Mahay. „Einen Sitzplatz braucht‘s nicht für die kurze Strecke. Aber genügend Wagen, damit alle Platz haben.“

Justine Sommer besucht das Hegaugymnasium in Singen. Im vergangenen Jahr hätten am Gottmadinger Bahnhof oft chaotische Verhältnisse geherrscht, erinnert sie sich.
Justine Sommer besucht das Hegaugymnasium in Singen. Im vergangenen Jahr hätten am Gottmadinger Bahnhof oft chaotische Verhältnisse geherrscht, erinnert sie sich. | Bild: Trautmann, Gudrun

Bürgermeister Michael Klinger muss angesichts der bescheidenen Wünsche lachen. „Natürlich wäre es schon ein riesiger Fortschritt, wenn die Züge immer mit genügend Wagenmaterial fahren“, sagt er. „Aber es gibt noch viele andere Kriterien, die erfüllt sein müssen. Und da sollte der Landkreis mitreden, weil er auch mit bezahlt.“

Für die Mobilitätswende muss der Zug noch attraktiver werden

Klinger denkt etwa an die Lücke zwischen Bahnsteigkante und Einstieg. Das sei alles andere als barrierefrei. Er denkt auch an Fahrradstellplätze. Die Gemeinde arbeitet an der Mobilitätswende. Dazu bedarf es eines attraktiven öffentlichen Nahverkehrs, der sich mit dem Fahrrad kombinieren lässt.

Für zwingend hält der Bürgermeister, dass das neue Unternehmen defekte Zuge schneller reparieren kann. „Dazu muss der Wartungsstandort nahe bei uns sein“, sagt er. Und dann möchte er dem Zug auf der Strecke Singen-Schaffhausen noch einen eigenen Namen geben, damit sich die Pendler besser mit ihm identifizieren können. Leuchtendes Beispiel ist für ihn der Seehas.

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