Die Entwicklung ist für das Kreisjugendamt in mancher Hinsicht alarmierend. Es kommen immer mehr junge Flüchtlinge über die Schweizer Grenze in den Kreis, mehr als im Jahr 2017, als der Zustrom bereits hoch war. Im Verlauf des Jahres sind 131 (Stand: November 2021) unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Kreis Konstanz aufgegriffen und durch das Kreisjugendamt in Obhut genommen worden.

Damit liegt die Quote im Kreis Konstanz um 19 Personen über dem landesweit festgelegten Soll, wie es in einer Mitteilungsvorlage des Kreisjugendhilfeausschusses heißt. Das Jugendamt und der Landkreis kämen dadurch an ihre Belastungsgrenzen, heißt es in der Vorlage weiter.

Bild 1: Es kommen immer mehr unbegleitete jugendliche Flüchtlinge über die Schweizer Grenze in den Kreis
Bild: Ute Schönlein/Maps4News | Quelle: Landratsamt Konstanz
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  1. Woher kommen die Flüchtlinge? Und wie alt sind sie? Die meisten, 86 Personen, stammen aus Afghanistan, gefolgt von Syrien mit 25 Personen und fünf aus der Ukraine, schreibt das Kreisjugendamt auf Anfrage des SÜDKURIER. Weitere Herkunftsländer sind zum Beispiel Guinea (drei Personen), Burundi und Marokko (jeweils zwei Personen, Türkei, Irak, Eritrea (jeweils eine Person). 34 der 64 aktuell durch das Kreisjugendamt betreuten unbegleiteten Jugendlichen und damit die größte Gruppe, seien zwischen 16 und 17 Jahre alt, heißt es auf Nachfrage des SÜDKURIER aus dem Kreisjugendamt. Sieben Personen sind zwischen 18 und 20 Jahren alt. Zehn Kinder sind jünger als 12 Jahre.
  2. Wo und wie werden die jungen Flüchtlinge untergebracht? In der Regel werden die Jugendlichen von der Bundespolizei aufgegriffen, schreibt Marlene Pellhammer, Sprecherin des Landratsamts. Sie alle erhalten eine medizinische Untersuchung in der Kinderklinik in Singen. Anschließend werden sie von verschiedenen Trägern betreut – oft in Jugendwohngruppen, zum Teil auch im Pestalozzi Kinderdorf in Wahlwies, das eines der Träger ist. Flexflow ist eine weitere Organisation, die sich von Radolfzell aus um die Jugendlichen kümmert. Welchem Träger sie zugewiesen werden, hänge vor allem vom Alter ab.
  3. Wie geht es den Jugendlichen? Alarmierend ist aus Sicht des Kreisjugendamts, dass der gesundheitliche Zustand vieler Jugendliche zunehmend schlechter ist als der jener Heranwachsender, die zwischen 2016 und 2017 ankamen. Es gebe Fälle von Haut- und Rachendiphtherie und auch die Tuberkulose-Fälle häuften sich. Eine Quarantäne bei Verdacht auf eine dieser Krankheiten sei in den Krankenhäusern des Gesundheitsverbunds nicht möglich. Doch auch bei den Trägern seien die Raumkapazitäten begrenzt, so dass eine Quarantäne schwer realisierbar sei. Nötig wären kleine Wohneinheiten mit eigenem Bad und Toilette, das stehe aber nicht für jeden Flüchtling zur Verfügung. Hinzu komme, dass im Kreis Konstanz momentan auch die Kapazitäten der Hausärzte knapp würden. Viele Hausärzte seien deshalb nicht bereit, neue Patienten aufzunehmen – geschweige denn unbegleitete Flüchtlinge, heißt es aus dem Kreisjugendamt.
  4. Wie steht es um die Bleibeperspektive der Jugendlichen? Diese sei sehr unterschiedlich und hänge vom Herkunftsland der Jugendlichen ab, schreibt das Kreisjugendamt auf Anfrage. Jugendliche etwa aus Albanien oder Marokko hätten keine guten Chancen zu bleiben. Wer aus Syrien oder Afghanistan ankomme, habe oft bereits eine Asylkarte aus Österreich. In Deutschland müsse im Asylverfahren geprüft werden, ob die Beantragung in Österreich Vorrang habe und die betreffenden Jugendlichen daher nach Österreich zurückgeschickt werden.
  5. Welche weiteren Probleme gibt es? Die Träger, die sich kümmern, haben wie viele andere Einrichtungen mit Fachkräftemangel zu kämpfen. Zudem hätten sie 2016/17 Strukturen aufgebaut, die sie wieder auflösen mussten, als weniger UMA kamen. Nun seien sie nur noch verhalten bereit, erneut Hilfsstrukturen aufzubauen, heißt es in der Mitteilungsvorlage.
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