Oswald Ammon ist ein Mann, der sich mit Kleinigkeiten auskennt – oder mit dem, was Menschen ohne Behinderung als Kleinigkeiten bezeichnen würden. Für Menschen mit Behinderung hängt von solchen Kleinigkeiten beispielsweise ab, ob sie ins Schwimmbad gehen, im Bus mitfahren oder eine öffentliche Toilette benutzen können.

Passt ein Rollstuhl durch das Drehkreuz an der Schwimmbadkasse? Kann man sich auch als Blinder oder Sehbehinderter durch taktile Leisten an die Bushaltestelle tasten? Und hält der Busfahrer an der richtigen Stelle? Hat beispielsweise eine Treppe zu einer öffentlichen Toilette Handläufe an beiden Seiten, sodass ein Mensch, der auf Halt angewiesen ist, sich in beiden Richtungen, nach oben und nach unten, festhalten kann?

Seit 2016 ehrenamtlich im Einsatz

Solche Fragen gehören zum täglichen Brot für Ammon, der seit 2016 ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter des Landkreises Konstanz ist. Im Dezember sei er für eine weitere Amtszeit gewählt worden, erzählt er, diese ende am 31. Dezember 2025. Für diese Zeit hat er sich einiges vorgenommen. Seit Mai sei er auf Besuchstour zu den Bürgermeistern des Landkreises unterwegs. Über die Zusammenarbeit mit den Rathauschefs hat er nur lobende Worte.

„Die Interessen von Menschen mit Behinderung werden gehört“, lautet sein Resümee. Die Bürgermeister hätten ein offenes Ohr und würden Verbesserungen umsetzen, wenn es geht. Themen gibt es genügend. Eine Großbaustelle derzeit: die Bäder. Das ist wörtlich zu nehmen, dann mehrere Bäder im Landkreis werden um- oder neu gebaut. Prominentestes Beispiel für die letzteren dürfte derzeit das Schwaketenbad in Konstanz sein. Der Vorgängerbau ist im Jahr 2015 abgebrannt, derzeit laufen die Bauarbeiten für das neue Bad. „Das wird eins der drei besten Bäder in Deutschland“, meint Ammon.

Meister im Kugelstoßen und Diskuswurf

Gespür für das Thema Sport kann man dem Mann zutrauen. 2019 wurde er Deutscher Meister in seiner Altersklasse im Kugelstoßen und Diskuswurf. Einen Inklusions-Kreissporttag will er 2022 auf die Beine stellen. Dabei bestehen die Zweierteams aus je einem Sportler mit und einem Sportler ohne Behinderung. Und auch die Internationale Deutsche Meisterschaft in Para-Leichtathletik möchte Oswald Ammon im Jahr 2023 wieder in die Region, nach Singen holen.

Auch für das Stockacher Freibad findet Ammon lobende Worte, Umkleiden und Toiletten im Neubau seien hervorragend gemacht. Und in Büsingen soll das Rheinstrandbad in den Gebäuden, die nach dem Ende der Badesaison neu gebaut werden sollen, eine Toilette für alle bekommen. Damit ist eine Toilette gemeint, die nicht nur barrierefrei ist, sondern etwa auch eine Pflegeliege für Erwachsene und einen Patientenlifter hat. Ammons Ziel ist, bis 2025 in jeder Gemeinde des Landkreises eine solche Anlage zu haben, in Städten auch mehr.

Schlaganfall vor 22 Jahren

Ammon kennt sich mit dem Leben mit Behinderung aus – und das möglicherweise umso besser, als er bis vor 22 Jahren keine Behinderung hatte. Damals erlitt er einen Schlaganfall, der seinen Bewegungsapparat dauerhaft beeinträchtigte.

In seinen Job als Lehrer am Singener Friedrich-Wöhler-Gymnasium ist er zurückgekehrt, hat weiter Englisch, Spanisch, Wirtschaft und Politik unterrichtet. „Die Schüler haben mich damals so akzeptiert, wie ich dann war“, erinnert er sich. Und erzählt von vielen Bilder, die ihm die Schüler ins Krankenhaus geschickt haben. Seine Überzeugung: „Selbstmitleid hilft keinem, man muss etwas machen.“

Barrierefreiheit geht alle an

„Die Menschen müssen merken, was sich ändert“, sagt Ammon. Denn wenn Wege weniger Barrieren hätten, würde das jedem helfen, da dürfe man den Blick nicht nur auf die Kosten lenken. „Auch Menschen mit schwerem Gepäck oder Kinderwagen haben diese Probleme. Und die Bevölkerung wird immer älter“, gibt er zu bedenken.

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In dieses Bild passt etwa der barrierefreie Umbau von Bushaltestellen. Auch den inklusiven Krankenhausaufenthalt möchte er bis 2025 erreicht haben. Doch Barrierefreiheit fängt für ihn ohnehin in den Köpfen an: „Man muss den Menschen erklären, was Inklusion ist.“ Und: „Ich will einen Landkreis, in dem alle leben können.“