„Wir werden da irgendwie durchkommen. Ich weiß nur noch nicht, ob mit einem blauen Auge oder mit zweien“, sagt Andreas Hertle. Der Obstbauer aus Stockach hat in den vergangenen zwei Wochen Tag und Nacht gearbeitet, um die Auswirkungen, die die Corona-Krise auf seinen Betrieb hat, auszugleichen so gut es geht. Keine einfache Zeit – auch, wenn das Virus ihm und seinem gleichnamigen Obsthof bisher nicht ganz so stark zusetzt wie vielen seiner Kollegen.

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„Wir kommen aktuell noch ganz gut klar, weil es nicht unsere Haupterntezeit
ist“, erklärt Hertle. Diese sei für ihn als Obstbauer, der unter anderem Äpfel anbaut und weiterverarbeitet, erst im Herbst. „Die Kollegen, die vor allem Spargel oder Erdbeeren anbauen, haben jetzt viel größere Probleme, denn da steht die Ernte unmittelbar bevor“, sagt Andreas Hertle und klingt besorgt.

Obstbauer Andreas Hertle
Obstbauer Andreas Hertle | Bild: Oliver Hanser

Trotzdem gibt es auch auf seinem Hof bereits jetzt eine Menge zu tun und Mitarbeiter sind rar. „Normalerweise haben wir zu dieser Jahreszeit immer sechs bis acht Saisonarbeitskräfte aus Polen oder Rumänien„, erklärt Andreas Hertle. „Momentan ist jedoch nur einer da, der in der kommenden Woche wieder zurück muss.“ Und mehr Saisonarbeiter sind vorerst auch nicht in Sicht, denn seit dem vergangenen Mittwoch gilt für viele Arbeitskräfte aus anderen Ländern – darunter Polen, Rumänien, Bulgarien und Ungarn – ein striktes Einreiseverbot.

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Lage ist besorgniserregend

Das sei auch für die Landwirte im Kreis Konstanz ein großes Problem, sagt Holger Stich, Bezirksgeschäftsführer des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes (BLHV). „Die Lage bei den Betrieben im Kreis ist wirklich in höchstem Maße besorgniserregend“, mahnt er. Deswegen würden sich die Bauernverbände vehement dafür einsetzen, dass die Einreisebeschränkungen für Saisonarbeitskräfte schnellstmöglich wieder aufgehoben werden. Vor allem Sonderkulturbetriebe, die zum Beispiel Spargel, Erdbeeren oder Wein anbauen, seien nun existenziell betroffen. „Da steht schlichtweg die gesamte Ernte für dieses Jahr auf dem Spiel“, erklärt Stich.

Holger Stich, BLHV-Bezirksgeschäftsführer
Holger Stich, BLHV-Bezirksgeschäftsführer | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Auch für Udo Löhle drängt die Zeit. Er betreibt den Blanhof in Öhningen-Wangen und baut auf rund 25 Hektar Fläche Obst, Beerenobst, Zwetschgen, Spargel, Aprikosen, Pfirsiche, Nektarinen und Mirabellen an. In wenigen Wochen beginnt die Spargelernte. Normalerweise helfen auf dem Blanhof über die Saison 25 bis 30 Personen bei der Arbeit. Die meisten Erntehelfer stammen aus Polen und kommen zum Teil seit vielen Jahren regelmäßig auf die Höri. Wegen der Corona-Pandemie hat Udo Löhle nun jedoch deutlich weniger Kräfte, die ihm bei der Ernte zur Hand gehen. Bei den Spargelflächen sei mit dem aktuell verfügbaren Personal etwa ein Drittel machbar, sagt der Landwirt. Und anschließend wollen auch die Erdbeeren zügig geerntet werden. „Wenn die acht Tage vernachlässigt werden, kann ich es gleich lassen“, erklärt Löhle. Dann seien schon zu viele überreife Früchte an den Pflanzen.

Landwirt Udo Löhle
Landwirt Udo Löhle | Bild: Gerald Jarausch

Viele Helfer bewerben sich

Der Wangener hat jedoch die Hoffnung, dass nun andere Personen wie Studenten oder Kurzarbeiter als Erntehelfer einspringen können. Eine vor Kurzem geänderte Verordnung ermöglicht es nämlich, dass Helfer das verdiente Geld tatsächlich erhalten und der Betrag nicht auf Hilfeleistungen wie Kurzarbeitergeld angerechnet wird.

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Und die Bereitschaft der Menschen, in landwirtschaftlichen Betrieben einzuspringen, ist groß – das zeigen die Erfahrungen, die Andreas Hertle in den vergangenen Tagen gemacht hat. „Es kommen viele Anrufe und E-Mails, in denen sich Leute bewerben“, erzählt der Obstbauer. „Dieser Einsatz ist wirklich toll und wir wollen und müssen solche Angebote auch in Anspruch nehmen.“ Ideal sei diese Lösung allerdings nicht, sagt Andreas Hertle. Denn nicht allen Helfern sei bewusst, wie anstrengend die Arbeit in der Landwirtschaft ist. „Und wenn man dann immer wieder neue Leute einlernen muss, kostet das viel Zeit, die dann an anderen Stellen fehlt“, so Hertle. Besser wäre es deshalb seiner Ansicht nach, wenn ein Grundstock an erfahrenen Saisonarbeitern aus dem Ausland weiterhin kommen und mit den neuen Aushilfskräften zusammenarbeiten könnte. „Aber dafür müsste die Politik mehr mit den Landwirten reden, um dann entscheiden zu können, welche Maßnahmen wirklich sinnvoll und vertretbar sind“, wünscht sich der Obstbauer. „Dann klappt es vielleicht mit dem einen blauen Auge. “

So können Sie den Landwirten helfen

Da aufgrund der Corona-Pandemie derzeit keine Erntehelfer aus dem Ausland einreisen dürfen, brauchen viele Landwirte dringend Unterstützung. Dabei gibt es einige wichtige Dinge, die es zu beachten gilt:

  • „Das Land hilft“ heißt die Online-Plattform, die der Bundesverband der Maschinenringe gemeinsam mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gestartet hat. Das Portal soll Jobsuchende mit Betrieben in Kontakt bringen, die in der derzeitigen Situation Hilfe benötigen. Die Plattform erreichen Interessierte unter www.daslandhilft.de.
  • Eine Checkliste mit den wichtigsten Fragen, die angehende Erntehelfer vorab mit den Landwirten besprechen sollten, gibt der BLHV auf seiner Internetseite als Hilfestellung. Dabei geht es neben Themen wie Arbeitsart, Arbeitsort, Zeiten, Lohnauszahlung und Länge des Arbeitseinsatzes auch um Haftungs- und Versicherungsfragen und Arbeitsmaterialien. Die Liste gibt es im Netz auf www.blhv.de/bauer-sucht-hilfe.
  • Wichtige Voraussetzung für eine möglichst produktive Mitarbeit in den Betrieben ist, dass keine Anzeichen für eine Infektion mit dem Corona-Virus vorhanden sind. Außerdem sollte Helfern bewusst sein, dass landwirtschaftliche Arbeiten körperlich anstrengend sein können. Sie sollten ihre Fähigkeiten und die eigene Belastbarkeit deshalb gut einschätzen können.