Grundlegende Kenntnisse in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Politik – diese vier Bausteine sind für den Hauptschulabschluss unerlässlich. Wie eine Klasse aus 16 erwachsenen Flüchtlingen dieses Ziel hochmotiviert angeht, ist spürbar, wenn man etwa einer Mathematikstunde beiwohnt. Die so genannte VABO-E-Klasse – eine Vorbereitungsklasse für Erwachsene für den Hauptschulabschluss (siehe Infotext) – ist ein Projekt der Beschäftigungsgesellschaft, das zum vierten Mal läuft.

„Ich bekam eine Stelle nicht, weil ich nur das B1-Niveau in Deutsch nachweisen konnte.“ Faith Imaguomwanrhuo aus Nigeria
„Ich bekam eine Stelle nicht, weil ich nur das B1-Niveau in Deutsch nachweisen konnte.“ Faith Imaguomwanrhuo aus Nigeria | Bild: Susanne-Gehrmann-Röhm

16 Schüler auf sechs Nationen

„Eine Firma möchte auf einem Plakat der Größe 70 x 100 Zentimeter 150 Sticker der Größe 4,9 x 6,7 Zentimeter in Originalgröße abbilden. Wie viel Prozent der Fläche des Plakates sind dann mit Stickern bedeckt?“ – Diese Aufgabenstellung lag neulich auf den Tischen der 16 Schülerinnen und Schüler, die sich zurzeit auf den externen Hauptschulabschluss vorbereiten. Das besondere an der so genannten „VABO-E“-Klasse: Alle Schülerinnen und Schüler sind erwachsene Flüchtlinge, die seit September an dem Kurs bei der Beschäftigungsgesellschaft des Landkreises Konstanz teilnehmen.

Auch Kebbeh Alhagie hat ein klares Ziel vor Augen: „Ich würde gern Installateur werden“, sagt der Gambier.
Auch Kebbeh Alhagie hat ein klares Ziel vor Augen: „Ich würde gern Installateur werden“, sagt der Gambier. | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Es ist bereits die vierte Klasse, die seit 2018 dieses Ziel in Angriff nimmt. „Wir haben diesmal fünf Schülerinnen und elf Schüler aus sechs Nationen im Boot“, erklärt Manfred Hensler, der die Klasse in Mathematik unterrichtet. Von Hensler, bis zum Eintritt in den Ruhestand Schulleiter der Robert-Gerwig-Schule in Singen, ging auch die Initiative für diese Form der Vorbereitungsklasse aus.

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Kein Unterricht im Heimatland

Für erwachsene Flüchtlinge, die in ihrer Heimat oft wenige Schuljahre absolviert haben, sei es schwierig, einen Hauptschulabschluss nachzuholen. Auch haben die Schüler oft wegen zu geringer Deutschkenntnisse zum Beispiel im Matheunterricht manchmal Schwierigkeiten, Textaufgaben zu verstehen. Deshalb geht Manfred Hensler im Unterricht durch die Reihen und hilft bei Verständnisschwierigkeiten. Schnell hatte Heba Ali (24), die aus Syrien stammt, eine weitere Text-Aufgabe gelöst, bei der sie die Summe für einen Einkauf verschiedener Dinge ausrechnen musste und daraus schließen sollte, wie viele Stickerpäckchen man denn nun bekommt, wenn es für 15 Euro Einkauf ein Bonuspäckchen gibt.

„Meine Familie musste, als ich zehn war, in den Iran fliehen, wo ich aber nicht zur Schule gehen durfte“. Saber Safi aus Afghanistan. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm
„Meine Familie musste, als ich zehn war, in den Iran fliehen, wo ich aber nicht zur Schule gehen durfte“. Saber Safi aus Afghanistan. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Die Schulbildung

Bei den Kursteilnehmern ist die Schulbildung, die sie in ihren Heimatländern hatten, ganz unterschiedlich. So konnte Heba Ali in Syrien zehn Jahre in die Schule gehen, während Saber Safi (26) aus Afghanistan keine Schule besucht hat: „Meine Familie musste, als ich zehn war, in den Iran fliehen, wo ich aber nicht zur Schule gehen durfte.“

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Nach dem Hauptschulabschluss geht es weiter

Dass Deutschkenntnisse sehr wichtig sind, hat Faith Imaguomwanrhuo (29) aus Nigeria erfahren, als sie sich um einen Ausbildungsplatz bewarb. „Ich habe ihn dann nicht bekommen, weil ich nur das B1-Niveau in Deutsch nachweisen konnte“, sagt sie. „Ich möchte nach dem Hauptschulabschluss einen Deutsch-Kurs auf dem C1-Niveau machen“, sagt der Uigure Abudurezhake Jumai (26). Nach dem Hauptschulabschluss würde er am liebsten eine Ausbildung im Bereich Informatik oder Grafikdesign machen.

„Ich möchte nach dem Schulabschluss einen Deutsch-Kurs auf dem C1-Niveau machen.“ Abudurezhake Jumai aus China
„Ich möchte nach dem Schulabschluss einen Deutsch-Kurs auf dem C1-Niveau machen.“ Abudurezhake Jumai aus China | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Heba Ali und Saber Safi möchten nach dem Hauptschulabschluss eine zweijährige Schulart an der Robert-Gerwig-Schule besuchen, nach der sie die Fachhochschulreife haben würden. Andere wie Kebbeh Alhagie (22) aus Gambia oder Abdul Badeq Nazari (33) aus Afghanistan suchen einen Ausbildungsplatz. „Ich würde gern Installateur werden“, sagt Kebbah Alhagie aus Gambia, der bereits ein Praktikum bei einer Sanitärfirma gemacht hat. Oder Feuerwehrmann, aber das sei für ihn nicht möglich, sagt er. Eguavoen Osaruese (24), ebenfalls aus Nigeria, sowie Faith Imaguomwanrhuo würden gern eine Ausbildung als Krankenschwester oder Arzthelferin machen.

Viel Fleiß und Ehrgeiz

Anfang Juli werden die Schülerinnen und Schüler aber erstmal die externe Hauptschulabschlussprüfung machen. Bei den ersten drei VABO-E-Klassen lag die Erfolgsquote bei 80 Prozent, so Mareike Binder, Seminarleiterin bei der Beschäftigungsgesellschaft des Landkreises. Manfred Hensler wünscht sich für seine hochmotivierten Schützlinge, dass sie nach dem Abschluss eine Ausbildung machen können, sofern sie nicht weiter auf die Schule gehen. „Die Klasse zeichnet sich durch besonderen Fleiß, Ehrgeiz, außergewöhnlich hohe Anwesenheitsquote und gutes Klassenklima aus“, lobt Hensler.